Kurzkrimis

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Hoher Tribut

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"Anregend", dachte Kommissar Lehrbach, als er im Eingang zum Brennereikeller stehen blieb und tief atmete.
Ein säuerlicher Hauch von vergorenem Obst und Hefe lag in der Luft. Lehrbachs Augen gewöhnten sich langsam an das Halbdunkel. Er erkannte auf der rechten Seite die Maischebehälter, die wie übergroße Regentonnen vor der weiß getünchten Bruchsteinwand standen. Links reihten sich einfache Bänke und Holztische aneinander, auf blau karierten Tüchern Tabletts mit kleinen Gläsern.
"Schnapsprobe", schoss es Lehrbach durch den Kopf. "Wahrscheinlich ein leckeres Tröpfchen."
Aus dem Dämmern des Kellers drangen leise Stimmen. Am Ende der Bankreihe hockten zwei Männer im Licht der einzigen Deckenleuchte. Der jüngere redete auf den anderen ein, gestikulierte, wies zum Brennapparat und zu den grünen Maischetonnen.
Lehrbach grüßte, die Männer verstummten, sahen ihn unsicher an, dann streckte der jüngere die Hand aus.
"Guten Tag, ich bin Jochen Vogler, der Junior im Betrieb, und das ist mein Vater Heinrich."
Lehrbach schüttelte Hände, ließ sich auf der Bank nieder und musterte die Destille. Der kupferne Brennkessel glänzte matt, stand wie ein stiller Zeuge in der Ecke des Raumes und reckte den Hals in die Höhe. Über dünne Rohre war der Kühler angeschlossen, unter dem das Auffanggefäß für den Alkohol stand. Ein uraltes Prinzip, um Wasser und Alkohol zu trennen.
"Wie oft wiederholen sie den Brennvorgang?", wollte Lehrbach wissen.
"Bei diesem modernen Apparat können wir in einem Durchgang einen Dreifach-Brand erreichen", erklärte Heinrich Vogler stolz. "Ein sauberes Stöffchen aus guten Äpfeln von unseren Obstwiesen."
Lehrbach lächelte. "Vielleicht machen wir eine Probe, wenn das alles hier geklärt ist."
Er räusperte sich. "Lassen Sie uns zum Grund meines Besuchs kommen. Er heißt Manfred Stieglitz und ist Zollbeamter. Sie kennen ihn."
Die beiden Voglers nickten.
"Er ist zuständig, wenn wir einen Brand anmelden", sagte Jochen Vogler. "Hin und wieder kontrolliert er hier vor Ort, ob wir Art und Menge korrekt angegeben haben."
"Und das war auch vor drei Tagen so?", fragte Lehrbach.
"Ja." - "Nein." Vater und Sohn sahen sich an, der Sohn sprach zuerst.
"Ja, weil wir den Brand von 500 Litern Apfelmaische angemeldet haben. Nein, weil er nicht dabei war."
"Stieglitz war nicht beim Brand anwesend?" Kopfschütteln.
"Seltsam." Lehrbach kratzte sich hinter dem Ohr. "Laut seinem Terminkalender wollte er an diesem Tag zwei Brennereien besuchen, auch Ihre."
"Wer weiß, was ihm dazwischen gekommen ist", grummelte Heinrich Vogler.
"Das kann ich Ihnen sagen." Lehrbach legte beide Hände auf den Tisch und beugte sich vor. "Wir haben ihn aus dem Fluss gezogen. Er liegt jetzt in der Pathologie in einem Kühlfach, das genau so schön glänzt wie Ihr Brennkessel."
Lehrbach lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und wartete.
Jochen Vogler hielt es zuerst nicht mehr aus.
"Stieglitz ist tot? Ertrunken? Warum kommen Sie da zu uns?"
Lehrbach grinste böse.
"Weil in seinen Lungen kein Flusswasser war sondern Maische. Apfelmaische."
Pause.
"Und weil in der anderen Brennerei Williams-Birne angesetzt war."
Pause.
"Und weil ich jetzt wissen will, wer von Ihnen den Zollbeamten getötet hat."
Heinrich Vogler sah auf seine schwieligen Hände, sein Sohn schluckte.
"Es war bestimmt ein Unfall. Mein Vater bringt doch keinen Menschen um."
Der Alte sprang auf.
"Ich? Wieso ich? Du hast doch ..." Er brach ab.
Lehrbach sah irritiert von einem zum anderen.
"Langsam bitte. Herr Vogler, setzen Sie sich. Herr Vogler Junior, Sie erzählen."
Jochen Vogler schloss die Augen und seufzte.
"Stieglitz war vor drei Tagen hier, um den Brand zu überwachen. Und um uns zu erpressen. Keine Ahnung, wie er herausgefunden hat, dass wir über unser Brennrecht hinaus Schnaps destillieren. Die Ernte war so reich, wir dachten uns: nur für den Hausgebrauch, für gute Freunde, wem soll das schaden. Er wollte Geld, sonst hätten wir eine Anzeige bekommen und nicht mehr brennen dürfen. Seit vier Generationen ist die Brennerei in der Familie. Vier Generationen! Ich habe ihm gesagt, dass ich das Geld besorge.
Als ich zurückkam, war er fort. Dachte ich. Also machte ich weiter mit der Arbeit. Der große Schlauch hing in der Maische, die Pumpe war schon angeschlossen, ich schaltete sie ein, sie förderte einige Liter Maische in den Brennkessel, dann stoppte sie. Ich stieg auf das Podest hinter den Bottichen, um die Verstopfung zu beseitigen, und fand Stieglitz. Ich zog ihn heraus, er war tot. Nichts mehr zu machen."
Vogler Senior schüttelte ungläubig den Kopf.
"Du hast ihn nicht umgebracht? Warum dann der Zirkus mit dem Fortschaffen? Wenn es doch ein Unfall war."
"Weil ich dachte, dass du ..." Jochen Vogler schwieg.
Lehrbach fasste zusammen:
"Sie behaupten also, dass keiner von Ihnen dem Zollbeamten Stieglitz einen Schlag auf den Hinterkopf verpasst und ihn dann in der Maischetonne ertränkt hat. Sie haben nur - nur, ha ! - die Leiche beseitigt."
Vater und Sohn nickten. Jochen Vogler zog plötzlich die Stirn kraus.
"Sagten Sie 'Schlag auf den Hinterkopf'?"
Jetzt nickte Lehrbach. "Der berühmte stumpfe Gegenstand."
Ein lautes Schluchzen hinter seinem Rücken ließ ihn herumfahren.
Das Mädchen mochte elf oder zwölf Jahre alt sein. Tränen liefen über ihre Wangen und sie flüsterte immer wieder:
"Ich wollte das doch nicht. Ich wollte das nicht."
Die Männer starrten sie an, bis Heinrich Vogler aufstand und seine Enkelin in die Arme nahm.
"Kind, was ist denn passiert?" Er drückte das zitternde Mädchen fest an sich. Lehrbach wartete eine Weile, dann fragte auch er sanft:
"Was ist passiert? Komm, setz dich."
Annika Vogler sackte auf die Bank neben Lehrbach. Ihr Schluchzen ließ nach, sie schniefte.
"Er hat meinen Papa bedroht. Er hat ihm gedroht, alles kaputt zu machen. Ich habe gehört, wie er das gesagt hat. Und ganz gemein gelacht hat er. Papa war ganz weiß im Gesicht, als er aus dem Keller lief. Ich bin dann hin zu dem Stieglitz. Der stand auf dem Podest und schaute grinsend in den Maischebottich. Ohne mich anzuschauen hat er was gemurmelt von 'bluten müssen'. Ich habe eine Flasche Obstler aus dem Regal genommen. Er sollte aufhören, so böse zu reden. Er sollte uns in Ruhe lassen. Dann ist er vornüber gekippt und ich bin weggelaufen."
Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte still.
Lehrbach nahm sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und rief seine Kollegen an.
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Dienstag, 8. Juni 2010

