Kurzkrimis

Dienstag, 10. Februar 2009

Falsche Zeit für Spaziergänge (2)

"Mensch, heb ihn höher", zischte eine Stimme höchstens fünf Meter von mir entfernt. "Wir ziehen eine Spur wie eine Autobahn durch den Park."
"Meine Arme", stöhnte eine zweite Stimme. "Ich kann nicht mehr."
Ein dumpfes Plumpsen.
"Weiber! Zu blöd zum Tragen."
"Wenn du keinen Scheiß gebaut hättest, wäre diese Aktion überflüssig."
Es folgte eine Reihe von unflätigen Schimpfworten - immer schön abwechselnd - bei der ich noch einiges lernen konnte. Ich duckte mich so tief es ging und atmete fast unhörbar in meinen Jackenärmel. Mir wurde kalt.
"Los, mach schon", kommandierte der Mann. "Ist nicht mehr weit."
Die Frau seufzte und schien ihre Last wieder anzupacken.
"Der ist so schwer", ächzte sie. "Ich schaffe das nicht."
"Du musst. Du bist schließlich Schuld, dass er hin ist."
"Jetzt bin ich das auch noch gewesen."
"Schnauze, hoch heben!"
Als die Schritte und das Schleifen sich entfernten und leiser wurden, wagte ich den Kopf zu heben. Die zwei zerrten und schleppten zwischen sich ein längliches Paket in Richtung Wasser. Eine Bildsequenz aus einem Fernsehkrimi huschte durch mein Hirn. Eine Leiche, eingewickelt und verschnürt, wurde mit Steinen beschwert in einem See versenkt.

Ich hatte drei Möglichkeiten.
Erstens: noch ein paar Minuten warten, dann auf direktem Weg ab nach Hause ins Warme. Das war die feige Möglichkeit.
Zweitens: das Handy zücken und die Kripo rufen. Das war die bequeme Möglichkeit, konnte allerdings peinlich werden, wenn es nicht um Mord und Totschlag ging.
Drittens: hinterher schleichen, um mehr zu erfahren. Meine Neugier siegte und ich bewegte mich wie eine 120-Kilo-Python durch den nächtlichen Park.

Die zwei hatten inzwischen das Ufer des Weihers erreicht und ihre Last erneut fallen gelassen. Während sie sich streckte und dabei die Hände in den Rücken drückte, versuchte der Kerl das Paket ins Wasser zu wälzen.
"Meinst du nicht, wir hätten einfach zugeben sollen, was passiert ist?"
"Spinnst du? Dann wäre alles aus gewesen. Die werden nichts merken, wenn diese Sauerei hier verschwunden ist."
Er wollte der schweren Rolle gerade einen kräftigen Stoß geben, der sie über die Uferkante befördert hätte, als ich es nicht mehr aushielt.
"Liegenlassen", donnerte ich. Mit der einen Hand umklammerte ich meine Taschenlampe, mit der anderen versuchte ich den Notruf auf dem Handy zu wählen.
"Bleibt wo ihr seid!"
Ich richtete die Lampe direkt auf ihre Augen, schwenkte von einem zum anderen. Geblendet zwinkerten sie, hielten die Hände vor ihre Gesichter, konnten aber nicht erkennen, wer sie da bei ihrem nächtlichen Treiben so unliebsam störte.
"Polizei? Hier spricht Sieglinde Breuer. Ich habe gerade im Park an der Bismarckstraße ein Paar gestellt, das etwas im Weiher versenken wollte. Ich vermute, es handelt sich um eine Leiche. - Nein, ich meine das sehr ernst."
Ich hoffte, dass man am anderen Ende der Leitung nicht an einen Scherz glaubte. Und ich hoffte, dass sie schnell kamen.

Was sollte ich machen, falls dieses feine Pärchen beschloss, auf mich loszugehen? Meine Handflächen wurden feucht und ich schluckte.
Die Frau fing zuerst an. Aus einem leisen Kichern wurde ein helles Lachen. Der Kerl fiel mit einem dröhnenden Bass ein und hielt sich dabei den Bauch.
"Was zum Teufel ist so komisch?", schrie ich die beiden an.
Die Frau holte Luft und zeigte auf das Paket am Boden.
"Leiche? Da drin?"
Wieder schüttelte sie ein Lachanfall.
"Mensch, das ist nur ein Stück Teppichboden."
Wollten die mich verarschen? Wer schleppt denn nachts in aller Heimlichkeit Teppichboden durch einen Park? Andererseits sind Leichen auch nicht unbedingt häufiger anzutreffen.
"Darf ich?" Die Frau bückte sich und schnitt mit einem Messer - woher hatte sie das jetzt so schnell geholt? - die Schnüre auf, die die Rolle zusammenhielten. Ein Stoß und ein graugrüner Teppichboden breitete sich auf der Wiese aus. In seiner Mitte nichts als ein riesiger, terrakottafarbener Fleck. Blut war das auf keinen Fall.
"Wandfarbe. Wir sollten in der Villa von Schwarzenbergs das Schlafzimmer renovieren, während die im Urlaub sind. Herbert hat den Farbeimer so blöd abgestellt, dass ich ihn umstoßen musste."
"Kannst ja auch nicht gucken, wohin du läufst. Jedenfalls haben wir den Boden ausgetauscht. Aber das versiffte Stück musste verschwinden. Wenn die Schwarzenbergs das beim Müll gefunden hätten, nicht auszudenken!"
Ich ließ die Taschenlampe sinken. In der Ferne hörte ich ein Martinshorn. Hätte ich doch vorhin bloß Möglichkeit Eins gewählt.

Montag, 9. Februar 2009

Falsche Zeit für Spaziergänge (1)

Ich musste verrückt sein. Als Frau marschiert man nicht in den späten Abendstunden alleine durch einen unbeleuchteten Park. Jeder weiß, dass das gefährlich ist. Dass hinter den Büschen Unholde nur darauf lauern, dich zu überfallen, um dir Unschuld oder Geld zu rauben. Exhibitionisten reißen ihre Mäntel auf und weiden sich an deinem Schrecken über ihre entblößten Genitalien. Ich glaube allerdings nicht, dass sich jemand gerade mich aussuchen würde: eine Frau um die Sechzig mit einem Lebendgewicht von gut 120 Kilogramm. Und ich bin sicher, ich würde schallend lachen, wenn so ein Kerl vor mir stünde. Die Situation wäre doch wirklich urkomisch, oder?

