Donnerstag, 12. März 2009

Wie soll es weitergehen?

In Nachrichten- und Magazinsendungen scheint es (fast) nur ein Thema zu geben. Den gestrigen Amoklauf in Winnenden bei Stuttgart.
Es werden Vergleiche gezogen zu Erfurt (2002) und Emsdetten (2006), "Täterprofile" werden dargestellt, Parallelen im Werdegang aufgezeigt. Immer wieder geht es um die so genannten "Ballerspiele", um Waffen, die im Elternhaus vorhanden sind (Jäger oder Sportschützen).
Und immer wieder tauchen die gleichen Forderungen auf:
- den Zugang zu (das Eindringen in) Schulen erschweren
- die Waffengesetze verschärfen
- Ballerspiele verbieten

Damit kann man meiner Meinung nach solche Taten nicht verhindern. Das wäre, als würde man bei einer Krankheit nur die Symptome aber nicht die Ursache bekämpfen.

Immer wieder wird nach der "Schuld" gefragt und oft die Schule, der Leistungsdruck etc. dafür verantwortlich gemacht. Als ob man sich selber dadurch aus der Verantwortung nehmen könnte.

Aber immer häufiger höre ich auch von Gewaltprävention. Und das ist für mich der sinnvolle Weg. Und dazu gehören ganz verschiedene Ansätze.

Einerseits ist es wichtig, gegen jede Art von Gewalt direkt und konsequent vorzugehen. Dazu muss natürlich der Blick offen sein, um schon die Ansätze z.B. von Mobbing zu erkennen. Und der Wille muss da sein sich einzumischen. Das gilt natürlich gerade für Lehrer, aber in deren Ausbildung wird dieser Bereich immer noch stiefmütterlich behandelt.
Andererseits müssen die Kinder und Jugendlichen gestärkt werden, müssen ihr Selbstbewusstsein entwickeln, um nicht Opfer zu werden. Außerdem müssen ihnen Werte vermittelt werden, damit sie nicht Täter werden.
Es gilt, die Gemeinschaft zu stärken und das Konkurrenzdenken, das in unserer Gesellschaft und eben auch in der Schule schon lange zunimmt, zurückzudrängen.

Ich weiß, das ist alles nichts Neues. Das ist auch alles sehr allgemein und stark vereinfacht. Aber es ist ein Ansatz, den es zu verfolgen gilt.
Der Verein "Melle vernetzt e.V." ist ein gutes Beispiel dafür, dass es wichtig ist, an der Wurzel des Übels anzusetzen.
Hervorgegangen aus einer Elterninitiative, die für eine Grundschule ein Deeskalationstraining finanzieren wollte, hat sich ein breites Netzwerk zur Sucht- und Gewaltprävention gebildet.

Ich wünsche mir, dass es viele solcher Initiativen gibt, die sich der Vermeidung von Gewalt verschreiben. Zu Gewalt gehören natürlich auch verbale Angriffe und Mobbing.
Und ich wünsche mir, dass wir alle in unserem Alltag versuchen, aufmerksam mit unseren Mitmenschen umzugehen.

(Ihr merkt, mir ist zur Zeit übehaupt nicht nach Lyrik oder Limericks oder so. Vielleicht morgen wieder.)
Aurisa - 12. März, 19:51

Hallo Uta,
ich seh das genauso wie du.
Es bringt nichts immer nur an den Sympthomen kurieren zu wollen.
Nur... ich fürchte, so lange unsere Gesellschaft so ist, wie sie ist, so lange es hier also mehr gegen- als miteinander geht... so lange kann es an unseren Schulen und bei den Kindern und Jugendlichen nicht besser sein...
Viele Grüße
Aurisa

Uta-Traveller - 12. März, 20:23

Hallo Aurisa,

gegen- statt miteinander - das macht so viel kaputt
in der Schule ist Konkurrenz doch eigentlich gar nicht nötig
der eine bekommt doch nicht nur deshalb eine Eins, weil andere schlechtere Noten haben (mal so als Beispiel)

in Firmen z.B. wird Teamfähigkeit gefordert
aber wo sollen junge Menschen das lernen, wenn der Schwerpunkt auf Konkurrenz liegt
das finde ich richtig schizophren

