Osterbesuch
Sie saß auf dem beige gemusterten Sofa, die Beine übereinander geschlagen, die Hände verschränkt im Schoß. Der Polsterstoff stach wie feine Nadeln durch ihre Gabardinehose. Trüge sie Jeans, würde sie nichts spüren. Aber Jeans waren unmöglich an Ostern. Sie hockte dort und versuchte, den Gesprächen der älteren Verwandtschaft zu folgen.
"Und weißt du, wer auf der Beerdigung vom Ewald war? Die Hanne. Hab sie ja schon ewig nicht gesehen, ist aber immer noch so schlampig wie früher. Nur grau eben. Die hatte doch glatt eine hellgrüne Hose an. Auf einer Beerdigung. Stell dir mal vor."
Entrüstetes Kopfschütteln, dass die getönten Locken wippten.
"Der ihr Sohn ist jetzt schon wieder arbeitslos. Die Firma hat Pleite gemacht. Kann er ja nichts dafür. Aber bis der mal wieder eine Stelle findet, nee, nee."
"Ist ja auch schwer heutzutage. Überall machen die Firmen zu." Der ältere Herr nickte wissend. "Die Konzerne verdienen sich eine goldene Nase und die Arbeitnehmer sehen nichts davon."
Er setzte an zu einem Monolog über den Kapitalismus und die Frau auf dem Sofa seufzte innerlich. Sie fixierte ihr Wasserglas und beobachtete die Reflexe im geschliffenen Muster, wenn sie den Kopf leicht zur Seite neigte.
Als Kind hatte sie diese Verwandten-Treffen gemocht. Sie hatte sich auf das marokkanischen Sitzkissen neben dem Sofa gekuschelt und still gelauscht, was die Erwachsenen erzählten. Da ging es um Urlaubserlebnisse und Hochzeiten, um die Erinnerung an die erste Liebe und das samstägliche Tanzen kurz nach dem Krieg. Da wurde geschwärmt von süßen Likören und schicken jungen Männern im Anzug.
Und das Kind schloss die Augen und machte sich klein, damit die Großen vergessen sollten, wer da noch zuhörte. Und die Großen vergaßen und erzählten und erinnerten sich und lachten.
Und plötzlich hörte sie die Stimme ihrer Mutter: "Du bist ja noch gar nicht im Bett!" Dann konnte sie bitten und betteln, sie musste ins Bad zum Zähneputzen.
"Du sagst ja gar nichts, Marlies."
Die Frau auf dem Sofa zwinkerte und rückte sich gerade. Waren die Gespräche heute wirklich so anders geworden? So negativ, so bitter? War die Welt so anders oder die Menschen? Oder war sie einfach kein Kind mehr?
"Und weißt du, wer auf der Beerdigung vom Ewald war? Die Hanne. Hab sie ja schon ewig nicht gesehen, ist aber immer noch so schlampig wie früher. Nur grau eben. Die hatte doch glatt eine hellgrüne Hose an. Auf einer Beerdigung. Stell dir mal vor."
Entrüstetes Kopfschütteln, dass die getönten Locken wippten.
"Der ihr Sohn ist jetzt schon wieder arbeitslos. Die Firma hat Pleite gemacht. Kann er ja nichts dafür. Aber bis der mal wieder eine Stelle findet, nee, nee."
"Ist ja auch schwer heutzutage. Überall machen die Firmen zu." Der ältere Herr nickte wissend. "Die Konzerne verdienen sich eine goldene Nase und die Arbeitnehmer sehen nichts davon."
Er setzte an zu einem Monolog über den Kapitalismus und die Frau auf dem Sofa seufzte innerlich. Sie fixierte ihr Wasserglas und beobachtete die Reflexe im geschliffenen Muster, wenn sie den Kopf leicht zur Seite neigte.
Als Kind hatte sie diese Verwandten-Treffen gemocht. Sie hatte sich auf das marokkanischen Sitzkissen neben dem Sofa gekuschelt und still gelauscht, was die Erwachsenen erzählten. Da ging es um Urlaubserlebnisse und Hochzeiten, um die Erinnerung an die erste Liebe und das samstägliche Tanzen kurz nach dem Krieg. Da wurde geschwärmt von süßen Likören und schicken jungen Männern im Anzug.
Und das Kind schloss die Augen und machte sich klein, damit die Großen vergessen sollten, wer da noch zuhörte. Und die Großen vergaßen und erzählten und erinnerten sich und lachten.
Und plötzlich hörte sie die Stimme ihrer Mutter: "Du bist ja noch gar nicht im Bett!" Dann konnte sie bitten und betteln, sie musste ins Bad zum Zähneputzen.
"Du sagst ja gar nichts, Marlies."
Die Frau auf dem Sofa zwinkerte und rückte sich gerade. Waren die Gespräche heute wirklich so anders geworden? So negativ, so bitter? War die Welt so anders oder die Menschen? Oder war sie einfach kein Kind mehr?
Uta-Traveller - 24. März, 20:21