Verrückt oder nicht, ich wollte auf dem kürzesten Weg nach Hause. Ich war seit sechs Uhr früh auf den Beinen. Nach dem Besprechungsmarathon gestern bei einem Kunden - meine Agentur berät Firmen in Sicherheitsangelegenheiten - hatte ich ein Angebot vorbereitet und am Vormittag präsentiert. Der Kunde wollte sich die Geschichte überlegen, doch ich war mir sicher, ihn gewonnen zu haben. Dann mit dem Taxi zum Flughafen, ein Flug ausgefallen, der nächste überbucht. Stattdessen die Bahn genommen und mit erheblicher Verspätung endlich angekommen. Das ewige Sitzen hatte meine Beine anschwellen lassen. Ein strammer Spaziergang durch die Dämmerung war genau das Richtige. Ein Glück, dass ich nur mit leichtem Handgepäck reiste.

Vom Bahnhof war es nur ein Katzensprung bis zu der gepflegten Anlage, die den Stadtweiher umgab. Kieswege, Blumenrabatten, alte Trauerweiden. Am Hang auf der anderen Seite legten sich Terrassen übereinander, auf denen an Sonnentagen alte Damen auf den Bänken saßen und Tauben fütterten. Jetzt waren die Bänke leer und die Tauben schliefen in ihren Nachtquartieren. Ein Käuzchen durchbrach mit seinem heiseren Ruf die Stille.

Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber ich gestehe, dass ich mich mehr als ein Mal umdrehte und lauschte. Und den Kopf schüttelte über mein albernes Verhalten.
Da hörte ich es. Ein schleifendes Geräusch. Ich blieb stehen und hörte es wieder. Ein Schaben und Reiben und - Schritte, langsame, schwere Schritte ein Stück vor mir auf der rechten Seite.
Ich hatte den Terrassenhang etwa zur Hälfte geschafft. Kurz vor mir musste der Weg liegen, der von den Jugendstilvillen in der Bismarckstraße quer durch den Park führte.
Das schleifende Geräusch kam näher. Ich duckte mich neben einer Bank hinter eine Steinputte mit Füllhorn. Lächerlich! Wie sollte der kleine Wicht mit seinen Marmorlocken mich verbergen können. Ich versuchte Schatten im Schatten zu werden.

Fortsetzung folgt

Freitag, 20. Juni 2008

Schaf um Schaf (3)

"Eine hübsche Herde haben Sie", meinte Kommissar Burger anerkennend. "Vor allem die mit den schwarzen Köpfen sehen lustig aus."
"Das sind Rhönschafe. Eine ganz alte Rasse, die schon fast ausgestorben war. Die hellen sind Merinos. Aber wer kauft heute noch Schafwolle. Deshalb will ich nach und nach auf Fleischproduktion umstellen. Und da sind Rhönschafe große Klasse. Außerdem sind sie pflegeleicht und nicht so empfindlich."
Michaelis geriet ins Schwärmen und musste von Burger gebremst werden.
"Sie sind noch nicht lange hier, oder?"
"Ich habe die Merino-Herde vor zwei Jahren vom alten Wellmann übernommen, als der nicht mehr konnte."
"Der alte Wellmann", lachte Burger, "der ist ein echtes Original. Ein ziemlich grantiges allerdings. Der muss schon mindestens achtzig sein. Wohnt der nicht ganz in der Nähe?"
"Ja, dort drüben." Michaelis zeigte ein Stück die Straße entlang zu einem einzeln stehenden Häuschen.
Burger sah Stirn runzelnd hinüber, zurück zur Weide, wieder zum Haus, zupfte an seiner Augenbraue und fragte:
"Was für Tiere wurden eigentlich getötet?"
Michaelis stutzte nur kurz, ehe er antwortete: "Zwei Mutterschafe und zwei Jungtiere vom letzten Jahr."
"Nein, das meine ich nicht. Merino oder Rhönschafe?"
Michaelis schaute Kommissar Burger verblüfft an. "Nur Rhönschafe."

"Was will denn der Kanake? Los, verschwinde sofort von meinem Grund und Boden!"
Der alte Schäfer Wellmann fuchtelte mit seinem Gehstock in der Luft, die Augen zusammen gekniffen und das Gesicht rot angelaufen.
"Das ist mein Kollege, Kriminalkommissar Arslan. An mich erinnern Sie sich noch, oder?"
Wellmann musterte Burger, nickte und sein runzliges Gesicht nahm langsam wieder eine gesundere Farbe an.
"Was wollt ihr?"
"Dürfen wir reinkommen?" Kommissar Burger machte einen Schritt auf Wellmann zu. Der blieb mitten im Türrahmen stehen.
"Sie schon. Der Kanake kommt mir nicht ins Haus. Auch wenn er Polizist ist."
"Wellmann, passen Sie auf, was Sie sagen. Das ist Beamtenbeleidigung."
Burger schob sich an Wellmann vorbei in den Hausflur. Arslan folgte ihm zögernd.
"Und das ist Hausfriedensbruch", zeterte Wellmann und schlurfte hinter den Polizisten her.
Burger schaute sich im Wohnzimmer um. Schafe, überall Schafe. Gerahmte Schafe an den Wänden, ein Schaffell im Schaukelstuhl, selbst im Fernsehen liefen sie über Irlands grüne Wiesen. Unverkennbarer Schafsgeruch ließ Arslan die Nase rümpfen.
Burger drehte sich zu Wellmann um.
"Warum haben Sie letzte Nacht Ihren Nachfolger Michaelis niedergeschlagen?", klopfte er auf den Busch.
Wellmann wurde eine Nuance blasser und schwankte kurz. Dann richtete er sich auf, so gut es sein krummes Kreuz zuließ, und zischte:
"Nachfolger, pah! Weggenommen hat er mir meine Herde. Ein Dieb ist er. Und jetzt hat er auch noch diese widerlichen schwarzköpfigen Viecher geholt. Das ist ja wie bei euch in der Stadt. Überall braune Leut. Sprechen all ihr Kauderwelsch. Verstehst kaum noch einen." Wellmann schnappte nach Luft.
"Fühlt man sich ja fremd in der eigenen Heimat. Aber meine Herde, die soll sauber bleiben. Schöne reinrassige Merinos. Die Schwarzköpfigen müssen weg. Ich wollt dem Michaelis ja nix tun. Was hockt der auch auf der Weide rum in der Nacht. So, und jetzt könnt ihr mich meinetwegen mitnehmen."
Er hielt Burger seine Hände entgegen. Der schüttelte den Kopf.
"Die Handschellen hat mein Kollege. Kann er doch sicher stecken lassen, oder?"
Der Kommissar nahm Wellmann am Arm und schob ihn mit sanftem Druck aus dem Haus.