Grüße zu dir
Uta
Aurisa - 12. März, 20:29

Hallo Uta,
doch... leider IST Konkurrenz heute schon in der Schule ganz normal...
Gerade das deutsche Schulsystem ist ja dafür gemacht um möglichst früh auszusieben...
Ich hab das als Kind am eigenen Leib erlebt... weil ich zwar intelligent bin... aber zu sensibel und mit dem was an der Schule so lief nicht fertig wurde...
Ich bin darum trotz Begabung zuerst an der Hauptschule gelandet und musste mich dann erst mühsam zum Abitur hocharbeiten...
Aus mir ist kein Amokläufer geworden... aber ich bin fast zerbrochen an unserem Schulsystem...
Und bei dem heutigen Leistungsdruck ist das sicher nicht besser geworden als damals bei mir...
Viele Grüße
Aurisa
Uta-Traveller - 12. März, 21:26

ja, Konkurrenz ist da, sollte aber eigentlich nicht sein, das meinte ich

die ältere Tochter von Freunden hatte in der 6. Klasse massive Probleme mit Mobbing
sie ist eine gute Schülerin, die von den Eltern unterstützt wird - das führte zu Neid
und die Lehrerin hat erklärt, die Kinder müssten das unter sich ausmachen
das Mädchen wurde immer stiller, zog sich zurück, bekam Bauch- und Kopfschmerzen und begann, die Schule zu hassen
die Eltern haben sich dafür eingesetzt, dass sie in eine andere Klasse kommt, und siehe da: sie hat jetzt Freundinnen, die Atmosphäre ist eine ganz andere dort, sie geht wieder gerne zur Schule

aber was wäre gewesen, wenn die Eltern sie nicht gestützt, gestärkt und sich für sie eingesetzt hätten?

lieben Gruß
Uta
schmollfisch - 13. März, 00:08

Auch meine Tochter ist in der Gesamtschule gemobbt worden wegen ihrer guten Noten. Es wurde erst besser, nachdem sie aufs Gymnasium gewechselt war.
Leider können die Lehrer nicht viel tun. Sie sind viel zu überlastet mit all dem bürokratischen Kram, der jedes Jahr mehr wird und letztlich nur den Effekt hat, sich zwischen Lehrer und Klasse zu schieben und den Blick zu verstellen. Dazu kommt, dass viele Eltern ihre Erziehungekompetenz an die Schule abgeben. Vieles von dem, was früher in der Familie an Miteinander und Füreinander gelernt wurde, soll heute die Schule den Kindern beibringen. Das kann doch gar nicht funktionieren.
All das ist ja seit langem bekannt. Was mich aber nachdenklich gemacht hat, ist eine Aussage, die ich im Zusammenhang mit den Vorgängen gestern zum ersten Mal hörte: Es wird zuwenig für die Jungs getan. Es gibt seit Jahren Mädchenprojekte und Mädchenförderung an den Schulen (ich zitiere jetzt, kann das nicht beurteilen), die Jungs werden mit ihren Problemen allein gelassen. Es muss sich doch zum Beispiel auswirken, dass so viele Jungs ohne Vater groß werden. Nach einer Statistik, die ich heute abend gehört habe, werden Jungs iim Vergleich zu Mädchen zum Beispiel seit Jahren immer leistungsschwächer, wenn man nach den Noten geht. Es gibt viel mehr Abiturientinnen als Abiturienten, auch der Notendurchschnitt klafft immer weiter auseinander. Lassen wir die Jungs allein?
Und möglicherweise besteht da auch tatsächlich ein Zusammenhang mit Computerspielen. Denn das Phänomen, dass acht Stunden täglich (!!!!!) am Rechner rumgezockt wird, ist weitgehend auf Jungs beschränkt.
Ich war von jeher froh, dass ich Mädchen habe. Mit Zickigkeit kann ich besser umgehen als mit Aggression.
Nachdenklichen Gruß von Anna!