Die letzte Party

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Ich liebe das tiefe Rot dieses Weines. Dornfelder und Spätburgunder in perfekter Harmonie. Und ganz ohne Gift. Ökologischer Weinbau hat Zukunft.
Das letzte Glas für heute. Oder soll ich noch eine Flasche öffnen? Nein, es ist genug, ich will nicht übertreiben. Obwohl - an einem solchen Abend ...
Das Filetsteak war auf den Punkt gebraten, zart rosa im Kern und saftig. Ich mag es nicht, wenn Blut fließt beim Anschneiden. Er liebte es fast roh, das hat uns immer schon unterschieden. Und das Gemüse, wie er immer das Gemüse zu Brei drückte. Die frischen Erbsen und Zuckermöhren, ich glaubte sie ächzen zu hören unter seiner Gabel. Und dann tunkte er die Kartoffelbällchen in den dunklen Fleischsaft, dass sie aussahen wie - ich will nicht mehr daran denken.
Der Abend ist wirklich zu schade. Die Dunkelheit atmet Kräuterdüfte, irgendwo zirpt eine Grille. Als wäre ich am Meer. Das leise Rauschen der Wellen - nun ja, hier ist es die ferne Autobahn - und über mir Sterne am mondlosen Himmel. Je länger ich in die Nacht schaue, desto mehr Sterne entdecke ich, desto weiter geht mein Blick durch den Raum in der Zeit zurück. Wie viele dieser Lichtpunkte mögen in Wahrheit schon erloschen sein? Wie viele Welten verglüht?
Da vorne, bei den Büschen, da glüht es auch. Ein leuchtender Türkis tanzt in der Luft. Und noch einer dort drüben. Zeit für Glühwürmchen. Mittsommer.

Vor drei Jahren hätte man kein einziges Glühwürmchen sehen können vor lauter Lampions und Lichterketten. Und keine Grille hören, weil die Bässe aus den riesigen Boxen jedes Zirpen überrollten. Das war die letzte Party in unserem Garten. Seitdem ist es still geworden. Angenehm still.
Er musste in Superlativen leben: das neueste Auto, der größte Gartenteich, die lauteste Party in der Nachbarschaft. Anfangs imponierte er mir damit, dummes Huhn, das ich war. Die Ernüchterung kam bald nach der Hochzeit mit meiner Inventarisierung. Die beste Haushälterin, die geschickteste Köchin, die pflegeleichteste Ehefrau. Die erotischste Geliebte war dann eine andere. Viele andere.
Vor drei Jahren änderte sich meine Situation mit einem Herzschlag.
Die Mittsommer-Party war in vollem Gang, das üppige Buffet geplündert, einzelne Weintrauben zwischen Käseresten, Salatschüsseln bis auf den Boden leer gekratzt, Brotkrümel und Kräuterbutter auf dem Damasttuch. Die Erdbeerbowle erfreute sich großer Beliebtheit, genauso das Naturtrübe aus der Brauerei im nächsten Ort. Auf der Terrasse wurde getanzt, schwankende Bewegungen zu Disco Fox und Samba und er mittendrin.
Ich stand neben einer kleinen Gruppe Frauen, die sich über die neuesten Trends beim Nageldesign unterhielten, und starrte auf meine Finger. Ob rote Nagelhaut auch unter Design fiel? Ich schob die Hände tief in die Hosentaschen.
Der Tumult auf der Tanzfläche brach mitten in einem Song von Tina Turner los. Ich mag Tina. Sie hat es Ike gezeigt und sich aus jeder noch so miesen Lage aufgerappelt.
Er rappelte sich nicht mehr auf. Er lag am Boden, zusammengekrümmt, die rechte Hand in Brusthöhe ins Hemd gekrallt, die Augen halb offen. Ich wusste, dass er tot war, bevor ich neben ihm kniete. Trotzdem rief ich nach dem Notarzt. Ich schrie hysterisch und schüttelte ihn, weil ich das in Filmen so gesehen hatte. Ich schluchzte, ließ mich von einer Frau ins Haus führen und sank in den Ledersessel neben der Terrassentür.
Kurze Zeit später stand der Notarzt neben mir, fühlte meinen Puls und gab mir eine Spritze zur Beruhigung. Er erklärte mir, dass mein Mann tot sei und wollte wissen, ob er Herzprobleme gehabt hätte. Herzrhythmusstörungen, seit zwei Jahren in Behandlung, Medikamente, ja, aber nie Probleme. So etwas könne ganz plötzlich geschehen, vielleicht die Anstrengung, der Alkohol, wer weiß. Aber es sei nichts mehr zu machen gewesen.
Ich nickte und starrte auf den Riss in der Fliese. Vom Kerzenleuchter. Als er damit nach mir geworfen hatte wegen ... ich weiß nicht mehr, weswegen.
Der Arzt unterschrieb den Totenschein: Herzversagen nach Vorerkrankung.
Jemand hatte die Musik abgeschaltet. Die Gäste verabschiedeten sich murmelnd. Die Party war zu Ende.