© U.L., Januar 2008

Donnerstag, 19. Juni 2008

Schaf um Schaf (2)

Kommissar Helmut Burger lehnte sich in seinem Stuhl zurück, zwirbelte eine struppige Augenbraue und musterte sein Gegenüber. Der Lodenmantel des Schäfers war feucht und voller Erdflecken. Seine Hände kneteten den Filzhut, die Haare fielen ihm wirr ins blasse Gesicht. Auf dem Hinterkopf klebte ein großes Pflaster.
"Ihrem Hut verdanken Sie, dass Sie nur eine Platzwunde haben. Genauso hätten Sie mit einem Schädelbruch im Krankenhaus oder in der Leichenhalle liegen können. Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?"
Dirk Michaelis zuckte mit den Schultern.
"Ich kann doch nicht zulassen, dass einer meine Herde nach und nach abschlachtet."
"Und was hat Ihnen die Aktion gebracht? Nichts!", wetterte Burger. "Außer einem weiteren toten Schaf und einer ordentlichen Beule."
Der Schäfer grinste schief.
"Immerhin ist das jetzt Körperverletzung und ein richtiger Kriminalkommissar muss sich um meinen Fall kümmern."
Burger schüttelte den Kopf und brummte "Witzbold". Dann forderte er Michaelis auf, die letzte Nacht so genau wie möglich zu schildern.
"Seit drei Tagen komme ich gegen 22 Uhr zur Weide. Die Heckenkirschen am Zaun geben Deckung. Ich hocke mich auf meinen Schemel, schlage meinen Mantel um mich und warte. Ich will endlich wissen, wer so grausam ist, meine Schafe umzubringen.
Heute Morgen gegen vier - es dämmerte schon - muss ich eingenickt sein. Ich habe nichts gehört. Kein Auto, gar nichts. Geweckt hat mich ein Rascheln dicht hinter mir. Ehe ich mich umdrehen konnte, bekam ich einen Schlag auf den Kopf und war weg. Ich könnte mich jetzt noch in den Hintern beißen, dass ich es ihm so leicht gemacht habe."
Michaelis schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. Die heftige Bewegung ließ ihn aufstöhnen. "Verdammt, mein Schädel brummt wie ein Bienenstock."
Kommissar Burger nickte und schob ein Päckchen mit Schmerztabletten über den Tisch. Michaelis nahm zwei Pillen aus der Packung, spülte sie mit einem Glas Wasser herunter.
"Herr Michaelis, wer könnte daran interessiert sein, Ihre Existenz zu zerstören? Haben Sie Feinde?"
Der Schäfer verneinte. "Nicht, dass ich wüsste. Am Ernsbach bin ich niemandem im Weg mit meinen Schafen. Und privat? Kein Streit, keine Liebschaften mit verheirateten Frauen, wenn Sie das meinen."
"So kommen wir jedenfalls nicht weiter. Ich muss mir ein Bild vom Tatort machen. Meinen Sie, Sie können mich trotz Ihrer Verletzung begleiten?"

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 18. Juni 2008

Schaf um Schaf (1)

Der Morgennebel hing über den Wiesen am Ernsbach. Eine Amsel sang ihre Koloraturen von der höchsten Erle aus, als Schäfer Dirk Michaelis sie mit einem wütenden Schrei unterbrach. Er stützte sich mit dem Knie auf den Boden und legte seine Hand auf die Flanke eines Schafes. Das Gras war feucht vom Tau und rot vom Blut aus der durchschnittenen Kehle. Michaelis achtete nicht darauf. Er spürte noch Wärme in dem toten Körper. Die Herde weidete fünfzehn Meter entfernt, als ob nichts geschehen wäre.

Eine Viertelstunde später stand der Schäfer in der Polizeidirektion in Erbach und machte seiner Wut Luft.
"Das ist jetzt das dritte Tier, das ich auf diese Weise verliere. Das dritte innerhalb von zwei Wochen. Was heißt hier Sachbeschädigung? Ein Schaf ist ein Lebewesen wie Sie und ich. Das ist Mord, heimtückischer Mord! Und ich verlange, dass Sie endlich etwas unternehmen."
Der Beamte versuchte zu beschwichtigen.
"Wir unternehmen, was wir können. Aber bisher gibt es keine verwertbaren Spuren. Weder Reifenabdrücke, noch eine Waffe oder Zeugen. Wir können doch keinen Beamten in den Busch schicken, um eine Schafherde zu überwachen."
"Muss man denn alles selber machen?", schimpfte Michaelis. "Vielleicht werden Sie munter, wenn ich eines Morgens auf der Weide liege."
Der Beamte sah ihm nach, als er mit festen Schritten aus dem Raum marschierte. Ein Hauch von Schaf hing für eine Weile in der Luft.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 17. Dezember 2007

Nur Frieden (Fortsetzung)