Uta-Traveller - 13. März, 11:39

im Rahmen der Gleichberechtigung hat man lange Zeit "nur" Frauen bzw. Mädchen gefördert
davon, dass die Jungen ins Hintertreffen geraten habe ich vor einiger Zeit (ich glaube im Rahmen von Pisa) gehört

ich denke, aufgrund der hormonellen Unterschiede etc. wird auch ein grundsätzlicher Verhaltensunterschied bestehen zwischen Mädchen und Jungen
außerdem sind alte Rollenbilder immer noch tief in den Köpfen

so viele verschiedene Faktoren kommen zusammen, deshalb gibt es wohl auch keine "einfachen" Lösungen

lieben Gruß
Uta
Un Sourire (Gast) - 13. März, 06:16

Oberfläche/Detailversessenheit

Vielleicht birgt gar "unsere" Detailversessenheit eines der Probleme beim Thema Veränderungen. Diese werden immer direkt im Detail gefordert und einige von ihnen werden vielleicht, wenn meist auch nur halbherzig, durchgeführt. Ein Blick auf die Oberfläche unserer Gesellschaft könnte vielleicht viel mehr verraten, denn da sind es nur wenige die ihre Köpfe "oben" tragen und viele auf deren Existenz sie mit Füßen nicht nur stehen. Ihr habt das Wort KONKURRENZ hier hübsch auseinandergepflückt und davon gesprochen, dass Eltern ihre Erziehungskompetenz am Schultor abgeben. Die Konkurrenz ist nur einer von vielen Aspekten und RICHTIGE Konkurrenz kann sogar positive Effekte haben, dass sie hier aber meistens nur ins Negative umschlägt hat seinen Grund an der Mentalität "der Massen", die nur daraufhin zielt selbst oben zu stehen - Einzelkämpfertum halt.
Zur Erziehungskompetenz:
ein hübsches Wort, aber schaut es Euch mal genauer an. KOMPETENZ bedeutet unter anderem Fähigkeit! Wie viele Eltern sind heutzutage noch fähig ihre Kinder zu erziehen und vor allem wohin zu erziehen????

Damit will ich niemandem zu nahe treten, nur fragen möchte ich.

Einen möglichst angenehmen Freitag,

Un Sourire

Uta-Traveller - 13. März, 11:48

der Finger wird immer wieder auf einzelne Punkte gelegt - Details, ja
und das "große Ganze" wird dabei aus dem Blick verloren
und so sind die Ansätze oft Flickwerk; an einer Stelle nähst du ein Loch zu und reißt damit ein anderes auf

Konkurrenz ist solange eine positive Sache, wie sie anspornt ohne niederzudrücken
wenn mit allen Mitteln andere aus dem Rennen um irgendwelche Plätze gedrängt werden, finde ich das zum Kotzen

und zum Thema Erziehungskompetenz:
ich frage mich auch immer wieder, wie "Erziehung" in vielen Familien aussieht
ich kenne eine ganze Menge Familien, bei denen es ein Familienleben gibt mit gemeinsamen Mahlzeiten (und wenn es "nur" eine am Tag ist), mit gemeinsamen Unternehmungen oder Urlauben
da wird über Probleme gesprochen, die Eltern nehmen Anteil am Leben der Kinder ohne (bei den Pubertierenden) zu aufdringlich zu sein
und die Kinder wissen, dass sie jederzeit zu den Eltern kommen können und die hinter ihnen stehen
das merkt man den Kindern dann auch an

ein gutes Wochenende dir
Uta
schmollfisch - 13. März, 23:34

Ich möchte

als Anhang zu meinem letzten Post gern noch auf einen Artikel hinweisen, der in Spiegel-Online steht und den ich sehr interessant fand.
http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,545037,00.html
Auch wenn die Schlussthesen äußerst anfechtbar klingen - es ist viel Wahres dran, denke ich.
Gruß von Anna