Die Glühwürmchen scheinen ihr Werben für diese Nacht ebenfalls beendet zu haben. Kein türkisfarbenes Glimmen über der Wiese. Nur die Grille singt weiter, einsam und melancholisch.
Ich werde keine neue Weinflasche mehr öffnen. Es ist spät geworden an diesem Mittsommerabend. Drei Jahre vergangen seit damals. Drei freie Jahre. Das war ein Festessen und eine hervorragende Flasche Wein wert. Das war alles wert.
Nach dem Digitalis hat nie jemand gefragt.

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Montag, 31. Mai 2010

für Krimifans (5)

(Fortsetzung "Luftnot")

"Eindeutig Samstag", stellte Kommissar Franz Lehrbach fest. "Rasenmäher in allen Lautstärken."
Sein Assistent Moritz Reinhardt stimmte grinsend zu. "Die sind aber auch ordentlich. Davon sollte ich mir vielleicht eine Scheibe abschneiden. In meinem Garten herrscht zur Zeit eher Anarchie."
Die beiden Kriminalbeamten erreichten den Wohnwagen, vor dem die Autos der Spurensicherung standen, und schauten sich um.
Die Parzelle war mit Pfosten und einer rot-weißen Plastikkette eingegrenzt, den Eingang des Vorzeltes rahmten Geranien in Töpfen. Die Wiese war schon länger nicht gemäht worden, Gänseblümchen und Löwenzahn leuchteten im Grün. Sicher nicht zur Freude der Nachbarn.
Die Pathologin Tanja Willms kam ihnen entgegen.
"Morgen."
"Morgen erst? Ich dachte, eine vorläufige Einschätzung bekommen wir gleich." Lehrbach gab ihr die Hand.
"Das war die Begrüßung, Kollege." Tanja Willms verzog den Mund. "Sieglinde Schumacher, Mitte Vierzig, erdrosselt irgendwann in den frühen Morgenstunden. Reicht das für den Anfang?"
"Danke." Lehrbach nickte ihr zu und trat an die Wohnwagentür.
Im Inneren arbeitete die Spurensicherung still und routiniert. Einer der Männer bemerkte Lehrbach.
"Morgen."
"Morgen", grüße der zurück. "Wie sieht's aus?"
"Die Frau war allein auf dem Campingplatz. Tatwaffe ist ein Stück Zeltschnur, sie wurde dem Opfer von hinten um den Hals geschlungen und zugezogen. Sie hatte keine Chance."
"Mann oder Frau?"
"Als Täter wäre beides möglich. Sieglinde Schumacher war klein und nicht sehr kräftig."
Lehrbach bedankte sich.
"Moritz, wir hören uns bei den Nachbarn um. Du rechts, ich links."

"Mann, war das 'ne Aufregung heute Morgen."
Gerd Bach hielt die Hand seiner Frau Rita zwischen seinen Pranken.
"Meine Frau" - er warf ihr einen Seitenblick zu - "hat die Sieglinde gefunden. Sie hat einen Schock."
Rita Bach wirkte bestürzt aber ruhig, als sie erklärte:
"Als nebenan um zehn noch die Rollos unten waren, dachte ich mir: Der Sieglinde geht's nicht gut, da musst du doch mal schauen."
Gerd Bach nickte. "So ist sie, meine Rita. Immer denkt sie an andere."
Seine Frau errötete und fuhr fort:
"Ich hab geklopft, dann hab ich einfach die Tür aufgemacht. Wir sind schon lange befreundet, da konnte ich das doch machen, oder?"
Lehrbach murmelte Zustimmung.
"Ich hab sofort gesehen, dass da was nicht stimmt. Und dann hab ich sie auf dem Boden liegen sehen, ganz still. Ich dachte erst, vielleicht hat sie einen Herzanfall oder so. Aber ihr Gesicht, das war ..."
Sie schauderte.
"Und dann haben wir die Polizei gerufen", schaltete sich Gerd Bach wieder ein. "Mehr wissen wir nicht."
"Ihnen ist heute Nacht also nichts aufgefallen", hakte Lehrbach nach.
Die beiden verneinten.
"Das war bestimmt der Sexgangster, der hier rumläuft", flüsterte Rita Bach. "Der hat schon drei Frauen belästigt."
"Sie auch?"
"Nein." Hörte Lehrbach Bedauern in der Stimme? "Nein, aber der Helga Dörfler hat er sich gezeigt. Und zwei Urlauberinnen angetatscht. So einer ist zu allem fähig. Wo die Sieglinde doch ganz allein ist."
"Und sie war ja kein Kind von Traurigkeit", fiel ihr Mann ein.
"Sie wollte eben nicht mehr allein bleiben", verteidigte Rita Bach die Nachbarin.
Lehrbach wollte Genaueres wissen:
"Hat sie mit Ihnen über eine Beziehung gesprochen?"
Rita Bach schüttelte den Kopf.
"Ich hab mal in der Dämmerung einen Mann zu ihr in den Wohnwagen schlüpfen sehen. Ganz heimlich hat der getan. Der war bestimmt verheiratet."
Lehrbach machte ein paar Notizen, dann stand er auf.
"Danke, das war's erstmal. Wenn Ihnen noch etwas einfällt ..."
Er legte seine Karte auf den Tisch und stieg aus dem Wohnwagen.

* * * * *

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 30. Mai 2010

für Krimifans (4)

hier nun die 2. Variante zum gleichen Anfang:

Luftnot

"Lisbeth?"
Kurt Jägers Silhouette zeichnete sich dunkel ab in der erleuchteten Wohnwagentür.
"Lisbeth?"
Wo war seine Frau um vier Uhr morgens? Wozu lief sie irgendwo dort in der schwindenden Nacht herum? Wie lange war sie schon fort?
Jäger war aus biertiefem Schlaf aufgewacht, weil seine Blase zu platzen drohte. Erst als er von der Toilette - sie hatten eine separate im Wohnwagen - zurückkam, fiel ihm das leere zweite Bett auf. Er rieb sich die Augen, schaltete die Deckenlampe an, aber auch bei Licht war keine Frau zu sehen.
"Lisbeth!"
Jägers Stimme verklang zwischen Hecken und Gartenzäunen. Eine erste Amsel antwortete mit einem Triller.
Jäger nahm die schwere Taschenlampe aus dem Regal, gleichsam Orientierungshilfe und Waffe, und schloss die Tür hinter sich. Er leuchtete den Weg rechts und links von seiner Parzelle aus. Nichts. Er lauschte. Keine Schritte auf dem Kies.
Entschlossen marschierte Jäger zum Nachbarn und klopfte energisch. Er tappte mit der Fußspitze auf den Boden, atmete tief durch und hämmerte erneut an den Wohnwagen.
"Verdammt, welcher Idiot ...!"
Jäger prallte vor der aufspringenden Tür zurück und entschuldigte sich im gleichen Atemzug.
"Kurt, du?" Paul Dörfler starrte ihn schlaftrunken an. "Wieso rennst du in aller Herrgottsfrühe hier rum und reißt uns aus dem Schlaf?"
"Habt ihr Lisbeth gesehen?"
Dörfler schüttelte den Kopf. "Mensch, wir schlafen noch. Wie sollen wir da was sehen? Deine Frau ist nicht so verrückt und weckt Freunde mitten in der Nacht. Weil man sich damit nämlich Freundschaften verderben kann."
Jäger murmelte immer noch Entschuldigungen, als Dörflers Frau Helga in der Tür erschien.
"Was ist denn mit Lisbeth? Ist was passiert?"
Jäger zuckte mit den Schultern.
"Sie ist weg."
"Vielleicht ist sie ja schon wieder da", schlug Helga vor. "Komm, wir schauen mal bei euch." Sie nahm Jäger am Arm.
Die Figur, die sich nun in der Wohnwagentür der Jägers zeigte, war eindeutig die einer Frau.
"Was macht ihr denn da?" Lisbeth Jäger klang irritiert.
"Siehst du, Kurt, alles in Ordnung." Helga Dörfler tätschelte ihrem Nachbarn die Schulter. "Dann noch eine gute Restnacht", sagte sie, drehte sich um und zog ihren Mann hinter sich her.
"Wo warst du?", fuhr Kurt Jäger seine Frau an. "Ich habe mir Sorgen gemacht. Hier rennt ein Typ rum, der Frauen belästigt. Und wer weiß was noch alles."
Lisbeth Jäger winkte ab.
"Stell dich nicht so an. Ich war im Waschhaus. Die paar Meter, was soll da schon groß passieren."
"Du brauchst nicht dort zur Toilette zu gehen, schließlich haben wir alles hier drin."
"Es gibt Geschäfte, die erledige ich lieber woanders", gab Lisbeth zurück. "Und jetzt will ich noch eine Runde schlafen."
Ehe Kurt Jäger einen Ton sagen konnte, hatte sie das Licht ausgeschaltet und sich hingelegt.

* * * * *

Samstag, 29. Mai 2010

für Krimifans (3)

(Fortsetzung)

"Sind die Pilze frisch? Dann nehme ich ein Jägerschnitzel", bestellte Lehrbach und verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, als er an das Opfer dachte.
"Für mich auch", ergänzte Reinhardt, die Bedienung kritzelte ein paar Zeichen auf ihren Block und verschwand in Richtung Küche.
Lehrbach hob das Glas mit alkoholfreiem Bier und prostete seinem Kollegen zu.
"Wie die bei der Grillwut der Dauercamper mit ihrem Campingrestaurant überleben können, ist mir ein Rätsel. – Was hast du raus bekommen?"
Reinhardt setzte seine Apfelschorle ab und zückte sein Notizbuch.
"So ein Campingplatz hat was von einem kleinen Dorf. Cliquenwirtschaft, Tratsch, jeder weiß alles vom anderen. Freundschaft hier, Missgunst da. Wenn du die richtigen Fragen stellst, stichst du in ein Wespennest und die Informationen kommen Stachel voran geflogen."
Lehrbach schmunzelte.
"Und welche hat gestochen?"
"Es hat hier in den letzten Wochen einige unfreundliche Ereignisse gegeben."
Reinhardt sah seinen Chef wissend nicken und übersprang die Details.
"Alle betrafen ein und dieselbe Clicque. Kein anderer auf dem Platz wurde in diesem Jahr auf irgendeine Weise geschädigt. Vier der fünf Familien hat es bisher getroffen."
"Fünf?" Lehrbach horchte auf. "Du redest von Dörflers, Schumachers, Bachs und Jägers."
"Und Humperdincks. Die gehören auch dazu. Oder besser gehörten. Vor ein paar Wochen hat Hannelore Humperdinck ihren Heribert verlassen und der hat sich aus dem Kreis zurückgezogen. Muffeliger Typ, sagen die Camper. Seine Frau war wesentlich kontaktfreudiger als er."
"Wann war das? Wann ist Hannelore gegangen?"
Lehrbachs Nase kribbelte, ein untrügliches Zeichen, dass er auf eine Spur gestoßen war.
"So genau habe ich nicht gefragt. Eigentlich gehörte die Frau zur Clicque, er war mehr das Anhängsel. Wenn man dem Tratsch glauben darf."
"Ist er noch auf dem Platz? Hast du schon mit Humperdinck gesprochen?"
Reinhardt verneinte.
"Hey, ich bin zwar schnell, aber hexen kann ich nicht", beschwerte er sich.
Die Bedienung unterbrach seine Rechtfertigung, stellte zwei Teller vor den beiden ab und wünschte "Guten Appetit."
Lehrbach starrte das Schnitzel an, das seine Flügel über den Tellerrand schweben ließ und von einem Berg Champignons erdrückt wurde.
"Eindeutig in der Pfanne gebraten. Siehst du, wie die Panade Wellen schlägt?"
Er seufzte zufrieden, spießte einen Pilz auf und schob ihn in den Mund. Er kaute, lächelte.
"Mahlzeit, Kollege! Mit dem Fall geht's nach dem Essen weiter."