Beinahe hätte er das Glas fallen lassen. Im Flur schellte die Türglocke grell und durchdringend, als sollte sie bis zu Ilse gehört werden. Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr. Fast achtzehn Uhr. Wer besuchte ihn um diese Zeit? Ein Blick in den Spiegel an der Flurgarderobe, ein Blick durch den Türspion. Friedhelm streckte seine Schultern, wischte mit der linken Hand über die kurz geschnittenen grauen Haare und öffnete abrupt die Tür.
"Guten Abend, Frau Wagenknecht", begrüßte er die Witwe aus dem Haus schräg gegenüber.
Gerda Wagenknecht zuckte unmerklich zurück, dann streckte sie die Arme vor. Friedhelm musterte die hellblaue Schüssel in ihren Händen. Er hasste diese amerikanischen Plastikdinger.
"Guten Abend, Herr Boll." Gerda lächelte breit und Friedhelms Blick blieb am Lippenstift auf ihren Schneidezähnen hängen.
"Magenta", durchfuhr es ihn.
"Ich habe Ihnen meinen Kartoffelsalat mitgebracht", pries Gerda ihre Schüssel an und streckte die Arme ein Stück weiter vor. Friedhelm machte einen Schritt nach hinten in den Hausflur. Gerda Wagenknecht rückte sofort nach.
"Ich komme gerne herein, danke, aber nur kurz. Wirklich nur ganz kurz."
Sie drängte an Friedhelm vorbei, war mit wenigen entschlossenen Schritten im Wohnzimmer. Friedhelm Boll schloss den Mund und die Tür und folgte ihr.
"Sie haben es ja richtig gemütlich mit dem Kaminfeuer", sagte Gerda, während sie sich auf das Sofa plumpsen ließ. Die Schüssel mit dem Salat hatte sie im Vorübergehen auf dem Esstisch abgestellt.
"Ich dachte mir, schau mal bei dem armen Herrn Boll vorbei. So ganz alleine an Weihnachten."
Friedhelm nutzte den Moment, in dem sie Luft holte, für eine höfliche Frage.
"Kann ich Ihnen eine Kleinigkeit anbieten? Einen Portwein vielleicht?"
Gerda nickte strahlend und ihre blondierten Löckchen wippten wie ein Wischmopp.
Friedhelm holte ein zweites Glas aus der Vitrine und schenkte Gerda und sich Portwein ein. Warum konnte er seine gute Erziehung nicht mal bei einer solchen Nervensäge vergessen.
Gerda nippte und kicherte verschämt. "Sonst trinke ich ja keinen Alkohol. Also ganz, ganz selten."
Wer's glaubte.
"Ist heute nicht der Todestag Ihrer Frau?"
Friedhelm nickte.
"Ein Jahr, nicht wahr? Ein Jahr ist sie jetzt nicht mehr bei uns."
Wieso sagte sie nicht einfach "tot", dachte Friedhelm.
"Und Sie so ganz allein in diesem Haus."
Gerda Wagenknecht beugte sich vor und tätschelte Friedhelms Unterarm, als wäre er ein zarter Hefeteig.
"Das muss schlimm gewesen sein, die eigene Frau mausetot zu finden. Sozusagen unter dem Christbaum."
Friedhelm nickte wieder stumm und trank vom Portwein. Wohlige Wärme breitete sich in Friedhelms Magen aus. Vor dem Fenster wehte inzwischen eine feine Schneegardine.
Gerdas Stimme schien von weit her zu kommen. "... seit Langem mit dem Herzen. Wenn wir uns beim Bäcker oder beim Friseur trafen, hat sie oft geklagt, sie sei so kurzatmig, das Herz schlage ihr zum Hals heraus. Sie hat sich wohl einfach zuviel zugemutet."
Friedhelm nahm einen großen Schluck. Die Herzkrankheit seiner Ilse war überall bekannt gewesen, was er als sehr nützlich empfunden hatte. Der Arzt kam, murmelte "Herzschlag" und stellte den Totenschein aus. Keine Zweifel, keine Fragen, reichlich Beileidswünsche.
Gerdas Stimme drang durch den Portweinnebel in seinem Gehirn und ließ Alarmglocken schrillen. "... auch so allein. Wir könnten Weihnachten zusammen feiern. Was meinen Sie?"
Friedhelm konnte knapp ein entsetztes "Nein!" herunterschlucken. Verzweifelt forschte er in seinem Kopf nach einer Ausrede. Er fand keine. "Frau Wagenknecht, ich kann nicht", flüsterte er.
Gerda schien damit fürs Erste zufrieden zu sein, sie lächelte verständnisvoll. Friedhelm starrte auf den Lippenstift, der immer noch die Schneidezähne grellrosa färbte.
Ilse trug blasses Apricot. Dezent bis zur Unscheinbarkeit. Wenn ihr Putzfimmel ihn bloß nicht bis an den Rand des Wahnsinns getrieben hätte.
Es war so einfach. Er hatte keine drei Minuten gebraucht, um bei der Lampe Schutzleiter und Phase zu vertauschen. Sicherung aus, ein bisschen herumgeschraubt, Sicherung an. Ilse überzog oben im Schlafzimmer die Betten. Er rief ihr zu, dass er seinen täglichen Spaziergang machen wollte, und verließ das Haus. Nicht lange und sie würde die Glaskuppeln und die Messingschirme der Wohnzimmerlampe mit einem feuchten Lappen abwischen.

