Reiseimpressionen

Donnerstag, 15. Mai 2008

Spukt es oder spukt es nicht? (Forts.)

Bei unserem ersten Besuch in der Pfalz haben mein Vater und ich aus einer Laune heraus beschlossen, ein paar Informationen über die Burgen bei Dahn herauszufinden. Wir sind in den Ort, genauer gesagt in die Bahnhofsgaststätte gegangen und haben uns mit dem Wirt unterhalten.
Der stammte aus Norddeutschland, aber wie es mit Zugereisten meist so ist, hatte er sich ausgiebig für seine neue Heimat interessiert und mit der Geschichte beschäftigt. Er erzählte uns ein paar nette Details aus der Geschichte der Burgherren. Allerdings waren die rundum harmlos. Wir hatten aber vor, eine Moritat zu dichten, Papa und ich. Also haben wir uns beim Wirt bedankt, sind zum Campingplatz zurückgefahren und haben uns selber etwas ausgedacht. Das Ergebnis könnt ihr morgen lesen.

Aber wir wären nicht wir gewesen, wenn uns das reimen gereicht hätte. Zur Moritat mussten passende Bilder her. Also sind wir am Tag vor unserer Abreise nochmal zur Burg hinauf gekraxelt. Bepackt mit einem weißen Bettlaken, einem blauschimmernden Schal, Schminkutensilien und Penaten-Creme (diese fette, weiße, die man Babys an den Hintern schmiert).
In einer geschützten Ecke habe ich mich in das Gespenst eines bösen Burgfräuleins verwandelt. Die Haare zusammengebunden, das Gesicht mit der Creme totenbleich gefärbt. Kajal schafft dunkle Augenringe und Lippen, blauer Lidschatten kann die Wangen herrlich hohl erscheinen lassen. Das Bettlaken eng um den Kopf befestigt, den Schal darüber wehen lassen und schon konnte ich spuken
Am hellichten Tag und bei blauem Himmel bin ich heulend aus Türnischen geschwebt, habe grausam in die Ferne geblickt und allerlei schaurige Grimassen gezogen. Und Papa hat ein Bild nach dem anderen gemacht.
Plötzlich hörten wir Stimmen, eine Familie stieg die Wendeltreppe hinauf. Ich verschwand wieder in meiner Nische. Und als Vater, Mutter und Sohn in das Gewölbe traten, konnte ich meine Verkleidung auf Wirksamkeit testen.

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Mittwoch, 14. Mai 2008

Spukt es oder spukt es nicht?

Neudahn-01

Siebenundzwanzig Jahre ist das jetzt her. Meine Güte, komme ich mir plötzlich alt vor. Vor siebenundzwanzig Jahren war ich schon mal auf dem kleinen Campingplatz am Neudahner Weiher (nahe Dahn/Pfalz) am Fuße eines Berges, der von der Burgruine Neudahn gekrönt wird.
Damals waren wir mit Freunden meiner Eltern und Wohnwagen unterwegs, jetzt stehe ich hier mit Holger und dem Wohnmobil. Mit leuchtenden Augen erkläre ich am späten Nachmittag:
"Ich will da rauf. Ich muss da unbedingt rauf und schauen, ob es noch so ist wie damals."