* * * * *

"Herr Humperdinck!" Lehrbachs Stimme übertönte den Heißluftfön, der Camper die Grillkohle zum Glühen brachte.
"Humperdinck, ich muss mit Ihnen reden!"
Der Mann wandte ihnen den breiten Rücken zu, blies weiter heiße Luft in den kunstvoll aufgeschichteten Haufen, bis das Feuer knisterte, legte den Fön zur Seite und schlenderte betont gelassen zum Gartenzaun.
"Polizei?", fragte er. "Wegen der Leiche?"
Er sah von Lehrbach zu Reinhardt und schob seine Hände in die Hosentaschen. Lehrbach nickte, hatte das Zittern der Finger gesehen, bevor diese in der Tiefe verschwanden. Er stellte seinen Assistenten und sich vor.
"Dürfen wir reinkommen? Es geht um die Vorfälle der letzten Zeit. Sie könnten das nächste Opfer sein."
Humperdinck schüttelte den Kopf.
"Ich nicht. Ich gehöre nicht zu dieser Clicque. Habe nie dazu gehört."
"Trotzdem würden wir gerne mit Ihnen reden."
Humperdinck öffnete das Gartentor und ließ Lehrbach und Reinhardt vorbei. Sein Blick huschte den Weg auf und ab, bevor er den beiden Polizisten folgte, die inzwischen am Gartentisch Platz genommen hatten.
"Ihre Frau gehörte dazu, nicht wahr?"
Humperdinck nickte.
"Eng befreundet mit den anderen?"
Humperdinck nickte wieder.
"Die hingen ständig zusammen. Die haben meine Frau aufgehetzt."
"Wie lange ist Ihre Frau schon fort?" Lehrbach ließ ihn nicht zu Atem kommen.
Humperdinck schluckte.
"Sechs Wochen. Was hat das mit dem Mord zu tun?"
"Vielleicht nichts, vielleicht alles." Lehrbach neigte den Kopf. "Es passt zeitlich."
Humperdinck zog die Brauen zusammen.
"Wie jetzt?"
"Ihre Frau verlässt Sie und kurz danach beginnen diese – nennen wir es Vorfälle. Ich könnte auch Racheakte sagen."
Humperdincks Hände fassten ein Stück Tischtuch.
"Immer, wenn die anderen sich zum Grillen treffen, passiert etwas."
Humperdinck knetete das Tischtuch, Lehrbach beobachtete seine Finger.
"Erst nur eine kleine Sachbeschädigung, dann wird's heftiger und schließlich ein Mord."
Humperdinck würgte die Wachstuchdecke, bis seine Fingerknöchel weiß wurden.
Lehrbachs Handy klingelte. Er murmelte "verdammt", drückte den grünen Knopf und grunzte "Ja!". Er hörte einen Moment lang zu, ließ dabei Humperdinck nicht aus den Augen. Mit einem "Danke" beendete er das Gespräch.
"Wir brauchen eine Haarprobe von Ihnen", erklärte er seinem Gegenüber. "Zum Vergleich."
Humperdinck wurde blass.
"Vergleich mit was?"
"Mit den Haaren und Hautpartikeln, die wir bei Lisbeth Jäger gefunden haben und die eindeutig nicht von ihr stammen."
Humperdinck sackte zusammen. Reinhardt atmete auf. Er hatte die ganze Zeit befürchtet, dass der Mann seinem Chef an die Gurgel gehen könnte.
"Die haben mein Leben zerstört", flüsterte Humperdinck.
Lehrbach und Reinhardt warteten, dass er weitersprach.
"Hannelore und ich waren glücklich miteinander. Bis diese Clicque sie verrückt gemacht hat. Erst reichte ihr unser kleiner Grill nicht mehr, es musste das neue Modell mit Lavasteinen und Räucherhaube sein. Dann wollte sie plötzlich eine Satellitenschüssel und einen Fernseher im Wohnwagen, damit sie irgendwelche blöden Soaps gucken konnte. Und der Köter von Schumachers hat immer an unsere Reifen gepisst. Und unser Wohnwagen war ihr mit einem Mal zu klein, zu alt, nichts genügte ihr mehr. Die Jäger hat sie aufgestachelt, dass sie etwas Besseres verdient hätte als mich."
Humperdinck war immer lauter geworden, schaute mit weit aufgerissenen Augen von Lehrbach zu Reinhardt.
"Die haben mein Leben zerstört, als sie Hannelore ganz verrückt gemacht haben."
"Und da haben Sie deren Leben zerstört", stellte Lehrbach fest.
"Ich wollte Lisbeth nicht töten", beharrte Humperdinck. "Aber sie hat sich über mich lustig gemacht, als sie vom Waschhaus kam."
Seine Finger drückten scharfe Falten in die Tischdecke.
"Sie hat mich einen Schlappschwanz und Versager genannt. Sie hat gesagt, es sei Zeit gewesen, dass Hannelore sich nicht mehr mit mir belastet. Ich hab gesagt, sie soll den Mund halten. Aber sie hat immer weiter geredet. Ich musste sie ..."
Seine Finger drehten das Tuch fest zusammen. Lehrbach legte seine Hände darauf.
"Herr Humperdinck, ich verhafte Sie wegen des Mordes an Lisbeth Jäger und wegen verschiedener Sachbeschädigungen."
Humperdinck stand auf und ließ sich mit schweren Schritten von Lehrbach und Reinhardt zum Auto führen, wo deren Kollegen ihn in Empfang nahmen.

"Das ging aber schnell."
Paul Dörfler und Kurt Jäger standen an Jägers Berberitzenhecke und schauten dem Polizeifahrzeug hinterher, das Humperdinck in Untersuchungshaft brachte.
"Herr Kommissar, dürfen wir Sie zu unserem nächsten Grillabend einladen? Wenn Sie mögen, können Sie gerne ein paar Rezepte haben."
Lehrbach lehnte ab und ging zum Auto, an dem Reinhardt schon wartete.
"Warum wolltest du denn nicht? Das wäre sicher was für deinen Gaumen gewesen, oder?"
Lehrbach schaute seinen Assistenten nachdenklich an.
"Schon. Aber mit dieser Truppe setze ich mich nicht gemeinsam an einen Esstisch. Da könnte ich noch das Kotzen kriegen."

(Ende - aber morgen gibt's die 2. Variante)

Freitag, 28. Mai 2010

für Krimifans (2)

Grillsaison (Fortsetzung)

"Hast du gesehen, wie viele verschiedene Grills hier herum stehen?"
Kommissar Franz Lehrbach zog einen lockeren Kreis mit der linken Hand durch die Luft, während seine rechte tief in der Hosentasche steckte. Sein Assistent Moritz Reinhardt grinste.
"Du kannst ja mal nach ihren Spezialrezepten fragen, während du sie wegen der Leiche vernimmst."
Lehrbach verzog den Mund.
"Unappetitlich. Aber so sind Leichen nun mal."
Die beiden blieben neben einer Gruppe Kollegen in weißen Overalls stehen.
"Was könnt ihr mir sagen?"
"Sie wurde erwürgt, irgendwann zwischen ein Uhr und vier Uhr morgens, dann unter den Wohnwagen geschoben. Am Fahrgestell haben wir Hautpartikel und Haare gefunden. Ob alle vom Opfer stammen, müssen wir noch klären."
Lehrbach nickte.
"Dann klappern wir mal die Camper ab und hören, was die zu sagen haben. Geh du zu den Nachbarn, Moritz, ich fange beim Ehemann an."