"Ich glaube, ich gehe jetzt", hörte er Gerda Wagenknecht sagen. "Lassen Sie sich den Kartoffelsalat schmecken. Ich kann ja morgen vorbei kommen und die Tupperschüssel abholen."
Morgen? Sie wollte ihn gleich morgen erneut überfallen? Die Frau wurde zur Landplage. Nach Ilses Tod hatte sie ihn zuerst zweimal im Monat heimgesucht. Dann steigerte sie die Frequenz langsam aber sicher und jetzt das. Friedhelm fühlte sich wie die Fliege im Netz der hungrigen Spinne.
"Bitte, Frau Wagenknecht, keine Umstände. Ich stelle Ihnen die Schale vor Ihre Haustür."
Sollte das schiefe Grinsen etwa ein verführerisches Lächeln darstellen? Innerlich schauderte Friedhelm Boll. Er kniff die Lippen zusammen und stand auf. Er nahm zwei Holzscheite aus dem Weidenkorb und fütterte das Feuer.
"Wenn Sie mögen, kann ich Ihnen ein paar selbstgebackene Plätzchen bringen."
Die Frau gab nicht so schnell auf. Sie war schon wieder neben ihm und strich über seinen Arm.
"Die sind natürlich ohne Nüsse. Sie wissen ja, wie allergisch ich bin."
Friedhelm nickte und dirigierte Gerda durch den Flur. Er hasste ihre Tiraden, bei denen sie nie Luft zu holen schien. Sie hätte nicht mehr atmen können, die Luftröhre zugeschwollen, wäre um ein Haar gestorben. Sie hatte sich an den fetten Hals gegriffen und bei ihren Worten gekeucht.
Friedhelm lächelte, als er die Tür hinter Gerda Wagenknecht schloss. Er würde eine Möglichkeit finden, Gerda Wagenknecht eine Freude zu bereiten. Eine endgültige.

Sonntag, 16. Dezember 2007

Nur Frieden

"Endlich wieder weiße Weihnachten."
Friedhelm Boll schaute mit verträumtem Lächeln aus dem Wohnzimmerfenster in die Dämmerung. Dicke Flocken tanzten gemütlich aus den tief hängenden Wolken und zauberten die Welt der Einfamilienhäuser sauber und rein. Die Rhododendren in den Vorgärten schienen mit Sahnehäubchen verziert, die Wege versteckt unter Schneetüchern.
"Reine Ruhe", dachte Friedhelm. "So muss das sein am Tag vor Heiligabend."
Er schlurfte in seinen Pantoffeln über das Parkett zum Wohnzimmerschrank, öffnete das Barfach und nahm eine Flasche Portwein heraus. Ruby Red, fünf Jahre gelagert. Kein Spitzenprodukt, doch ein Genuss nach seinem Geschmack. Ein Weinglas stand auf dem Tisch neben dem Kaminofen. Er füllte es mit der dunkelroten Flüssigkeit, stellte die Flasche zurück in den Schrank und setzte sich in den Ohrensessel. Er fasste das Glas am Stiel und schwenke den Kelch liebevoll im Kreis. Schlieren glitzerten im Licht der Kaminflammen. Friedhelm hielt die Nase über das Glas und sog die Luft tief ein. Brombeeren mit einem Hauch von Trüffelschokolade. Behutsam nahm er einen Schluck, schloss die Augen und ließ die Flüssigkeit im Mund kreisen. Tropfen für Tropfen rann der Port seine Kehle hinab. Er spürte dem Geschmack eine Weile nach, ehe er das Glas wieder auf den kleinen Tisch setzte.
Im Kamin knackten die Holzscheite. Flammen tanzten über der Glut einen Weihnachtsreigen. Friedhelm summte leise "White Christmas" und streckte wohlig die Beine aus. Wie er die Hektik vor Weihnachten hasste. Die Menschen wurden schier verrückt, wenn das Jahr sich zum Ende neigte. Sie hetzten durch die Stadt, beladen mit Tüten und Taschen, quollen von Rolltreppen, aus Fahrstühlen, rempelten durch die Kaufhäuser. Ihre Mundwinkel schleiften dabei kurz über dem Boden, während aus den Lautsprechern "Stille Nacht, heilige Nacht" plärrte. Friedhelm schüttelte sich in seinem Sessel. Zur Entspannung trank er einen Schluck Portwein.

Ilse verbreitete ebenfalls Unruhe vor Weihnachten. Meist noch am Heiligabend selber räumte sie und putzte. Zweimal im Jahr schien ein Virus sie zu befallen, der keine Gegenwehr zuließ. Zu Ostern und zu Weihnachten wurde im Haus das Unterste zu oberst gekehrt. Vom Dachboden bis in den Keller zog sich eine Spur aus Putzlappen, Reinigungsmitteln, Besen und Staubsauger. Ilse, das Haar unter einem geblümtem Kopftuch verborgen, kämpfte in Kittelschürze und Gummihandschuhen mit Staub, imaginären Spinnweben und Flecken aller Art.
Friedhelm hatte nie verstanden, warum sie gerade zu den Feiertagen so einen Aufstand machte. Das ganze Jahr über wischte sie regelmäßig und gründlich. Vor Weihnachten wurde ihre Putzwut besonders schlimm. Er konnte gehen, wohin er wollte, ständig war er im Weg. Ob er am Kamin saß oder in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch einen Brief für seinen alten Freund Guntram verfasste. Dauernd rief sie ihm Aufträge zu. "Hol mal die Leiter und staub die Bücher oben im Regal ab." oder "Klopf draußen den Teppich aus, und zwar kräftig." Ein Tonfall eines Feldwebels würdig, nur eine Oktave höher, mindestens. Wie konnte man sich da auf das Fest des Friedens einstimmen? Ein Schluck Portwein besänftigte Friedhelm.

Dieses Jahr war alles anders, Ilse auf den Tag genau zwölf Monate tot. Friedhelm überlegte, ob ein weiteres Glas Portwein angebracht wäre. Er stemmte sich ächzend aus dem Ohrensessel hoch. Den müsste er demnächst neu polstern lassen. Die Federn knackten bedenklich und der Stoff schimmerte auf Sitzfläche und Armlehnen fadenscheinig. Außerdem fand er das Blumenmuster abscheulich. Streifen. Er würde Streifen wählen, überlegte Friedhelm, während er sein Glas füllte.
"Auf dich, Ilse", prostete er stehend der Zimmerdecke zu. "Mögest du stets genug zu putzen haben dort, wo du jetzt bist."