Eine halbe Stunde später stehen wir keuchend vor der Burgruine. Wie üblich sind wir zu schnell gegangen. Der Fußweg - besser Fußpfad - windet sich direkt vom Campingplatz aus steil den Berg hinauf. Schmal, steinig, von Baumwurzeln gequert. Bei jedem Schritt muss man den Blick auf den Boden heften, um nicht umzuknicken oder wegzurutschen. Der Blick nach vorne oder oben beschert sowieso Buchengrün und Farnblätter. Und erst auf den letzten Metern schimmert roter Sandstein durch das Mailaub.
Die Ruine ist begehbar. Im hohen Turm windet sich eine moderne Betontreppe über zwei Stockwerke nach oben und beschert uns einen ordentlichen Drehwurm. Der Ausblick von der Plattform über den Pfälzer Wald zeigt - na, eben Wald. Im Tal eine Straße, ein kleines Gewerbegebiet (das gab es vor 27 Jahren noch nicht). Ich erinnere mich, dass man im zweiten Turm in die Burg hinab steigen kann. Zwei Umdrehungen, oberes Stockwerk, Fensternischen, schiefer Steinboden, Ausblick. Zwei weitere Umdrehungen, unteres Stockwerk, wieder Steinboden und Fensternischen, aber kein Ausgang.
Also: wieder in Turm zwei nach oben, in Turm eins nach unten, neuer Drehwurm.
Dann den ganzen Weg wieder über Stock und Stein und durch den Wald zurück zum Campingplatz. Ich glaubte zwar, mich an einen anderen möglichen Weg zu erinnern, aber selbst wenn es ihn gäbe, er wäre deutlich länger und wir haben jetzt genug.

Warum ich unbedingt dort hinauf wollte? Dazu erzähle ich morgen mehr.

Freitag, 8. Februar 2008

Dünenwanderung

Schnurgerade zieht sich der Weg vom Parkplatz nach Westen. Auf beiden Seiten sanft gewellter Boden, die struppigen Sanddornsträucher noch kahl vom Winter. Gelbes Gras weht im kräftigen Wind, der uns die Schals enger ziehen lässt. Es ist elf Uhr vormittags und Sonne drängt die Wolkenherden an den Horizont.
Kaninchenlöcher säumen den Weg. Wild lebende Pferde soll es hier geben. Das Gelände ist groß und wir sehen keine Tiere, dafür ihre Hinterlassenschaften. Über uns stehen Möwen in der Luft und auf einer verkrüppelten Birke hockt eine Krähe.
Wir wandern am Rande eines Naturreservates entlang, das nur zu bestimmten Zeiten im Jahr betreten werden darf, um den Tieren Rückzugsmöglichkeiten zu bieten. Denn Westerschouwen in Zeeland ist ein Touristenmagnet.
Jetzt, an Karneval, ist es vergleichsweise ruhig, die Ferienhausparks nur zum Teil belegt und die Parkplätze noch gebührenfrei. Allerdings haben auch viele Geschäfte und Lokale geschlossen oder bereiten sich erst langsam auf den Saisonbeginn vor.

Das offene Gelände geht in einen lichten Kiefernwald über. Der Weg wird sandiger, steigt allmählich. An einer Gabelung wählen wir den rechten Zweig, folgen den grün geringelten Markierungspfählen in die Dünen. Mühsame Anstiege in tiefem Sand wechseln mit ebenen Pfaden und Abhängen, die wir lachend hinunterschlittern. Mal ist der Weg breit wie eine Landstraße, dann so schmal, dass wir uns hintereinander zwischen den dornigen Zweigen durchwinden.
Wir sind fast eine Stunde unterwegs und haben das Meer noch nicht gesehen. Wir wandern parallel zur Küste, schlagen einen großen Bogen und genießen die Ausblicke auf eine wüstenartige Landschaft.
Eine überdimensionale Zuckerstange, rot-weiß-geringelt, schiebt sich in unser Blickfeld: der Leuchtturm von Haamstede. Ein Dünenkamm weiter und das Meer liegt vor uns. Bis zum Horizont und darüber hinaus Wasser, graugrün mit weißen Schaumkronen, überspannt von blauem Himmel. Wir schauen einfach nur, lassen uns vom Wind den Atem nehmen und genießen die salzige Luft und das Gefühl von Weite.

