Schwebender Klang

Bei den ersten Tönen schließe ich die Augen. Ich lehne mich an die harte Holzbank, lege die Hände ineinander, vergesse die Menschen um mich.
Der Klang ist auf allen Seiten, ist oben und unten, hüllt mich ein. Barocke Melodien, mal zart schwebend wie Seide, dann kraftvoll und mächtig wie Brokat. Dazwischen ein helles Glockenspiel.
Ich ärgere mich kurz, dass ich am Eingang vergessen habe, ein Programm mitzunehmen. Die Musik schwemmt diese Gedanken fort. Sie ist einfach schön, es ist egal, wer sie schrieb, wie sie heißt. Und am Ende des Orgelkonzerts erkenne ich Bach, einen Kanon, die Toccata. Als die Orgel schweigt, öffne ich die Augen, blinzele mich langsam zurück in die Wirklichkeit.
Der Dom St. Stephan in Passau ist eine beeindruckende Barockkirche, soll den größten Kircheninnenraum nördlich der Alpen besitzen. Und in ihm klingt die größte Orgel Europas, deren fünf Orgelwerke vom Hauptspieltisch auf der Empore gespielt werden. Und wer Passau besucht, darf sich das halbstündige Mittagskonzert nicht entgehen lassen, las ich im Reiseführer.
Ich bin keine Verehrerin klassischer Musik, schon gar nicht von Orgelmusik, aber ich bin neugierig. Ich wollte diese Kirche sehen, diese Orgel hören.
Kurz vor halb zwölf öffnen sich die Eingangstüren, die Schlange der Touristen windet sich langsam in den Dom. Eintrittsgeld zahlen, eine Karte erhalten, dann dürfen wir uns eine Weile frei bewegen.
Hohe Säulen aus weißem Stein mit üppigen Stuckverzierungen tragen ein Gewölbe, das fast 30 Meter hoch ist. Die Kirche ist lichtdurchflutet, hell und luftig. Seitenaltare und Fresken bringen Farbe und Gold ins Spiel.
Ich schlendere von Säule zu Säule, den Kopf im Nacken, um die Deckenbemalungen zu bewundern. Staune über den Hochaltar, der die Steinigung des Heiligen Stephanus darstellt und matt glänzt wie altes Silber. Setze mich schließlich neben meinen Holger in eine der Kirchenbänke.
Ein Herr tritt an ein Rednerpult, erläutert auf Deutsch und Englisch die Geschichte des Domes und der Orgel. Spricht von 17.794 Pfeifen, 233 klingenden Registern und vier Glockenspielen. Er fasst sich kurz und bittet die Anwesenden, während des Konzerts nicht herumzugehen. Dann setzt er sich und der Organist beginnt seine Kunst.
Bei den ersten Tönen schließe ich die Augen.
Uta-Traveller - 10. Oktober, 20:58