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 6. September 2007

Nebenverdienst (Teil 3)

Auch die Wohnung brachte keine nützlichen Erkenntnisse. Märzenbeck schien ein Einsiedler gewesen zu sein. Nachbarn kannten ihn nur flüchtig, Besuch schien er praktisch nie zu bekommen. Im Telefonverzeichnis fanden sie die Nummer eines weiteren Märzenbecks und seine Adresse, etwa zweihundert Kilometer entfernt. Die Kollegen vor Ort würden ihn benachrichtigen.
Über den ersten Untersuchungen und Recherchen war es später Nachmittag geworden. Lehrbach sah auf die Uhr.
"Schon gleich sechs, und wir wissen gerade mal, wer der Tote ist und wie und wann er ungefähr ermordet wurde. Kein Motiv in Sicht, kein Verdächtiger. Bloß eine Leiche im See."
Er stützte sich auf die Ellenbogen und legte das Gesicht in die Hände. Sein Blick fiel auf das vergilbte Plakat an der gegenüber liegenden Wand. "Keine Macht den Drogen!" Lehrbach grinste. So ein Extra-Korrekter wie Märzenbeck, der hatte mit Drogen bestimmt nichts am Hut. Und "Cherchez la femme" fiel diesmal wohl ebenso aus. Weit und breit keine Frau in Sicht. Außer vielleicht die Wollweber, Klatschzeitung des Schrebergartenvereins. "Mein Bauch sagt mir, dass ich irgend etwas übersehen habe", grübelte Lehrbach und schloss die Augen. Vor sich sah er wieder die Gartenanlage, ging den Weg zurück zum See. Warum war der Mord am Steg passiert. Und dazu noch mit Märzenbecks eigenem Messer. Das sah mehr nach Affekt als nach Planung aus. Also doch jemand aus der Umgebung? Er trat auf der Stelle.
Lehrbach nahm Märzenbecks Schlüsselbund aus der Schreibtischschublade und verließ sein Büro.

Kurz darauf stand er wie am Mittag in der Gartenlaube und wartete auf eine Eingebung. Er sah sich suchend um. Tisch, Stühle, Schrank, nichts Auffälliges. Außerdem hatte die Spurensicherung schon gründliche Arbeit geleistet. Fingerabdrücke ausschließlich vom Toten.
Lehrbach ging zum Regal und nahm das erste Buch in die Hand. "Grundzüge des Gemüseanbaus". Er stellte es zurück und las mit schief gelegtem Kopf die übrigen Titel: Plötzlich stutzte er. Eines der Bücher hatte auf dem Rücken einen Aufkleber, eine Signatur aus einer Bibliothek. Er zog den Band heraus und schlug das Buch an der Stelle auf, die durch einen Zettel markiert war. "Sorten und Kultur von Hanf" war die Überschrift des Kapitels und Lehrbach kratzte sich verwundert am Kopf. "Hanf?" murmelte er, "Haschisch? Marihuana? Bei Märzenbeck haben wir doch gar nichts gefunden."
Er blätterte und las ein paar Zeilen, dann schlug er das Buch mit einem lauten Klatschen zu. "Klar, das war was für Meckerbeck", rief er. "Ein Schrebergärtner, der Hanfpflanzen anbaut."
Er zückte das Handy und rief die Bereitschaft auf den Plan. "Wir müssen die Schrebergärten durchsuchen. Bringt einen Drogenhund mit. Irgendwo ist hier vermutlich eine Hanf-Plantage versteckt."
Es dauerte nicht lange, bis die Beamten fündig wurden. Der Garten ähnelte den anderen Parzellen, nur zwischen dem Gemüse wucherte zu viel Unkraut und der Rasen hätte einen Schnitt dringend nötig. Als die Polizisten die Tür der Gartenlaube aufbrachen, zuckten sie zurück. Helles Licht strahlte über zehn Reihen mit Blumentöpfen, in denen zierliche Grünpflanzen ihre fingerförmigen Blätter der künstlichen Sonne entgegenstreckten.
"Wem gehört die Parzelle?" wollte Lehrbach von Moritz Reinhardt wissen. Der zog das unvermeidliche Notizbuch aus der Hosentasche. "Parzelle sechs, Frau Gertrud Keller, Witwe, siebzig."
"Eine siebzigjährige Kifferin? Mal was Neues", amüsierte sich Kommissar Lehrbach.
"Nee, das glaube ich nicht", warf Reinhardt ein. "Sie liegt schon seit Wochen im Krankenhaus. Kollege Fleischmann hat das überprüft."
"Wer kümmert sich denn um den Garten? Die Bohnen sind erst vor kurzem geerntet worden."
"Sie hat einen Neffen, Paul Keller, der laut Frau Wollweber regelmäßig herkommt."