Zurück geht es am Strand entlang, immer dicht an der Wasserkante, denn hier ist der Boden feucht und fest. Muscheln, Blasentang und halbverrottetes Holz bilden Muster auf dem feinen Sand. Jede Welle verändert das Mosaik, fügt Teile hinzu, nimmt andere mit sich fort. Das Gesamtbild bleibt trotz des steten Wechsels gleich.
Strandläufer huschen vor uns davon. Möwen starten kreischend von den Buhnen, wenn wir ihnen zu nahe kommen.
Immer wieder bleibe ich stehen, fotografiere die brechenden Wellen, die Gischt an den Holzpfählen, die Wolken. Ich kann mich nicht satt sehen an diesem Überfluss. Ich könnte ständig "Ah" und "Oh" ausrufen. In mir spüre ich mit jeder Welle, die am Ufer ausläuft eine Resonanz, die mir sagt: Du bist zu Hause.

Montag, 10. Dezember 2007

Stein um Stein

eine Erinnerung an den Herbst-Urlaub

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Der Weg windet sich zwischen Gras und dornigem Gestrüpp bergauf, gesäumt von Felsen, Sand, niedrigen Disteln und Schafgarbe.
Den Römersteinbruch von Sankt Margarethen im Burgenland habe ich unter mir gelassen und mit ihm die Freilichtbühne, auf der im Sommer Opern vor berauschender Kulisse gespielt werden. Nun ist die Saison beendet, der Steinbruch geschlossen. Aber der Berg mit der weithin sichtbaren Koglkapelle steht allen Spaziergängern offen.

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Anfang Oktober ist es am Neusiedler See angenehm warm. Wiesenkräuter duften in der Sonne, Grillen zirpen. Der strahlend-blaue Himmel lässt die Landschaft wie eine Urlaubspostkarte wirken. Von der Kapelle aus kann ich sowohl über den See schauen als auch ein wenig in den Steinbruch hinein, der einer der ältesten und größten Steinbrüche Europas ist. Der Kalksandstein wird schon seit Römerzeiten abgebaut. Und nicht nur imposante Gebäude wie der Wiener Stephansdom wurden aus ihm errichtet.

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Auf dem Gelände rund um den Steinbruch finde ich verstreute Skulpturen. Bildhauer haben seit 1959 vor Ort mit dem Stein gearbeitet und ihre Werke der Natur überlassen. Die Figuren verwittern langsam, manche zwischen Büschen versteckt, andere auf offener Fläche.
Ich folge den schmalen Trampelpfaden über den Hügel aufwärts und abwärts. Ein orange-brauner Schmetterling taumelt zwischen Gräsern durch die Luft. Eine Amsel fliegt schimpfend auf. Immer neue Ausblicke, immer andere Bilder. Ich verliere mich zwischen Stein und Grün.

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Ich habe fotografiert. Nicht alle, aber einige der Skulpturen. Sie faszinieren mich. Sie sind abstrakt und doch kann ich in ihnen vieles sehen, mich inspirieren lassen. Und dass sie Teil der Natur auf dem Berg sind, macht sie für mich sehr lebendig.
Eines der Fotos war schon Anlass für ein Gedicht. Ich denke, es wird nicht das letzte gewesen sein.

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Schwebender Klang

Dom-Passau

Bei den ersten Tönen schließe ich die Augen. Ich lehne mich an die harte Holzbank, lege die Hände ineinander, vergesse die Menschen um mich.
Der Klang ist auf allen Seiten, ist oben und unten, hüllt mich ein. Barocke Melodien, mal zart schwebend wie Seide, dann kraftvoll und mächtig wie Brokat. Dazwischen ein helles Glockenspiel.
Ich ärgere mich kurz, dass ich am Eingang vergessen habe, ein Programm mitzunehmen. Die Musik schwemmt diese Gedanken fort. Sie ist einfach schön, es ist egal, wer sie schrieb, wie sie heißt. Und am Ende des Orgelkonzerts erkenne ich Bach, einen Kanon, die Toccata. Als die Orgel schweigt, öffne ich die Augen, blinzele mich langsam zurück in die Wirklichkeit.

