Samstag, 12. Januar 2008

Statistik hin - Statistik her ...

... mich erschreckt die momentane politische Diskussion sehr.

Seit kurzem kocht das Thema Jugendkriminalität in vielen Radio- und Fernsehsendungen hoch: zunehmende Brutalität der Straftaten und ein - laut Statistik - hoher (steigender) Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Ich habe gerade ein wenig nachgelesen, z.B. hier, und dabei festgestellt, dass diese anscheinend klare Auslegung von Daten gar nicht so klar und eindeutig ist. Vor allem besteht die Frage, ob wirklich mehr Straftaten begangen oder ob nur mehr Straftaten angezeigt werden.

Das Problem um gewaltbereite Jugendliche darf natürlich nicht unter den Tisch gekehrt und ignoriert werden. Ich glaube allerdings nicht, dass verschärfte Strafen das Problem selber lösen können.
Warum reagieren Jugendliche aggressiv? Warum prügeln sie auf andere ein, auf Schwächere, auf Wehrlose? Was lässt ihren Frust so groß werden? Warum gerade Kinder aus ausländischen Familien?

Im Fernsehen habe ich vor zwei Tagen einen Wissenschaftler gehört, der einen deutlichen Zusammenhang aufzeigte zwischen der Integration der Kinder und ihrer Gewaltbereitschaft. In Stadtvierteln, in denen ausländische Kinder nicht ausgegrenzt werden, in denen sie zum Beispiel von Schulkollegen zu Geburtstagspartys eingeladen werden, in diesen Stadtvierteln ist die Kriminalitätsrate deutlich geringer.
Sollte uns das nicht zu denken geben?

Was meint ihr zu diesem Thema?
Pia (anonym) - 13. Januar, 06:27

Jugend

Ein häufiger Grund für Gewalt unter Jugendlichen ist, auch meiner Ansicht nach, die Perspektivlosigkeit.
Da kann, zum Teil. ein Elternteil nicht vernünftig die deutsche Sprache, die Mütter werden immer noch hinter verschlossenen Türen unterdrückt, der arbeitslose Vater schlägt selbst zu, um sich innerhalb der Familie Respekt zu verschaffen.
Eine Studie hat ergeben, dass Mädchen die geschlagen werden, werden häufig zu Depressionen neigen, sie ziehen sich in sich zurück, die Jungen schlagen...sie sehen es ja nicht anders, es ist quasi ein anerzogenes Verhaltensmuster.

Respekt verschaffen, Respekt und Anerkennung den sich die Jugendlich eben nicht durch Arbeit, durch gutes Lernen, durch soziale Kontakte holen können.
Ich denke auch nicht das verschärfte Gesetze da helfen, ebenso wenig wie diese Camps ( die ja schon in den USA nicht das gehalten haben, was man sich davon versprochen hat)
Gebt den Kids Aufgaben, sozialisiert sie. Man hat jahrelang fremdländische Kulturen aufgenommen ohne sich Gedanken über eine Integration zu machen .
Diese Eskalation von Gewalt müssen sich die Politiker auf ihre Fahne schreiben ( Politiker aller Colour) .
Ein Wegsperren und sei es auch nur in Camps, löst das Problem nicht, weil meiner Ansicht nach weitere gewaltbereite Jugendliche nachwachsen. Nicht das Übel bekämpfen wenn es schon groß ist, sondern noch vor dem Beginn.

Lieben Gruß von Pia

petros (anonym) - 13. Januar, 16:50

Das Schlimme

in dieser stattfindenden Diskussion ist, dass es nur ein wahlkampftaktisches Thema ist. Populismus ist modern in der Politik.

LG
Petros

Uta-Traveller - 13. Januar, 20:47

Tja, und jetzt wurde noch einer draufgesetzt:
die Forderung, dass auch unter 14 jährige bestraft werden sollen nach Jugendstrafrecht

klar, es gibt einige Kinder, die extrem gewaltbereit sind
oder Kinder, die als Taschendiebe der Polizei wohlbekannt sind, gegen die aber nichts unternommen werden kann

in anderen Ländern (z.B. Österreich) werden in diesen Fällen die Eltern zu Strafen herangezogen
wenn ich das richtig verstanden habe

immer geht es nur ums Strafen
Pia hat recht: man sollte versuchen, die Ursachen der Kriminalität anzupacken
und Petros: ja, ein typisches Thema für Wahlkampfzeiten

Un Sourire (anonym) - 14. Januar, 07:20

...aus einer Schule...

...kommend in der es anders ging, habe ich viele, viele Nationalitäten kennengelernt. Natürlich ist ein Gymnasium ein anderer Hintergrund als eine Hauptschule, aber das Thema Integration war und ist nach wie vor der Politik nur als Wort bekannt. Von der Umsetzung dieses Wortes sieht man noch heute nichts. Es wird zugelassen, dass sich in den Städten und Orten richtiggehend Enklaven bilden. Jede Nationalität bleibt unter sich - für sich.
Integration fordert von allen Seiten Einsatz. Politik, Bürger, Zuwanderer. Mit Haudraufsprüchen hat man diese Aufgabenstellung in den letzten vierzig Jahren niedergekämpft und ist einer Lösung nicht einen winzigen Schritt nähergekommen.

Zeit sich zu wandeln.

Betrübte Grüße,

Un Sourire

Uta-Traveller - 14. Januar, 07:59

Ja, ich glaube auch, dass diese Enklaven-Bildung ein großes Problem ist. Die einzelnen Gruppen bleiben unter sich - ob gewollt oder gezwungenermaßen sei dahingestellt.

