erzählt
Ein sommerlicher Wolkenbruch spülte den Kerl in das Café am Liebig-Platz. Kaum hatte die Glocke am Eingang geklingelt, stand er schon mitten zwischen den Tischen und schüttelte sich wie ein nasser Pudel.
"'n Tag", grüßte er in die Runde und schlappte zur Kuchentheke. "Einen Malteser bitte."
Die Bedienung sah ihn konsterniert an, schließlich war es gerade drei Uhr durch und Malteser hätten sie sowieso nicht. Nur Likör und einen Cognac zum Kaffee.
"Na, dann eben einen Cognac."
Ob er sich ein Stück Torte aussuchen wolle, das bekäme er dann am Tisch serviert. Der Pudel verneinte, nahm den Cognacschwenker und schüttete die rotbraune Flüssigkeit mit einem Schwung hinunter.
"Und jetzt hätte ich gerne ein Kännchen Kaffee", meinte er. Seine Augen suchten einen freien Platz und blieben an meinem Tisch hängen.
Ich hatte ihn genauso beobachtet wie alle anderen Gäste des Cafés und zuckte zusammen, als sein fragender Blick mich traf. Er nahm das wohl als Zustimmung und kam herüber.
"Danke", sagte er, als er sich setzte und seine olivgrüne Leinentasche über die Stuhllehne hängte.
"Wofür?"
"Einfach danke. Ich bin ein höflicher Mensch."
Ich musste grinsen.
"Ich heiße Karl. Und du?"
"Dörte. Seit wann duzen wir uns?"
"Seit gerade."
Sein Grinsen war noch breiter als meins, die Zähne strahlten mich an. Der könnte Zahnpastawerbung machen, schoss es mir durch den Kopf.
"Sag mal, Dörte, wo gibt es hier ein ordentliches Hotel?"
Ich musterte ihn, um herauszufinden, was er unter ordentlich verstand. Seine Trecking-Kleidung und Sandalen waren nass, als wäre er durch einen Fluss gewatet. Aber der Stoff wirkte hochwertig und die Schuhe hatten ihn wohl schon viele Kilometer gut getragen. Ich wies auf seine Tasche.
"Hast du noch anderes Gepäck?"
"Schließfach am Bahnhof. Muss ich ja nicht alles durch den Regen schleppen."
Ich überlegte. In der eigenen Stadt kennt man die Hotels ja nicht unbedingt in und auswendig.
"Ich glaube, das kleine Hotel Hermanns ist in Ordnung. Einfach, sauber und gutes Frühstück. Oder - wenn du es luxuriöser willst - das Hotel Paulushof."
"Paulushof klingt gut. Ist das weit?"
Die Bedienung raschelte mit ihrer Schürze, als sie ein Kännchen Kaffee und eine Tasse absetzte.
"Milch und Zucker stehen auf dem Tisch", stellte sie überflüssigerweise fest und zu mir gewandt:
"Bekommen Sie noch etwas?"
"Einen Cappuccino, bitte."
Die Frau rauschte davon.
"Und?", fragte Karl.
"Was? Ach so, Paulushof. Nee, ist nur ein paar Straßen von hier."
Karl schenkte sich eine Tasse ein, gab einen Löffel Zucker hinein, rührte kurz um und nippte am brühheißen Kaffee.
"Zeigst du mir den Weg?"
Seine Augen bissen sich an meinen fest. Braungrün, lange Wimpern. Ich schluckte.
Die Bedienung brachte meinen Cappuccino. Der Löffel klirrte leise auf der Untertasse, als sie ihn mit Schwung auf die Tischplatte stellte. Ich nickte dankend, sah immer noch Karl an.
"Und?", fragte er nochmal und beugte sich vor.
Ich konnte sein After shave riechen. Frisch und grün, nicht der herb-würzige Duft, den ich erwartet hatte. Ich versuchte, möglichst unauffällig zu schnuppern.
"Paulushof", wiederholte ich. "Ja, kann ich dir zeigen."
Was hätte ich anderes antworten sollen.
Wir tranken aus, zahlten und gingen zur Tür. Der Regenschauer war in ein kräftiges Nieseln übergegangen. Karl sah mich an.
"Kein Problem, ich bin ja nicht aus Zucker."
Wollte ich ihm etwa imponieren? Was machte ich da gerade? Hatte meine Mutter mir nicht stets eingebläut, bloß nie mit fremden Männern zu gehen? Penibel hatte sie mir alle Schandtaten geschildert, denen ich zum Opfer fallen könnte. Ich stieß die Tür des Cafés auf.
"Holen wir zuerst dein Gepäck vom Bahnhof?"
"Ist vielleicht besser. Sonst glaubt der Rezeptionist noch, ich wäre irgendwo ausgebrochen."
