Szene am Steg

"Na, wollen sie heute nicht beißen?"
Nach einem flüchtigen Blick in den leeren Wassereimer setzte sich Peter neben seinen Freund Moritz auf den Bootssteg.
"Ist heute nicht mein Tag", murmelte Moritz verdrossen und hielt die Angel ausgestreckt über das Wasser. Er starrte den orangefarbenen Schwimmer an, der sanft mit den Wellen auf und ab wippte. Wellen, die ihm schon seit Stunden entgegen liefen und unter dem Steg im Dunkel verschwanden. Wellen, die ihre Farbe ständig veränderten. Tiefblau mit silbernen Reflexen, dann zunehmend grauer, als Wolken den Himmel mit einer trüben Decke überzogen. Jetzt, am späten Nachmittag, waren sie smaragdgrün und goldgesprenkelt.
"Ich glaube, ich habe eine Midlife Crisis."
Moritz hob den Kopf und sah seinem Freund direkt ins Gesicht.
"Sagt man das noch, Midlife Crisis? Ein furchtbares Wort, oder?"
Er grinste gequält und wandte sich wieder der Angel zu. Kein Zucken des Schwimmers, kein noch so kleiner Fang am Haken. Er holte langsam die Leine ein und prüfte den Sitz des Köders, ehe er mit müdem Schwung die Angel wieder auswarf. Die Schnur surrte von der Rolle, ein winziges "Plitsch" und Moritz schaute wieder auf das Wasser.
"Früher habe ich immer gelacht über Menschen, die sich selbst finden wollten", setzte Moritz sein Lamento fort. Peter nickte und gab ein zustimmendes Grunzen von sich.
"Ich habe meine Witze gerissen, wenn sie grelle Farben auf riesige Leinwände fingerten. Oder wenn sie aus glitschigem Ton unförmige Figuren kneteten, um ihr wahres Ich zu erkennen." Er stockte.
"Heute wünsche ich, es wäre so einfach und ich könnte das auch."
Peter sah ihn ungläubig von der Seite an. "So kenne ich dich überhaupt nicht. Seit wann diese Selbstzweifel? Du, der du immer so bestimmt bist, so klar. Moritz, der Macher, der alles anpackt und alles zu Ende bringt."
"Schleichend", antwortete Moritz. "Schleichend kommt die Erkenntnis, dass du eine alte Straßenbahn bist, die in eingefahrenen Gleisen läuft. Du gehst jeden Morgen zur Arbeit, reißt deine Stunden ab, gehst nach Hause zur Familie. Essen, Fernsehen, Schlafen. Ein neuer Tag und alles von vorne. Jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr." Schweigen.
"Die Kinder werden größer, suchen ihren eigenen Weg. Und dann fragst du dich: Soll ich so noch zwanzig Jahre weiter machen?" Er zuckte mit den Schultern.
Peter warf lakonisch ein: "So ist das nun mal im Leben. Sei froh, dass du einen gut bezahlten Job hast und eine intakte Familie."
"Siehst du", klagte Moritz. "Ich weiß, ich sollte dankbar sein. Ich weiß, ich sollte nicht nörgeln. Aber in mir gibt es seit einiger Zeit eine Stimme. Eine Stimme, die mir zuraunt: Schäme dich nicht, Wünsche zu haben. Und sie flüstert: Wünsche können Wirklichkeit werden."
"Sind deine Wünsche denn so abwegig? So unerfüllbar?" wollte Peter wissen.
"Das ist ja mein Dilemma. Seit Stunden sitze ich hier mit der Angel in der Hand und horche in mich hinein. Ich starre den Wellen hinterher, bis mir schwindlig wird, und warte auf die Stimme. Warte darauf, dass meine Wünsche an die Oberfläche steigen wie Korken, die man unter Wasser loslässt."
"Und?"
"Nichts. Nichts passiert. Sie bleibt stumm. Sag mir, Peter, bin ich schon so abgestumpft, dass ich nicht mal mehr wünschen kann?" Moritz fuhr sich mit einer Hand durch das schütter werdende Haar und schlug sich mit der flachen Hand an die Brust.
"Verdammt, irgendwo da drinnen muss doch noch Leben sein!"

Peter war bei dem Klatschen erschreckt zusammengezuckt. Jetzt stieß er Moritz mit dem Ellenbogen in die Seite.
"Schau mal", versuchte er abzulenken. "Da schwimmt schon wieder Müll im Wasser."
Er zeigte auf etwas Glitzerndes, das sich im Rhythmus mit dem Schwimmer der Angel bewegte.
Moritz blinzelte und fixierte eine Flasche aus blauem Glas, die sich dem Steg mit jedem Auf und Ab näherte.
"Komisch, dass sie schwimmt. Warum läuft sie nicht voll Wasser und sinkt?", dachte er laut nach. "Und eine volle Flasche würde hier sowieso nicht treiben."
"Da ist ja wieder der kühle Analytiker", frotzelte Peter und grinste erleichtert.
Moritz hatte sich aufgerichtet und nach seinem Kescher gegriffen. Wenn schon keine Fische, dann wollte er wenigstens diese seltsame Flasche an Land ziehen.
"Schau mal, da steckt der Korken drin. Deshalb ist sie nicht untergegangen."
Er streckte den Bambusstock aus und versuchte, das Netz des Keschers unter die Flasche zu schieben.
"Lass den Dreck doch", gab Peter unwirsch von sich, aber Moritz reckte sich vor, soweit er konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren und ins Wasser zu rutschen. Nach mehreren Versuchen hob er Kescher und Beute mit einem triumphierenden "Na also!" hoch.
"Da ist ein Zettel in der Flasche, sieh nur." Moritz wurde immer aufgeregter.
"Eine Flaschenpost! Eine richtige Flaschenpost!" Er strahlte wie ein Kind.
"Weißt du, ich habe selber mal eine geschrieben", gestand er seinem Freund. "Ich muss zehn oder elf gewesen sein. Meine Flasche war dunkelgrün und ich habe sie in den Sommerferien ins Meer geworfen. - Ich habe nie eine Antwort bekommen."
Andächtig hielt Moritz die Flasche hoch und ließ das warme Licht der sinkenden Sonne hindurch scheinen. Er nestelte am Korken. Der war durch die Nässe gequollen und ließ sich nicht so einfach herausziehen. Neugierig geworden packte Peter mit an und hielt die Flasche mit beiden Händen fest. Moritz drehte und zerrte am Korken, bis der schließlich mit lautem "Plopp" nachgab.
Dann angelte er mit dem Zeigefinger in der Flasche und zerrte an einer gelblichen Papierrolle. Er hielt kurz inne.
"Das ist wie ein Zeichen. Ich weiß jetzt, was ich will. Ich werde mir Zeit nehmen, einen Jugendtraum zu verwirklichen. Ich verrate noch nichts, du wirst schon sehen." Er rollte das Blatt auseinander, überflog den Text, schluckte und las die Flaschenpost laut vor.
"Lieber Unbekannter! Wenn dich diese Worte erreichen, bin ich nicht mehr. Nach einem erfüllten Leben mit Wünschen und Träumen gehe ich in Frieden. Mein letzter Wunsch für dich: Lass dich von deinen Träumen leiten. Nur so wirst du das Glück finden."

*****

"Klappe, das war's!" rief der Regisseur seiner Mannschaft zu und klatschte in die Hände. "Wir haben die Szene im Kasten. Schluss für heute mit dem Kitsch! Feierabend!"

© U.L., Juli 2006

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