Der Dom St. Stephan in Passau ist eine beeindruckende Barockkirche, soll den größten Kircheninnenraum nördlich der Alpen besitzen. Und in ihm klingt die größte Orgel Europas, deren fünf Orgelwerke vom Hauptspieltisch auf der Empore gespielt werden. Und wer Passau besucht, darf sich das halbstündige Mittagskonzert nicht entgehen lassen, las ich im Reiseführer.
Ich bin keine Verehrerin klassischer Musik, schon gar nicht von Orgelmusik, aber ich bin neugierig. Ich wollte diese Kirche sehen, diese Orgel hören.

Kurz vor halb zwölf öffnen sich die Eingangstüren, die Schlange der Touristen windet sich langsam in den Dom. Eintrittsgeld zahlen, eine Karte erhalten, dann dürfen wir uns eine Weile frei bewegen.
Hohe Säulen aus weißem Stein mit üppigen Stuckverzierungen tragen ein Gewölbe, das fast 30 Meter hoch ist. Die Kirche ist lichtdurchflutet, hell und luftig. Seitenaltare und Fresken bringen Farbe und Gold ins Spiel.
Ich schlendere von Säule zu Säule, den Kopf im Nacken, um die Deckenbemalungen zu bewundern. Staune über den Hochaltar, der die Steinigung des Heiligen Stephanus darstellt und matt glänzt wie altes Silber. Setze mich schließlich neben meinen Holger in eine der Kirchenbänke.

Ein Herr tritt an ein Rednerpult, erläutert auf Deutsch und Englisch die Geschichte des Domes und der Orgel. Spricht von 17.794 Pfeifen, 233 klingenden Registern und vier Glockenspielen. Er fasst sich kurz und bittet die Anwesenden, während des Konzerts nicht herumzugehen. Dann setzt er sich und der Organist beginnt seine Kunst.

Bei den ersten Tönen schließe ich die Augen.

Donnerstag, 9. August 2007

Ein vegetarisches Märchen

Fährt man durch die Region rund um die Stadt Le Puy in der Auvergne, entdeckt man rechts und links der Straße Felder, die wirken wie Brachland voller Unkraut. Der Bewuchs niedrig und dürr, gelb-grün ab Mitte Juli, durchsetzt von Margariten und Kornblumen. Ärmlich ist das Wort, das bei diesen Feldern durch meinen Kopf schwebt. Und doch gedeiht hier eine Delikatesse.
Ihre Geschichte erinnert an das Märchen vom hässlichen Entlein, das zum strahlend schönen Schwan wurde. "Sie" ist in diesem Fall eine winzige Hülsenfrucht, die grüne Linse von Le Puy.

Das Zentralmassiv mit seinen kalten Wintern und den kurzen, frischen Sommern ist nicht ideal für den Ackerbau. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hat hier eine alte Kulturpflanze überlebt, die Linse.
Linsen, ein einfaches Essen, nichts für die Feinschmecker-Küche. Das mag für manche große Linse gelten. Nicht allerdings für die von Le Puy.
Klein ist sie, zierliche fünf Millimeter im Durchmesser, grün mit dunklen Sprenkeln. Schaut man genau hin, wirkt sie wie ein Satellitenbild der Erde. Eine ganze Welt im Miniaturformat.
Und zart ist sie, überhaupt nicht mehlig wie ihre großen Schwestern. Weil sie in der kurzen Zeit auf den windigen Ebenen nicht voll ausreifen kann. Eindeutig ein Vorteil.
Vor zwanzig Jahren gab es nur noch wenige Flächen, auf denen die grünen Linsen angebaut wurden. Die Ernte ist schwierig, der Ertrag mager. Dann haben sich die Landwirte zusammengetan, haben beschlossen, die Qualität und den Ruf ihrer Linse zu heben. Sie haben Spitzenköche der Region gewonnen, sich an diesem Projekt zu beteiligen. Selbst Paul Bocuse hat eine Lanze für die Linsen von Le Puy gebrochen.
Vor gut zehn Jahren wurden diese Anstrengungen gekrönt mit dem Prädikat "A.O.C." (Appellation d'Origine contrôlée). Dieses Prädikat über die kontrollierte Herkunft kennt man von Weinen und Käse. Die Puy-Linse war 1995 das erste Gemüse, das diese Auszeichnung erhalten hat.