Eine halbe Stunde später standen Kommissar Lehrbach und Moritz Reinhardt vor Paul Kellers Wohnungstür."Wir dürfen doch?" drängte sich Lehrbach am verdutzten Keller vorbei in die Wohnung. "Ach ja, Polizei. Unsere Ausweise."
Er wedelte mit den Dienstausweisen und Paul Keller wurde blass.
"Wir sind hier, weil sie in der Gartenhütte ihrer Tante eine hübsche Hanf-Plantage angelegt haben. Eigenbedarf oder verkaufen Sie auch?"
Paul Keller schluckte.
"Weiß Ihre Tante davon? Setzen Sie sich doch, Sie sehen gar nicht gut aus."
Lehrbach gab Keller einen sanften Stups und der sackte aufs Sofa.
"Nein", stammelte er. "Sie ist schon eine ganze Weile krank. Ich habe ihr versprochen, mich um den Garten zu kümmern. Und da dachte ich ..."
Er verstummte.
"Da dachten Sie, Sie könnten sich einen kleinen Nebenverdienst gönnen", ergänzte Lehrbach. "Und dann ist Ihnen Märzenbeck drauf gekommen."
"Der alte Schnüffler", schimpfte Keller und bekam langsam wieder Farbe ins Gesicht.
"Eines Abends fand ich ihn, wie er versuchte, in die Hütte hineinzuschielen. Und dann fing er sein übliches Lamento an. Er hätte schon eine Weile beobachtet, was ich hier triebe und dass das illegal sei. Wenn ich nicht sofort alles verschwinden ließe, wollte er mich anzeigen. Dann drehte er sich um und ging. Einfach so. Droht mir und geht.
Ich war völlig fertig. Ich hab meine letzte Kohle ausgegeben für die Setzlinge. Die Pflanzen brauchen noch zwei Wochen, bis ich ernten kann. Und er redet von vierundzwanzig Stunden."
Lehrbach nickte auffordernd. "Und am nächsten Morgen?"
"Am Morgen habe ich gesehen, wie er zum Angeln marschierte. Und ich hinterher. Ich habe ihm erklärt, dass ich die Hütte noch nicht leer räumen kann. Aber er, er kehrte den Biedermann raus, wie er da auf dem Steg saß. Nein, hat er ganz ruhig gesagt, wenn das ungesetzliche Zeug heute Abend nicht fort ist, gehe ich zur Polizei. Er hat kalt gelächelt und sich zu seiner Angel rumgedreht. Ich hab gebettelt, dass er mir wenigstens zehn Tage gibt. Ich habe ihm die Hand auf die Schulter gelegt und ihn angefleht. Da hat er sein Messer gepackt und ist herumgefahren. Angebrüllt hat er mich. Pack mich nicht an, du Verbrecher, hat er geschrien. Und mit dem Messer nach mir gestochen. Ich wollte ihm doch nichts tun, nur mit ihm reden. Und er sticht mit dem Messer nach mir. Ich hab es ihm aus der Hand gerissen, da hat er mit den Fäusten auf mich eingetrommelt. Und dann habe ich zugestochen."
Paul Keller senkte den Kopf und schluchzte.
"Das war's mal wieder." Lehrbach nickte Reinhardt zu, der die Handschellen klicken ließ.

Mittwoch, 5. September 2007

Nebenverdienst (Teil 2)

Lehrbach und Reinhardt marschierten zum Eingang des Schrebergartenvereins "Grüne Parzelle e.V.". Das Tor stand offen und sie betraten einen regelmäßig geharkten Kiesweg.
"Mensch Reinhardt, heben Sie bloß schön die Füße, damit Sie das Muster nicht kaputt machen", lästerte Lehrbach.
Rechts und links hinter niedrigen Zäunen oder immergrünen Hecken bot sich ihnen das typische Schrebergartenbild. Einfache Hütten, manche mit kleiner Terrasse, Rasenstücke, der obligatorische Obstbaum, ein paar Blumenrabatten und großzügige Flächen für den Gemüsegarten.
"Aber ordentlich sind sie hier alle", stellte Lehrbach schmunzelnd fest. "Ich weiß nicht recht, ob Gartenarbeit im Verein mein Ideal wäre."
Inzwischen hatten die beiden das Vereinsheim in der Mitte der Anlage erreicht. Reinhardt klopfte an und drückte auf die Türklinke.
"Da ist noch zu. Erst ab vier Uhr heute Nachmittag ist der Herbert da. Was wollen Sie denn?"
Die Frau stand in Kittelschürze und Gummigaloschen am Zaun ihres Gartens und hatte die Hände in die gut gepolsterten Hüften gestützt.
Lehrbach und Reinhardt stellten sich vor und zeigten ihre Ausweise.
"Wir suchen Zeugen, die am See etwas gesehen oder gehört haben."
"Gesehen? Gehört? Was denn?" Die Frau war neugierig geworden.
"Sie kennen das doch sicher aus dem Fernsehen", erklärte Lehrbach. "Alles, was ungewöhnlich ist, interessiert uns. Leute, die nicht hergehören, Autos zu früher Stunde."
"Also ich bin so um halb zehn gekommen. Und da war nichts. Außer mir sind heute Morgen nur die Meiers von Parzelle siebzehn da und der alte Deutz von dreiundzwanzig. Der Deutz, der hört schon lange nichts mehr und die Meiers, die sind zu weit weg vom See. Was ist denn passiert?"
Lehrbach nickte Reinhardt zu und der beschrieb mit kurzen Worten, was dem Ehepaar Breuer die Mittagsrast vergällt hatte.
"Das wird doch nicht unser Märzenbeck sein? Der hat oft morgens früh da geangelt."
Lehrbach und Reinhardt wechselten einen erstaunten Blick.
"Sie kennen Herrn Märzenbeck?" fragte Lehrbach.
"Der hat hier auch einen Garten, gleich da hinten rechts." Sie deutete auf eines der gepflegten Grundstücke in der Nähe des Eingangs.
"Der Märzenbeck hat sich immer aufgespielt, als ob ihm die ganze Kolonie gehören würde. Und immer den Dorfbullen gespielt. - Tschuldigung, ist mir so rausgerutscht." Die Frau schaute kurz von Lehrbach zu Reinhardt und fuhr ungebremst fort. "Ständig ist er rumgelaufen und hat den anderen Vorträge gehalten. Du musst deinen Apfelbaum schneiden, der ragt schon über den Zaun. Dein Gemüsegarten ist zu klein, das ist gegen die Bestimmungen. Wir haben ihn nur noch den Meckerbeck genannt. Aber wegen so was bringt man doch keinen um, oder?"
Sie holte Luft und Lehrbach nutzte die Gelegenheit.
"Das ist ja schon sehr aufschlussreich, Frau ...?"
"Wollweber, Margarete Wollweber, Herr Kommissar."
Sie strahlte.
"Gut, Frau Wollweber, zuerst mal danke für Ihre Hilfe. Wir werden sicher noch auf Ihre Unterstützung zurückkommen. Bis dahin behalten Sie bitte für sich, worüber wir gesprochen haben."
Ihrer Versicherung, sie werde schweigen wie ein Maulwurf, schenkte er keinen Glauben.