Uta-Traveller - 14. März, 19:49

oh, da muss ich nachher mal schauen
danke für den Hinweis und
liebe Grüße
Uta
Uta-Traveller - 14. März, 20:17

ich hatte beim Lesen des Artikels ein sehr zwiespältiges Gefühl

die Unterschiede im Verhalten von Mädchen und Jungen kann ich nachvollziehen, ich denke auch, dass das nicht nur an der Erziehung durch die Eltern liegt

dass die schulische Umgebung den Mädchen eher entgegen kommt als den Jungen und die Arbeitswelt, etc. dann eher männlich geprägt ist, könnte ich auch noch unterschreiben

aber dass man z.B. die Kinder sich prügeln lassen soll, solange es nicht gefährlich wird , das finde ich eher bedenklich
Wally P. (Gast) - 16. März, 12:40

Ein Ereignis, das sehr betroffen macht, Ängste und Fragen aufkeimen lässt. Was macht einen Menschen zum Amokläufer? - Fraglich, ob dies je beantwortet werden kann. Vielleicht weiß der Amokläufer sogar selbst nicht, was ihn dahin getrieben hat. So, als wenn sich im Hirn ein Schalter umlegt, den derjenige nicht mehr aus eigener Kraft zurücksetzen kann, vielleicht. Den Anzeichen dafür auf die Spur zu kommen - man kann nur hoffen, dass es irgendwann gelingt.

^ - den Zugang zu (das Eindringen in) Schulen erschweren ^
Das kann ich dick unterschreiben! Nicht nur in Bezug auf Amokläufer. Denn jedes Mal, wenn ich meine Tochter wegen z.B. Übelkeit oder ähnlichem früher von der Schule abholen muss, geht mir beim Betreten der Schulhalle durch den Kopf, dass da jeder rein und raus gehen kann, wie er lustig ist, ohne dass es bemerkt wird. Der Hausmeister kann sich ja schließlich nicht ständig in der Eingangshalle aufhalten. Und das ist an den meisten Schulen so. Um der Sicherheit der Schüler (und natürlich auch Lehrpersonal) willen, fände ich es wichtig, dass sich in Schulen ein verglaster, mit Personal besetzter Pförtnerraum oder das Sekretariat (mit Glasscheibe zum Rausgucken) direkt am Eingang befindet.

Lieben Gruß,
Wally

Uta-Traveller - 16. März, 19:33

Liebe Wally,

ich kann mir vorstellen, dass dich mit zwei Kindern die Ereignisse besonders betroffen gemacht haben.

Soweit ich das bisher verstanden habe, gibt es bei den jugendlichen Amokläufern Parallelen. Sie stehen am Rand, werden gemobbt oder zumindest ausgegrenzt. Und das über längere Zeit. Sie wollen einerseits Aufmerksamkeit, kapseln sich andererseits ab, weil sie nur negative Erfahrungen gemacht haben. Und das baut so viel Druck auf, dass sie irgendwann explodieren.
Einmal Aufmerksamkeit, einmal im Mittelpunkt stehen.
Stark vereinfacht, wahrscheinlich zu stark.

Aber ich finde, das weist einen möglichen Weg:
einerseits ist mehr Gemeinschaft, mehr Achtsamkeit aufeinander wichtig. Und zwar in der Schule aber - und vor allem - auch im Elternhaus.
Die Jugendlichen brauchen in der Zeit der Pubertät, des Umbruchs zwar einerseits Freiheit, aber andererseits auch Unterstützung, damit sie ihren Weg finden können.
Andererseits muss schon bei kleinen Kindern dafür gesorgt werden, dass sie in aggressivem Verhalten keine Lösung für Probleme sehen (siehe Anti-Aggressivitäts-Trainings etc.).

Schulen quasi "abzuriegeln", Waffengesetze noch mehr verstärken (eher die Kontrollen), das alles hält niemanden wirklich davon ab, wenn er Amok laufen will.
Nicht diese "Symptome" gilt es zu kurieren, sondern die Ursachen zu packen.
Deshalb ärgere ich mich im Moment oft über die Aussagen, die in den Medien gemacht werden.

Das einzige, was wir tun können, ist in unserem Umfeld die Augen offen zu halten. Und positive Unterstützung zu geben, wo wir können.

Lieben Gruß
Uta

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