Und du sprichst einen wichtigen Punkt an: alle gesellschaftlichen Gruppen müssen die Integration wollen und etwas dafür tun. Und da hakt es wohl am meisten.

Grüße in deinen Tag
Uta
Wally P. (anonym) - 14. Januar, 11:18

Jugendkriminalität mit härteren Strafen zu begegnen, mag im Einzelfall vielleicht tatsächlich angebracht sein, aber allgemein geltend ist dies sicherlich keine Lösung für das Problem.
Dass das Thema Jugendkriminalität aber mal auf den Tisch kommt, dafür war es, meiner Meinung nach, höchste Zeit! Sie hat in den letzten Jahren auch hier bei uns ´auf dem Land´ ein Ausmaß angenommen, dass erschreckend ist.

Das Hauptproblem für die hohe Jugenkriminalität liegt, meiner Meinung nach, darin, dass die Jugendlichen - und nicht nur die ausländischen, sondern auch die deutschen Jugendlichen! - zu früh, zu sehr sich selbst überlassen bleiben, zu viel alleine sind.
In früheren Zeiten gab es viel mehr öffentliche Jugendtreffs, wo sich Jugendliche begegnen, finden und sich annähern, gemeinsame Interessen entwickeln, ihre Probleme unter Gleichgesinnten in ruhigem, gemütlichen Rahmen loswerden konnten.

Wir hatten damals im Ort ùnseren "Jugendring", der von älteren Jugendlichen geführt und von einem eigens dafür eingesetzten "Jugendpfleger" der Verbandsgemeinde beaufsichtigt wurde, der auch das finanzielle Bindeglied zwischen Jugendring und Gemeinde darstellte, wenn es darum ging Geld zu beantragen, um gemeinsame Ausflüge, wie z.B. Schlittschuhlaufen oder einen Tagesausflug ins benachbarte Luxemburg o.ä. zu organisieren. Wir haben auch z.B. Discos eigenhändig geplant, organisiert, veranstaltet. Dafür wurde ein Plan aufgestellt, wer, wann, "Dienst" hatte, z.B. zum Gläser spülen, an der Getränketheke helfen, oder Tische sauber halten, Musik auf den Plattenteller legen u.ä. Möglichst viele Jugendliche wurden zum Mithelfen eingebunden. Und es hat allen Spaß gemacht, schaffte eine Ebene der Gemeinsamkeit, die nur dann möglich wird, wenn man `miteinander anstatt gegeneinander´ arbeitet.
Einmal im Jahr trafen sich alle Jugendclubs zur "Sternwanderung". Das war eine Nachtwanderung, zu der sich alle Clubs an einem bestimmten Abend per pedes aufmachten und an einem Ziel trafen. Dort gab es dann was zu essen, zu trinken, gemütliches Beisammensein am Lagerfeuer, mit fröhlichen Gesängen und Gitarrenklängen......
... oh, heile Zeit, wo bist du hin?... - Abgeschafft - weil heutzutage kaum noch einer bereit dazu ist (weder Politik, noch Ämter, noch Privatleute) unentgeltlich Verantwortung für Jugendliche zu tragen und ihnen zu helfen, zu erlernen, selbst mehr Verantwortung für sich selbst und andere zu tragen?

Ich habe selbst in meiner Jugend Jugendgruppen geleitet, und weiß, was möglich ist, wenn sich Jugendliche ernst genommen fühlen und wie dankbar sie sind für ein offenes Ohr, dass ihnen zuhört oder ihnen Tipps gibt, wenn sie was "verbockt" haben und sie sich nicht trauen mit ihren Eltern darüber zu reden. Gesprächsrunden mal locker lustig, mal ernsthaft, nach Altersgruppen gestaffelt - oftmals war ich baff erstaunt, wie viele Jugendliche zu den Gruppenstunden gekommen sind, sich sogar gefreut haben, auf diese eine Stunde in der Woche, "mit vielen anderen zusammenzusitzen" , erstaunlich auch, wie "Quertreiber" und "Streitsucher" nach und nach ruhiger wurden und sich mehr in die Gemeinschaft einfügten, weil sie mitmachen, "dabei sein" wollten.

Oh Gott, Uta, sorry, soviel wollte ich gar nicht schreiben...*lach*. Lange Rede, kurzer Sinn, denn eigentlich wollte ich nur einen bestimmten Punkt in die Diskussion bringen: Ich bin der Meinung, dass die Jugend unserer heutigen Zeit mehr Orientierungshilfe braucht, um sich entwickeln zu können. Denn oftmals sind ihre gewalttätigen Aggressivitäten nur ein Hilferuf dafür, dass sie orientierunglos, ohne Perspektiven vor sich dahin leben, sind Ängste, weil sie nicht wissen, wo sie "hin sollen, oder hin wollen".
Es fehlt ihnen an Halt - am Halt einer Gemeinschaft, zu der sie sich dazugehörig fühlen und in der sie wachsen und reifen können

meint Wally

Un Sourire (anonym) - 14. Januar, 19:33

dazu eine Anmerkung

In den hiesigen Gefilden, wird ein Jugendpfleger nach dem anderen abgeschafft - zu teuer für die armen Gemeinden. Für hitzige Diskussionen in der Öffentlichkeit hat´s gereicht, aber leider hat man es schlussendlich mit einem betrübten Schulterzucken zur Kenntnis genommen.

Vielleicht ist es Zufall, aber seither treiben "extreme Geister" hier vermehrt ihr Unwesen.
Vermutlich könnte man einen ganzen eigenen Blog damit füllen

fürchtet

Un Sourire

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