Letzte Woche der Anruf einer Freundin:
"Ich habe eine Führung zur Sonderausstellung im Wallraf-Richartz-Museum in Köln gewonnen. Van Gogh, Schuhe. In das Museum wollte ich sowieso schon lange mal. Und da habe ich an dich gedacht. Dich interessiert das doch auch, oder?"
"Aber ja", habe ich geantwortet, "wann findet deine Führung denn statt?"
"Am nächsten Mittwoch gegen halb eins. Und vorher würde ich gerne durch das Museum selber gehen."
Ich kalkulierte kurz, dass wir locker um halb drei wieder zu Hause sein konnten, die Nachhilfe begann um drei Uhr, das passte. Ich sagte zu und wir beide haben uns heute Morgen auf den Weg gemacht.
Viertel nach zehn standen wir im Museum an der Kasse. Vor uns eine Gruppe Vorschulkinder mit ihren Begleiterinnen, der Kassierer telefonierte, zuckte entschuldigend die Schultern, telefonierte weiter. Anscheinend war etwas mit der Anmeldung der Gruppe und ihrer bestellten Führung schief gelaufen. Nach einer Weile zog die Gruppe mit einer Museumspädagogin ab und wir konnten Eintrittskarten kaufen. Die Einladung zur Führung gab meine Freundin ab, erhielt die Info, dass ich mitgehen dürfe, wenn die Gruppe nicht zu groß sei.
Jetzt hatten wir zwei Stunden Zeit, uns die Sammlung des Museums anzuschauen. Laut Plan befanden sich im ersten Stock das 13. bis 16 Jahrhundert, darüber das 17. und 18. und ganz oben dann das 19. Jahrhundert, das uns vor allem interessierte. Aufzug? Wir doch nicht, wir nehmen die Treppe. Und die zieht sich ganz schön, denn die Geschosse sind hoch im Wallraf-Richartz-Museum.
Eine Stunde lang sind wir durch die oberen Räume von Bild zu Bild gebummelt, vorbei an italienischen Landschaften, Selbstportraits verschiedener Maler, Werken bekannter Künstler wie Renoir, Gauguin, Sisley und anderen. Vor einem Seerosenbild von Monet hatte sich eine Klasse versammelt und hörte einer Museumspädagogin zu, die über Leinwände, Farben und Malstile sprach. Wir blieben eine Weile und lernten. Die Klasse zog weiter, wir auch. Ein ruhiges Treiben-lassen, Bilder-betrachten, Eindrücke-austauschen.
Eine Pause im Bistro, dann zur Sammelstelle für die Führung.
Und wieder in den dritten Stock, wieder Stufe um Stufe die Kunst erklimmen. Im Halbkreis um das Bild scharen. Stille.
Ein ganzer Ausstellungsraum und nur ein Bild.
"Schuhe" von Vincent van Gogh, gemalt 1886 in Paris.
Rundum an den Wänden Zitate verschiedener Philosophen, Kunsthistoriker und anderer Menschen, die sich mit der Interpretation des Bildes beschäftigt haben.
Ein Bild, auf dem ein Paar ausgetretener Stiefel dargestellt ist in erdigen Farbtönen. Ein Bild aus der kurzen Zeit, in der die Brüder Vincent und Theo in Paris zusammen lebten, in der sie sich keine Briefe schrieben. Ein Bild, über das man keine direkten Informationen des Malers hat, und das deshalb immer wieder zu Diskussionen über das Werk und die Kunst an sich führte.
Martin Heidegger philosophierte 1936 anhand der "Schuhe" über das Wesen eines Kunstwerkes. Die Schuhe - für ihn diejenigen einer Bäuerin - zeigen ihr Wesen erst im Bild, nicht in der Realität, wo sie einfach benutzt werden. Im Gemälde können wir von den konkreten Schuhen am Fuße eines Menschen abstrahieren, können die Mühsal des Lebens erkennen, den langen und schweren Weg, den sie symbolisieren. (So ungefähr jedenfalls.)
Dem widersprach 1968 der amerikanische Kunsthistoriker Meyer Schapiro, der die "Schuhe" einordnet anhand von Informationen über van Gogh selber, der sie als seine persönlichen Schuhe sieht, eine Art Selbstportrait.
1978 beschäftigt sich der französische Philosoph Jean Derrida mit van Goghs "Schuhen" und den vorherigen Interpretationen. Er versucht, die Schuhe nicht als Paar zu sehen (wir seien zu sehr vom Paar-denken geprägt, meint er), sondern als zwei Individuen. Wenn man genau hinschaut, wirken die Schuhe auch verschieden (Größe, Schnürung), als gehörte einer Vincent und der andere seinem Bruder Theo.
Und vielleicht sind sie ja einfach eine Form von Stillleben, mit dem sich die Impressionisten unter einem neuen Aspekt beschäftigt haben: Alles verdient, gemalt zu werden.
Eine Ausstellung, die ich ausgesprochen spannend finde. Gerade weil sie auf dieses eine Bild beschränkt ist und trotzdem viele Facetten bietet. Und weil sie bewusst zum Nachdenken und Weiterdenken anregt. Und das kann man ja auch bei anderen Werken machen.
Die Ausstellung ist noch bis zum 10 Januar 2010 im
Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen.
P.S.: Meine Freundin und ich haben beschlossen, von nun an öfter mal solche Exkursionen zu machen.