Lehrbach und Reinhardt gingen zügig zu der von Frau Wollweber bezeichneten Parzelle. Noch im Gehen rief Lehrbach die Kollegen am Tatort an und bat um die Spurensicherung. "Ach ja, und bringt Märzenbecks Schlüsselbund mit."
Dann nahm er Handschuhe aus seiner Jackentasche und streifte sie über.
Das Gartentor hatte sich durch einen Druck auf die Klinke öffnen lassen, doch die Hütte war verschlossen. Lehrbach blinzelte durch das Fenster in den kleinen Raum.
"Zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen", grummelte er und schlenderte zum Gemüsegarten hinüber.
"Kommen Sie, Reinhardt, die Erdbeeren wird Märzenbeck nicht mehr essen können. Und ehe sie verfaulen, gönnen wir uns lieber ein paar."
Und schon zupfte er dunkelrote Früchte von den Stängeln und ließ sie unter seinem Schnurrbart verschwinden.
Die Spurensicherung fand Kommissar Lehrbach und Moritz Reinhardt genüsslich kauend vor.
"Schließt schon mal auf", nuschelte Lehrbach. "Ich komm gleich."
Die Gartenhütte war genau so ordentlich und aufgeräumt wie der gesamte Garten. Tisch und Stühle, ein kleiner Schrank mit etwas Geschirr und ein paar Konservendosen, ein Regal mit Büchern an der Wand. An Haken hingen eine grüne Latzhose und ein grauer Kittel. Die Gartengeräte fanden sich in dem kleinen Metallschuppen hinter der Hütte.
Lehrbach schüttelte den Kopf. "Das hilft uns nicht weiter. Lass uns zu Märzenbecks Wohnung fahren."

Dienstag, 4. September 2007

Nebenverdienst (Teil 1)

Im Moment bin ich mit Arbeit und Aufräumen zeitlich und geistlich - äh, geistig so ausgelastet, dass ich nicht zum Schreiben komme. Deshalb heute und an den nächsten Tagen ein Kurzkrimi vom letzten Jahr.

Der Morgendunst schwebte noch über dem See, eine frühe Amsel sang. Leichter Wind raschelte im Schilf und am Holzsteg leckten winzige Wellen.
Der Klapphocker auf dem Steg war umgekippt und auf den offenen Kunststoffkoffer mit Angelhaken, Schwimmern und anderem Zubehör gefallen. Die Angel steckte in ihrer Halterung. An der ausgeworfenen Schnur trieb ein leuchtend roter Schwimmer etwa drei Meter entfernt im Wasser.
Der Schwimmer zuckte auf und ab. Die Angel bog sich weit nach unten, doch niemand griff nach ihr, um den Fisch an Land zu ziehen, der sich vom Köder hatte anlocken lassen. Noch ein kräftiger Ruck und die Leine entspannte sich wieder. Der Fisch war vom Haken.
Der Angler hatte von all dem nichts gesehen. Er trieb mit dem Gesicht nach unten neben dem Holzsteg im See. Das blaugrüne Wasser hatte um ihn herum eine rötliche Färbung angenommen.

"Tschuldigung, Leute", begrüßte Kommissar Lehrbach die Mannschaft am Tatort. "Beim Jupp war 'Himmel und Erde mit gebratener Blutwurst' so gut, das konnte ich nicht stehen lassen. Aber tot ist tot, und ihr seid ja auch schon prima an der Arbeit."
Die Beamten der Spurensicherung grinsten. Lehrbachs Vorliebe für rheinische Hausmannskost war bekannt. Tanja Willms, die Pathologin, streifte die Latexhandschuhe von ihren kräftigen Fingern.
"Morgen Lehrbach. Sie haben nicht allzu viel verpasst."
Mit wenigen Worten zeichnete sie das Bild, das sich den Beamten am See geboten hatte.
"Dann haben die Kollegen ihn rausgezogen, damit ich ein Auge auf die Leiche werfen konnte. Der Mann wurde von hinten erstochen. Drei Stiche mit seinem eigenen Anglermesser, einer davon in die Lunge, einer direkt ins Herz. Er war wohl schon tot, bevor er ins Wasser fiel. Alles weitere ..."
"Ich kenne die Floskel. Wissen wir schon, wer er ist?"
"Fragen Sie Reinhardt da hinten. Der spricht gerade mit dem Paar, das ihn gefunden hat", antwortete Tanja Willms, winkte und ging zu ihrem Auto.
"Bis später", rief Lehrbach ihr nach und schlenderte zu seinem Kollegen Moritz Reinhardt.

"Vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen", verabschiedete der ein blasses Ehepaar in Wanderkleidung. Die beiden zogen sich kopfschüttelnd und murmelnd zurück.
"Hallo Chef", rief Moritz Reinhardt dem Kommissar zu und dann leiser: "Die beiden haben ihn gefunden, ungefähr vor einer Stunde. Sie wollten um den See wandern und hier am Steg eine Picknickpause machen. Der Anblick der Leiche hat ihnen allerdings den Appetit gründlich verdorben."
"Gut, dass ich schon zu Mittag gegessen habe." Lehrbach strich sich für ihn typisch mit einer Hand über den Bauch. "Was haben wir?"
"Nicht viel." Reinhardt blätterte in seinem Notizbuch. "Um kurz vor zwölf hat das Ehepaar Breuer die Leiche neben dem Steg schwimmend entdeckt. Mit seinem Handy hat uns Herr Breuer gerufen und natürlich nichts angefasst. Man schaut schließlich 'Tatort' und 'Der Alte'. Mit der Pathologin haben Sie ja schon kurz gesprochen. Wir haben inzwischen auch einen Namen. Der Tote heißt Heinrich Märzenbeck, zumindest, wenn das seine Angelausrüstung ist, die auf dem Steg liegt. Im Koffer steckte eine Karte mit Namen und Adresse. Zwei Leute sind schon unterwegs zu seiner Wohnung."
Lehrbach nickte und fragte nach Zeugen.
"Bisher noch nichts. Vielleicht kann uns jemand aus der Gartenanlage dort drüben weiterhelfen."
"Dann los, machen wir uns auf den Weg."

Fortsetzung folgt

Auf Travellers Pfaden

unterwegs durch Prosa und Lyrik

Wolkenlicht und Meeresatem

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