Beim Bummel über den Markt von Le Puy habe ich mir ein Paket Linsen direkt von der Erzeugerin gekauft. Und in einem kleinen Geschäft in der Nähe ein Buch über dieses Kleinod der Auvergne mit wunderschönen Bildern und poetischen (französischen) Texten. Und mit Rezepten der Köche, die in der Region die winzige Linse zu einem kulinarischen Highlight gemacht haben. Von dort hat sie ihren Siegeszug durch die Welt angetreten bis hin zu uns.
Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Probiere ich zuerst den feinen Linsensalat mit hauchdünnen Speckscheiben und einem frittierten Ei? Oder die Forelle mit dem pikanten Linsengemüse? Oder vielleicht ...

Dienstag, 7. August 2007

Fahrt in die Berge

Südlich von Perpignan strecken die Pyrenäen ihre Füße ins Mittelmeer. Und locken uns vom Strand weg auf eine Fahrt in die Berge. Die Hauptroute von Perpignan nach Andorra verläuft durch das Tal des Flusses Têt. Anfangs ist dieses Tal breit, die Straße gut ausgebaut, die Fahrt nicht sonderlich aufregend. Doch hinter Villefranche-de-Conflent ändert sich das Bild. Die Berge rücken zusammen, die Straße wird schmaler und steigt in ungezählten Kurven an.
Der Têt fließt nun tief unten zwischen schroffen Felsen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht klebt eine alte Bahnlinie am Berg. Das Tal ist dicht bewaldet. Akazien stehen in saftigem Sommergrün und Edelkastanien lassen helle "Schwänzchen" im Wind flattern. Kaum eine Felsritze, die nicht von Kräutern oder niedrigen Sträuchern erobert wird. Drahtseilnetze sichern die Straße vor Steinschlag, eine niedrige Natursteinmauer vor dem Abgrund.
Selten haben sich ein paar Häuser zu einem Dorf zusammengerottet. Schmal, hoch und düster klammern sie sich aneinander und an die Felswände. Die Fensterläden geschlossen, als würde ihnen sonst schwindlig. Nur hier und da blinzelt eine offene Tür. Das Dorf scheint nur bewohnt von Mauerseglern, die in waghalsigen Schwüngen von Haus zu Baum zu Fels schießen, Haken schlagen wie fliegende Kaninchen und wohl nie landen.
Die Straße klettert weiter die Berge hinauf, schlängelt sich Kehre um Kehre dem Himmel entgegen. Der ist anfangs so grau wie die Häuserwände. Dann hebt sich plötzlich der Vorhang und kräftiges Blau erscheint auf der Bühne. Ein paar weiße Quellwolken spielen Schafe. Der Dunst aus dem Tal folgt uns, doch wir sind schneller als die Nebel.
Die Berge weichen zurück, die Schlucht weitet sich. Immer noch sind die felsigen Hänge bewaldet. Akazien und Kastanien werden abgelöst von Kiefern und Birken.
Noch einige Kurven und die Landschaft öffnet eine neue Tür. Eine Hochebene mit Dörfern im Sommerschlaf. Skigebiet mit Liften und Pistenschneisen. Weiden, auf denen Rinder und Schafe Kräuter genießen. Felder mit reifem Weizen und blühenden Kartoffeln. An den Straßenrändern hat ein Maler sein buntes Repertoir verstreut: Hornklee, Bergthymian, Malven und Wiesenkerbel. Sogar die Blätter des gelben Enzians erkenne ich im Vorbeifahren.
Die Straßen sind gesäumt von Markierungsstäben mit rotlackierten Spitzen. Hoch kann hier oben im Winter der Schnee liegen, staune ich.
An einem spiegelglatten Stausee verlassen wir den Têt, folgen nun der Aude. Wir tauchen ein in neue Wälder voller Birken, Buchen und Eichen. Adlerfarne winken am Straßenrand. Und so, wie wir vom Mittelmeer aus hinaufgefahren sind in die Pyrenäen, so steigen wir Kurve um Kurve wieder hinab.