Lehrbach saß in der veloursgepolsterten Rundsitzecke des Sieben-Meter-Wohnwagens und bestaunte die Einrichtung, während Kurt Jäger versuchte, die Kaffeemaschine in Betrieb zu setzen.
Lehrbachs Blick wanderte über Flachbildfernseher und Vitrine mit Butzenscheiben zum Küchenbereich, den eine Schiebetür abtrennen konnte. Das Schlafzimmer musste am anderen Ende des Wagens liegen und ein Bad gab es sicher auch. Platz genug in Eiche rustikal mit Messingbeschlägen. Lehrbach schüttelte sich innerlich, als er sagte:
"Hübsch haben Sie es hier. Und so praktisch eingerichtet."
Jäger murmelte ein schwaches "Danke" und stellte zwei Tassen, Zucker- und Milchtopf auf den Tisch.
"Ich werde mir das nie verzeihen", lamentierte er. "Hätte ich auf sie gewartet am Waschhaus ..."
Jäger verstummte und ließ sich in die Polster sinken. Lehrbach hielt ihm seine Tasse hin.
"Sie waren also bei einer Familie Schumacher zum Grillen. Wer war noch dabei?"
"Dörflers und Bachs, wie immer. Wir treffen uns jeden Samstag reihum. Nächste Woche sind wir dran. Wären wir ... ich ..."
Jäger schniefte, zog umständlich ein Taschentuch aus der Hose und schnäuzte sich. Er starrte auf seine Kaffeetasse und sprach wie zu sich selber weiter.
"Wer konnte denn ahnen, dass es soweit kommt?"
Lehrbach ließ ein zustimmendes Räuspern hören und Jäger fuhr fort:
"Das waren doch alles Unfälle. Bis auf die Sache mit der Satellitenschüssel."
"Satellitenschüssel?", hakte Lehrbach nach.
"Ja, Paules neue Schüssel. Ich meine Herrn Dörflers. Irgendwelche Jugendliche haben sie abgerissen und den LMB zertrümmert. Dachten wir jedenfalls. Das war vor vier Wochen, als wir bei Gerd und Rita gegrillt haben, bei Bachs meine ich."
"Und die Unfälle?" Lehrbach beugte sich vor, rührte Zucker in seinen Kaffee und nippte.
"Lassen Sie mich nachdenken." Jägers Gesicht hatte wieder etwas Farbe angenommen.
"Samson hat es vor drei Wochen erwischt. Den Rehpinscher von Schumachers. Wir waren bei Paule, also bei Dörflers. Rippchen in Currymarinade. Genial."
Jäger leckte sich bei der Erinnerung genussvoll über die Lippen, dann biss er sich darauf und wurde wieder blass.
"Der Kleine wurde von der großen Gasflasche erschlagen, die hinter Schumachers Wohnwagen steht. Bumm und aus. Tragisch."
Lehrbach machte sich Notizen.
"Und weiter?"
"Vorletzte Woche war hier die Hölle los. Gerds Wohnwagen ist abgefackelt. Kurzschluss. Zehn Minuten und alles war vorbei. Wir saßen bei Schumachers und haben Cevapcici und Lammkoteletts gegrillt. Eine Rauchsäule, als hätte jemand öltriefendes Fleisch auf den Rost gepackt. Bis wir kapiert hatten, dass der Wohnwagen brannte, war es zu spät. Letzte Woche war deshalb auch Grillpause. Bachs brauchten erst einen neuen Wohnwagen."
Jäger sah Lehrbach direkt in die Augen und schluckte.
"Wir haben das für Unfälle, für Zufall gehalten."
Lehrbach klappte sein Notizbuch zu.
"Wir werden den Täter schon finden", versuchte er Jäger zu trösten, drückte sich aus dem weichen Polster hoch, klopfte dem Mann auf die Schulter und verließ den Wohnwagen.

* * * * *

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 27. Mai 2010

für Krimifans (1)

In Laubach gab es ein nächtliches Erlebnis, das mir wie folgt erzählt wurde:

In den frühen Morgenstunden klingelt ein Pickup-Camper beim Nachbarn. Der öffnet schlaftrunken.
Der andere vermisst seine Frau, die anscheinend die Wohnkabine verlassen hat, und macht sich Sorgen.
Kurzer Disput, dann zurück zum eigenen Wohnmobil. Die Frau ist wieder da. Allgemeines Aufatmen.

Hinweis einer Freundin: Daraus kann man doch einen Krimi machen. Hab ich dann natürlich. Sogar zwei Varianten.

Heute gibt's von Nummer 1 den Anfang:

Grillsaison

"Lisbeth?"
Kurt Jäger streckte seinen Kopf aus der Wohnwagentür in die Nacht.
"Lisbeth?"
Um vier Uhr in der Frühe war seine Frau nirgends zu sehen. Kurt Jäger schaute sich nervös um und griff zur Taschenlampe, die wie immer auf dem Regal neben dem Eingang lag. Der Lichtkegel streifte über die Parzelle, ließ den Gartenzwerg kurz aufleuchten und hangelte sich an der Hecke entlang bis zum offen stehenden Tor.
"Lisbeth!"
Jäger stieg aus dem Wohnwagen und starrte das Tor an, als könnte es ihm verraten, wohin seine Frau gegangen war.
Der Weg über den Campingplatz schimmerte als helles Band, unterbrochen durch die Schatten einzelner Ebereschen und Zierpflaumen.
Jäger lauschte. Ein Käuzchen klagte den Neumond an und in den Büschen raschelte es heimlich.
Jäger straffte die Schultern und marschierte zur Nachbarparzelle. Entschlossen klopfte er an die Wohnwagentür, klopfte ungeduldig ein zweites Mal und trat einen Schritt zurück, als er drinnen Bewegung wahrnahm.
"Wer zum Teufel ..."
Die Tür flog auf und Paul Dörfler schluckte den Rest des Satzes.
"Was fällt dir denn ein, mitten in der Nacht so ein Spektakel zu machen?", fragte er statt dessen entgeistert. Von hinten sickerte die Stimme seiner Frau.
"Is was, Paule?"
Dörfler winkte ab.
"Wisst ihr, wo Lisbeth ist?"
Jäger konnte einen ängstlichen Unterton nicht verbergen. Dörfler schüttelte den Kopf.
"Ihr seid doch gemeinsam nach Hause von Schumachers Grillparty."
"Aber jetzt ist sie weg. Verschwunden."
Dörfler kratzte sich hinterm Ohr, gähnte und meinte widerwillig:
"Muss wohl was überziehen und dir beim Suchen helfen."
Als es dämmerte, hatten sie Lisbeth noch nicht gefunden.
"Hätte ich doch nur auf sie gewartet", jammerte Kurt Jäger. "Ich hätte sie nicht vom Waschhaus allein gehen lassen dürfen. Bei all dem, was in der letzten Zeit auf dem Platz passiert ist."
Dörfler versuchte vergeblich ihn zu beruhigen.
"Lass uns zurück gehen. Bestimmt ist sie längst im Wohnwagen und wundert sich, dass du nicht da bist."
Sie grüßten einen Bekannten, der mit seinem Dackel zur morgendlichen Runde aufbrach, als der Hund plötzlich hektisch anschlug und an der Leine zerrte. Der Wohnwagen eines holländischen Campers übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf das Tier aus. Neugierig schauten auch die Männer unter das Gefährt.
"Was hat der denn da gebunkert?", wollte Dörfler wissen.
Jäger bückte sich, stieß einen spitzen Schrei aus, warf sich auf die Knie und packte zu. Am Fuß zog er seine Frau unter dem Wohnwagen heraus.
Ein Blick auf das verfärbte Gesicht genügte, um zu erkennen, dass Lisbeth Jäger tot war.

* * * * *
(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 22. November 2009

Unter Verdacht (1)

Jana schnupperte an ihrem linken Handgelenk. Ein Duft nach grünem Gras mit einem Hauch Zitrone stieg ihr in die Nase.
"Verflixt, welches war das noch mal?"
Sie drehte sich zu den Regalen um, in denen Parfumflakons in allen Farben und Größen standen. In der letzten Viertelstunde hatte sie mindestens zwanzig Fläschchen aufgeschraubt, daran gerochen, die meisten sofort wieder zugeschraubt. Kitschig-süß, seifig wie Waschpulver oder einfach langweilig. Nur wenige Düfte sprühte sie vorsichtig auf verschiedenen Hautstellen an Hand und Unterarm.
Die Verkäuferin beobachtete sie von der Kasse aus misstrauisch. Jana lächelte ihr zu.
Gras und Zitrone, ein frischer Duft nach Natur und Sommer. Das war das richtige Parfum für ihre Mutter. Drei Tage bis zum Geburtstag, höchste Zeit für ein Geschenk.
Das hier im blassgelben Karton könnte es gewesen sein. Unschlüssig nahm Jana ein Eau de Toilette in die Hand. Ihre Nase streikte, konnte keine Aromen mehr auseinander halten. Sie brauchte einen Luftwechsel, nachher würde sie sich entscheiden. Der Karton landete wieder im Regal.
Die Verkäuferin hatte eine ältere Kundin bedient und starrte Jana hinterher, als sie weiter durch die Kaufhausgänge schlenderte.
Ein Wühltisch neben der Schmuckabteilung hielt sie erneut auf. Ohrstecker, schwarze Kordeln mit großen Glasperlen, Uhrenarmbänder, Steinketten. Jana arbeitete sich systematisch durch die Restposten. Da sollte doch etwas für den Geschmack und den Geldbeutel einer Fünfzehnjährigen dabei sein. Sie hielt ein paar silberne Creolen in die Luft - mindestens sechs Zentimeter Durchmesser, Wahnsinn - und stutzte.
Eine junge Frau, vielleicht Ende Zwanzig, Anfang Dreißig, machte sich an einer Uhrenvitrine zu schaffen. Sie schaute sich kurz um, fummelte am unteren Rand, wo das Schloss saß und öffnete die Vitrine einen Spalt. Gerade genug, um mit einer schwarz behandschuhten Hand hineinzulangen.

(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 10. Februar 2009

Falsche Zeit für Spaziergänge (2)

"Mensch, heb ihn höher", zischte eine Stimme höchstens fünf Meter von mir entfernt. "Wir ziehen eine Spur wie eine Autobahn durch den Park."
"Meine Arme", stöhnte eine zweite Stimme. "Ich kann nicht mehr."
Ein dumpfes Plumpsen.
"Weiber! Zu blöd zum Tragen."
"Wenn du keinen Scheiß gebaut hättest, wäre diese Aktion überflüssig."
Es folgte eine Reihe von unflätigen Schimpfworten - immer schön abwechselnd - bei der ich noch einiges lernen konnte. Ich duckte mich so tief es ging und atmete fast unhörbar in meinen Jackenärmel. Mir wurde kalt.
"Los, mach schon", kommandierte der Mann. "Ist nicht mehr weit."
Die Frau seufzte und schien ihre Last wieder anzupacken.
"Der ist so schwer", ächzte sie. "Ich schaffe das nicht."
"Du musst. Du bist schließlich Schuld, dass er hin ist."
"Jetzt bin ich das auch noch gewesen."
"Schnauze, hoch heben!"
Als die Schritte und das Schleifen sich entfernten und leiser wurden, wagte ich den Kopf zu heben. Die zwei zerrten und schleppten zwischen sich ein längliches Paket in Richtung Wasser. Eine Bildsequenz aus einem Fernsehkrimi huschte durch mein Hirn. Eine Leiche, eingewickelt und verschnürt, wurde mit Steinen beschwert in einem See versenkt.

Ich hatte drei Möglichkeiten.
Erstens: noch ein paar Minuten warten, dann auf direktem Weg ab nach Hause ins Warme. Das war die feige Möglichkeit.
Zweitens: das Handy zücken und die Kripo rufen. Das war die bequeme Möglichkeit, konnte allerdings peinlich werden, wenn es nicht um Mord und Totschlag ging.
Drittens: hinterher schleichen, um mehr zu erfahren. Meine Neugier siegte und ich bewegte mich wie eine 120-Kilo-Python durch den nächtlichen Park.

