Dienstag, 19. Februar 2008

Wo bleibt die Zeit? - unsortierte Gedanken (Teil 1)

Im Dezember 2005 habe ich mir Gedanken gemacht zu einem Thema, das die Junge Akademie (Berlin-Brandenburg) als "Frage des Jahres" gestellt hatte. Und weil der Text gerade gut passt, werfe ich ihn euch nun in Einzelteilen zu.

Wo bleibt die Zeit?
Das fragen sich die meisten Menschen wieder und wieder. Wenn der Arbeitstag vorüber ist und immer noch ein dicker Stapel unerledigter Aufgaben auf dem Schreibtisch liegt. Wenn die Kinder auf die weiterführende Schule wechseln, dabei hat man vorhin erst das Bild mit der Schultüte aufgenommen. Wenn man mit der eigenen Mutter umgeht, wie diese es früher mit der Oma getan hat.
Wo bleibt die Zeit? Die Minuten, die Stunden, die Tage und die Jahre.
Als Kind waren drei Wochen Schulferien eine Ewigkeit, als Erwachsener ist ein Jahr oft nicht viel mehr als ein Augenblick. Einstein hatte Recht: Zeit ist relativ.

Eine Stunde ist ausgesprochen dehnbar. Wartet man auf einen Telefonanruf, auf das Ergebnis einer Prüfung, auf die Ankunft eines ersehnten Menschen, zieht sich die Zeit wie Kaugummi. Eine Minute muss mehr als sechzig Sekunden haben, eine Stunde unsagbar viele Minuten, wenn man auf ihr Verstreichen lauert. Immer neue Sekunden, immer neue Minuten stellen sich in die lange Reihe der vergangenen Zeit.
Die Zeiger der Wanduhr rücken vorwärts. Nach sechzig Schritten des dünnen Sekundenzeigers klickt der lange Minutenzeiger einen Strich weiter, der kompakte Stundenzeiger rührt sich ein Winziges der nächsten Zahl entgegen. Die Stunde geht nicht um. Du hast das Gefühl, du müsstest nur einmal für einen Wimpernschlag zur Seite blicken, dich ablenken lassen vom Ziffernblatt, und die Zeiger springen hinterhältig zurück, um dann ihr Vorwärtsschreiten scheinheilig wieder aufzunehmen.
Aber wehe das Ende der Stunde ist auch das Ende einer knapp gesetzten Frist. Dann fliegen die Zeiger von Strich zu Strich, von Zahl zu Zahl und eilen voran, um uns unter Druck zu setzen. Treffe ich pünktlich zum Essen bei Freunden ein? Erreiche ich den Zug, bevor er den Bahnhof verlässt? Werde ich rechtzeitig fertig mit meiner Arbeit, meinem Test, meiner Klausur?
Zeit scheint keine feste Größe, verändert ihre Länge wie ein elastisches Band, staut sich auf oder schmilzt dahin. Salvador Dalís zerfließende Uhren als Sinnbild, als Symbol für die flüchtige, nicht greifbare Zeit.

Unser Gefühl ist wohl nicht zuverlässig genug, um Zeit wirklich zu erfassen. Doch der Mensch ist erfinderisch, der Mensch erfand die Uhr. Die Kirchturmuhr gibt die Stunden an. Sie schlägt sogar alle Viertelstunden, in Bayern oft Tag und Nacht. Bewusst nimmt man diese Zäsuren erst wahr, wenn sie einmal fehlen, wenn die Glocke nicht schlägt. Armbanduhren lassen uns die Zeit immer bei uns tragen. Wanduhren ziehen unsere Augen wie magisch an. Unbewusst werfen wir immer wieder einen Blick auf die Zeit. Wecker mit großen, digitalen Leuchtanzeigen geben uns selbst in den halbwachen Momenten unseres Schlafs Orientierung über die Stunden und Minuten, die wir noch unter der warmen Decke verbringen dürfen.

Uhren teilen unseren Tag in 24 Stunden, geben uns ein Maß, um einzuteilen, was wir tun. Acht Stunden für die Arbeit, acht Stunden für den Schlaf und acht Stunden für alles andere. Für Essen und Trinken, für Gespräche mit Freunden, für Lesen und Schreiben, für all die Kleinigkeiten, die unsere Zeit ausfüllen. Und für die die Zeit oft nicht ausreicht.
Immer genauer, immer penibler wird diese Einteilung. Früher genügte der Lauf der Sonne, von ihrem Aufgang bis zum Sonnenuntergang, um die Arbeitszeit festzulegen. Im Sommer war der Tag länger als im Winter, doch das empfanden die Menschen als sinnvoll, gab es doch in dieser Jahreszeit auch mehr Arbeit.

Die Industrialisierung beschleunigte den Takt. Arbeitszeit war rund um die Uhr. Hell oder dunkel, Sonne oder Mond, Tag oder Nacht, es musste produziert werden. Maschinen durften nicht still stehen. Schichtdienst. Akkord. Zeit wurde vom natürlichen Rhythmus abgekoppelt, wurde eine Macht für sich.
Für unsere schnelllebige Welt musste die Zeitmessung immer präziser werden. Der Tee soll drei Minuten ziehen, das Ei viereinhalb Minuten kochen. Der Kurzzeitwecker erinnert uns durch schepperndes Klingeln oder durchdringendes Piepsen an den Ablauf der eingestellten Zeitspanne. Sklaven der Zeit sind wir geworden.

(Fortsetzung folgt)

Auf Travellers Pfaden

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