Mittwoch, 1. August 2007

Collioure, Céret und die Kunst

Zwei kleine Städte im Roussillon, der südfranzösischen Provinz an der Grenze zu Spanien. Zwei Orte, die so unterschiedlich sind und doch viel gemeinsam haben.

Collioure

Collioure liegt direkt am Mittelmeer. Eine Wehrkirche schützt den Hafen, dem bunte katalanische Fischerboote Farbkleckse ins tiefblaue Wasser malen.
Eine Spezialität sind die gesalzenen, in Öl eingelegten Anchovisfilets, die seit Generationen auf traditionelle Weise zubereitet werden.
Eine andere Delikatesse ist der Wein, denn Collioure gehört zum Banyuls-Gebiet. Hier wird seit den Zeiten der Templer ein berühmter Wein mit natürlicher Süße erzeugt, der als Aperitif oder zum Dessert getrunken wird.
Die Häuser von Collioure scheinen ihre Farben den Booten abgeschaut zu haben. Enge Gassen, kleine Geschäfte, gemütliche Kneipen und Restaurants werden vom warmen Sonnenlicht verzaubert.
Das haben Anfang des 20. Jahrhunderts auch Künstler wie Matisse und Derain erkannt und haben diese Farben in ihren Bildern leuchten lassen. Der Fauvismus ist sozusagen in Collioure entstanden.

Etwa 30 Kilometer von Collioure entfernt im Landesinneren, an den Ausläufern des Pic du Canigou findet man Céret, die Stadt der Kirschen. Das milde Mikroklima lässt hier die Kirschen früher als überall sonst in Frankreich reifen. Das erste Körbchen voll roter Früchte - oft schon Mitte April - erhält der französische Staatspräsident.
Céret zeigt ruhige Farbtöne, Sandstein herrscht vor. Boulevards überschattet von gewaltigen Platanen. Dazwischen Gassen, so eng, dass selbst die Mittagssonne kaum den Boden erreicht. Wäscheleinen vor den Fenstern in vier Meter Höhe. Alte Holztüren mit bronzenen Klopfern.
Tuerklopfer

Auch hier haben sich am Beginn des 20. Jahrhunderts Maler niedergelassen, allen voran Picasso und Braque, haben Céret zum "Mekka des Kubismus" gemacht.
Und ein Mekka für Kunstliebhaber ist das kleine Städchen noch immer, denn das Museum für moderne Kunst ist landesweit bekannt. Viele der zum Fundus gehörenden Werke wurden von den Künstlern selber gestiftet. Picasso, Braque, Matisse und andere berühmte Namen gehören dazu.
Eine große Ausstellung des Malers Othon Friesz zeigt in diesem Jahr noch bis zum Herbst das weitgespannte Werk des Künstlers. Bilder verschiedener Epochen seines Schaffens. Helle, bunte Gemälde aus der Zeit des Fauvismus, gedämpftere Farbtöne später. Viel Landschaft, dann wieder Figuren, Portraits. Manche Motive wieder und immer wieder gemalt.

Collioure und Céret. Meer und Land. Fische und Kirschen. Die Malerei verbindet die zwei so verschiedenen Städtchen. Und es lohnt, beiden einen Besuch abzustatten.