Die zwei hatten inzwischen das Ufer des Weihers erreicht und ihre Last erneut fallen gelassen. Während sie sich streckte und dabei die Hände in den Rücken drückte, versuchte der Kerl das Paket ins Wasser zu wälzen.
"Meinst du nicht, wir hätten einfach zugeben sollen, was passiert ist?"
"Spinnst du? Dann wäre alles aus gewesen. Die werden nichts merken, wenn diese Sauerei hier verschwunden ist."
Er wollte der schweren Rolle gerade einen kräftigen Stoß geben, der sie über die Uferkante befördert hätte, als ich es nicht mehr aushielt.
"Liegenlassen", donnerte ich. Mit der einen Hand umklammerte ich meine Taschenlampe, mit der anderen versuchte ich den Notruf auf dem Handy zu wählen.
"Bleibt wo ihr seid!"
Ich richtete die Lampe direkt auf ihre Augen, schwenkte von einem zum anderen. Geblendet zwinkerten sie, hielten die Hände vor ihre Gesichter, konnten aber nicht erkennen, wer sie da bei ihrem nächtlichen Treiben so unliebsam störte.
"Polizei? Hier spricht Sieglinde Breuer. Ich habe gerade im Park an der Bismarckstraße ein Paar gestellt, das etwas im Weiher versenken wollte. Ich vermute, es handelt sich um eine Leiche. - Nein, ich meine das sehr ernst."
Ich hoffte, dass man am anderen Ende der Leitung nicht an einen Scherz glaubte. Und ich hoffte, dass sie schnell kamen.

Was sollte ich machen, falls dieses feine Pärchen beschloss, auf mich loszugehen? Meine Handflächen wurden feucht und ich schluckte.
Die Frau fing zuerst an. Aus einem leisen Kichern wurde ein helles Lachen. Der Kerl fiel mit einem dröhnenden Bass ein und hielt sich dabei den Bauch.
"Was zum Teufel ist so komisch?", schrie ich die beiden an.
Die Frau holte Luft und zeigte auf das Paket am Boden.
"Leiche? Da drin?"
Wieder schüttelte sie ein Lachanfall.
"Mensch, das ist nur ein Stück Teppichboden."
Wollten die mich verarschen? Wer schleppt denn nachts in aller Heimlichkeit Teppichboden durch einen Park? Andererseits sind Leichen auch nicht unbedingt häufiger anzutreffen.
"Darf ich?" Die Frau bückte sich und schnitt mit einem Messer - woher hatte sie das jetzt so schnell geholt? - die Schnüre auf, die die Rolle zusammenhielten. Ein Stoß und ein graugrüner Teppichboden breitete sich auf der Wiese aus. In seiner Mitte nichts als ein riesiger, terrakottafarbener Fleck. Blut war das auf keinen Fall.
"Wandfarbe. Wir sollten in der Villa von Schwarzenbergs das Schlafzimmer renovieren, während die im Urlaub sind. Herbert hat den Farbeimer so blöd abgestellt, dass ich ihn umstoßen musste."
"Kannst ja auch nicht gucken, wohin du läufst. Jedenfalls haben wir den Boden ausgetauscht. Aber das versiffte Stück musste verschwinden. Wenn die Schwarzenbergs das beim Müll gefunden hätten, nicht auszudenken!"
Ich ließ die Taschenlampe sinken. In der Ferne hörte ich ein Martinshorn. Hätte ich doch vorhin bloß Möglichkeit Eins gewählt.

Montag, 9. Februar 2009

Falsche Zeit für Spaziergänge (1)

Ich musste verrückt sein. Als Frau marschiert man nicht in den späten Abendstunden alleine durch einen unbeleuchteten Park. Jeder weiß, dass das gefährlich ist. Dass hinter den Büschen Unholde nur darauf lauern, dich zu überfallen, um dir Unschuld oder Geld zu rauben. Exhibitionisten reißen ihre Mäntel auf und weiden sich an deinem Schrecken über ihre entblößten Genitalien. Ich glaube allerdings nicht, dass sich jemand gerade mich aussuchen würde: eine Frau um die Sechzig mit einem Lebendgewicht von gut 120 Kilogramm. Und ich bin sicher, ich würde schallend lachen, wenn so ein Kerl vor mir stünde. Die Situation wäre doch wirklich urkomisch, oder?

Verrückt oder nicht, ich wollte auf dem kürzesten Weg nach Hause. Ich war seit sechs Uhr früh auf den Beinen. Nach dem Besprechungsmarathon gestern bei einem Kunden - meine Agentur berät Firmen in Sicherheitsangelegenheiten - hatte ich ein Angebot vorbereitet und am Vormittag präsentiert. Der Kunde wollte sich die Geschichte überlegen, doch ich war mir sicher, ihn gewonnen zu haben. Dann mit dem Taxi zum Flughafen, ein Flug ausgefallen, der nächste überbucht. Stattdessen die Bahn genommen und mit erheblicher Verspätung endlich angekommen. Das ewige Sitzen hatte meine Beine anschwellen lassen. Ein strammer Spaziergang durch die Dämmerung war genau das Richtige. Ein Glück, dass ich nur mit leichtem Handgepäck reiste.

Vom Bahnhof war es nur ein Katzensprung bis zu der gepflegten Anlage, die den Stadtweiher umgab. Kieswege, Blumenrabatten, alte Trauerweiden. Am Hang auf der anderen Seite legten sich Terrassen übereinander, auf denen an Sonnentagen alte Damen auf den Bänken saßen und Tauben fütterten. Jetzt waren die Bänke leer und die Tauben schliefen in ihren Nachtquartieren. Ein Käuzchen durchbrach mit seinem heiseren Ruf die Stille.

Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber ich gestehe, dass ich mich mehr als ein Mal umdrehte und lauschte. Und den Kopf schüttelte über mein albernes Verhalten.
Da hörte ich es. Ein schleifendes Geräusch. Ich blieb stehen und hörte es wieder. Ein Schaben und Reiben und - Schritte, langsame, schwere Schritte ein Stück vor mir auf der rechten Seite.
Ich hatte den Terrassenhang etwa zur Hälfte geschafft. Kurz vor mir musste der Weg liegen, der von den Jugendstilvillen in der Bismarckstraße quer durch den Park führte.
Das schleifende Geräusch kam näher. Ich duckte mich neben einer Bank hinter eine Steinputte mit Füllhorn. Lächerlich! Wie sollte der kleine Wicht mit seinen Marmorlocken mich verbergen können. Ich versuchte Schatten im Schatten zu werden.

Fortsetzung folgt

Auf Travellers Pfaden

unterwegs - Geschichten, Gedichte und Bilder

Wolkenlicht und Meeresatem

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