Dienstag, 31. Juli 2007

Strandimpression

Das kleine Mädchen ist neun Jahre alt vielleicht oder zehn, mit blondem Haar zum Zopf gefasst von einer bunten Spange. Schmal und knochig im roten Badeanzug, aus dem Arme und Beine wie blasse Stangen herausragen.
Es läuft mit kurzen Schritten über den Sand zur Wasserkante, dreht sich um, ruft Bruder, Vater, Mutter etwas zu. Winkt ihnen, die auf ihren Handtüchern unter einem Sonnenschirm mit blauen Streifen liegen. Sie winken zurück. Keiner folgt der Kleinen.

Sie schaut auf das Wasser, tippt mit dem Fuß ins Nass, folgt den Fluten, die sich vor ihren Zehen zurückziehen.
Die nächste Welle schlägt einen Purzelbaum direkt vor ihr. Gischt sprüht das Mädchen an. Es kreischt, läuft auf den Strand zurück. Gerade so weit, dass die Tropfen es nicht erreichen können. Dann lacht die Kleine wieder, wendet sich erneut und trabt, rennt vorwärts, stürzt sich schreiend ins Meer.
Geschickt taucht sie unter, springt auf und lacht noch immer. Die Haare kleben ihr am Kopf wie eine Badehaube mit Bürzel. Sie wischt die Augen frei und taucht delphingleich durch den nächsten Wellenkamm.
Die Wellen spielen Fangen mit ihr und sie lässt ich fangen. Reißt sich los und ist doch gleich wieder mittendrin.
Ihren Blick nach vorne auf das Meer gerichtet lacht sie und schreit und springt. Sieht nur noch wilde Wellen, vergisst den Rest der Welt und scheint so glücklich, wie ein Kind nur sein kann.

Ich sehe sie und sehe mich. Wie sie konnte ich den Augenblick genießen. War eins mit Meer und Wellen damals. Lebendige Erinnerung.
Und wer weiß ... Gleich werde ich mein Handtuch auf dem Sand liegen lassen. Werde lachend in die Wellen laufen.
Es ist nie zu spät.

Dienstag, 24. Juli 2007

Durch Nordfrankreich gen Süden

Abseits der Autobahn zieht sich die Straße als gerades Band durch die Landschaft. In sanften Schwingungen folgt sie der Dünung des Bodens, steigt an, sinkt ab in weiten Wellen.
Auf beiden Seiten sandfarbene Meere, hell der Weizen, grau-dunkler der Raps. Beschienen von tausend Sonnen, die im satten Grün leuchten und mit ihren Gesichtern der großen Mutter am Himmel folgen. Tournesol.
Wolkenschiffe ziehen ihre Bahnen am blassen Himmel. Die dichten Verbände verschwimmen im Dunst, lösen sich auf im Lauf des Tages.

Staubwolken treiben über die Straße. Die Bauern können schon ernten. Dieses Jahr ist alles früher reif. Mähdrescher füllen Anhänger hinter Traktoren. Stroh wird gewendet, gehäufelt. Auf mancher Wiese liegen bereits die riesigen Räder wie Spielzeug, das ein Kind vergaß, als die Mutter es rief.
Auf mattgrünen Weiden cremeweiße Charolais-Rinder - nicht hübsch, aber lecker. Ein Kalb trinkt am Euter der Mutterkuh. Der Bulle liegt abseits, massig und beeindruckend.

Felder, soweit das Auge schaut, begrenzt von Wegen, verziert mit Büschen und wenigen Bäumen. Von Zeit zu Zeit ein kleines Waldstück.
Nur einzelne Häuser, kleine Gehöfte aus weizenfarbenem Stein. Sie ducken sich in den Boden, verschmelzen chamäleongleich mit dem Land.

Nordfrankreich - ein weites Land. Bauernland.

Auf Travellers Pfaden

unterwegs durch Prosa und Lyrik

Ins Wolkenlicht geschrieben

Cover-Lyrikband

Mein erster Lyrikband ...

... erscheint Mitte Juni im hs-Literaturverlag, Wien. Vorbestellungen sind bei mir möglich (signiert und/oder mit Widmung, wenn gewünscht) oder über die Verlagsseite. genaueres findet ihr hier

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