Karl bremste seinen Schritt, damit ich ihm auf meinen Stöckelschuhen folgen konnte. Wir sprachen kaum ein Wort. Es war mir egal, dass Pfützenwasser an meine Nylons spritzte und dunkle Flecken hinterließ. Es war mir egal, dass meine Haare wie ein Wischmopp um meinen Kopf hingen. Mir wurde kühl in meiner feuchten Bluse, aber auch das war mir egal.
Wir gingen zum Bahnhof, holten eine riesige Reisetasche, gingen zurück durch die Stadt und bis zum Hotel.
"Danke", sagte Karl.
"Wofür?", fragte ich und grinste.
"Du weißt, ich bin ein höflicher Mensch."
Sein Händedruck war warm und fest. Er neigte sich vor und gab mir einen leichten Kuss auf die Wange.
"Und wenn du mal nach Bremen kommst, dann zeige ich dir gerne ein ordentliches Hotel."
Ich starrte noch lange, nachdem die Hoteltür sich geschlossen hatte, auf die Visitenkarte in meiner Hand. Und beschloss, dass Bremen sicher eine Reise wert sei.
(Weil ich endlich mal wieder eine kleine Geschichte schreiben wollte, habe ich mir aus dem Wörterbuch ein paar Wörter herausgesucht: Händedruck, Malteser, penibel, riechen, Wolkenbruch)
Uta-Traveller - 27. Juni, 21:27
"Na, wollen sie heute nicht beißen?"
Nach einem flüchtigen Blick in den leeren Wassereimer setzte sich Peter neben seinen Freund Moritz auf den Bootssteg.
"Ist heute nicht mein Tag", murmelte Moritz verdrossen und hielt die Angel ausgestreckt über das Wasser. Er starrte den orangefarbenen Schwimmer an, der sanft mit den Wellen auf und ab wippte. Wellen, die ihm schon seit Stunden entgegen liefen und unter dem Steg im Dunkel verschwanden. Wellen, die ihre Farbe ständig veränderten. Tiefblau mit silbernen Reflexen, dann zunehmend grauer, als Wolken den Himmel mit einer trüben Decke überzogen. Jetzt, am späten Nachmittag, waren sie smaragdgrün und goldgesprenkelt.
"Ich glaube, ich habe eine Midlife Crisis."
Moritz hob den Kopf und sah seinem Freund direkt ins Gesicht.
"Sagt man das noch, Midlife Crisis? Ein furchtbares Wort, oder?"
Er grinste gequält und wandte sich wieder der Angel zu. Kein Zucken des Schwimmers, kein noch so kleiner Fang am Haken. Er holte langsam die Leine ein und prüfte den Sitz des Köders, ehe er mit müdem Schwung die Angel wieder auswarf. Die Schnur surrte von der Rolle, ein winziges "Plitsch" und Moritz schaute wieder auf das Wasser.
"Früher habe ich immer gelacht über Menschen, die sich selbst finden wollten", setzte Moritz sein Lamento fort. Peter nickte und gab ein zustimmendes Grunzen von sich.
"Ich habe meine Witze gerissen, wenn sie grelle Farben auf riesige Leinwände fingerten. Oder wenn sie aus glitschigem Ton unförmige Figuren kneteten, um ihr wahres Ich zu erkennen." Er stockte.
"Heute wünsche ich, es wäre so einfach und ich könnte das auch."
Peter sah ihn ungläubig von der Seite an. "So kenne ich dich überhaupt nicht. Seit wann diese Selbstzweifel? Du, der du immer so bestimmt bist, so klar. Moritz, der Macher, der alles anpackt und alles zu Ende bringt."
"Schleichend", antwortete Moritz. "Schleichend kommt die Erkenntnis, dass du eine alte Straßenbahn bist, die in eingefahrenen Gleisen läuft. Du gehst jeden Morgen zur Arbeit, reißt deine Stunden ab, gehst nach Hause zur Familie. Essen, Fernsehen, Schlafen. Ein neuer Tag und alles von vorne. Jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr." Schweigen.
"Die Kinder werden größer, suchen ihren eigenen Weg. Und dann fragst du dich: Soll ich so noch zwanzig Jahre weiter machen?" Er zuckte mit den Schultern.
Peter warf lakonisch ein: "So ist das nun mal im Leben. Sei froh, dass du einen gut bezahlten Job hast und eine intakte Familie."
"Siehst du", klagte Moritz. "Ich weiß, ich sollte dankbar sein. Ich weiß, ich sollte nicht nörgeln. Aber in mir gibt es seit einiger Zeit eine Stimme. Eine Stimme, die mir zuraunt: Schäme dich nicht, Wünsche zu haben. Und sie flüstert: Wünsche können Wirklichkeit werden."
"Sind deine Wünsche denn so abwegig? So unerfüllbar?" wollte Peter wissen.
"Das ist ja mein Dilemma. Seit Stunden sitze ich hier mit der Angel in der Hand und horche in mich hinein. Ich starre den Wellen hinterher, bis mir schwindlig wird, und warte auf die Stimme. Warte darauf, dass meine Wünsche an die Oberfläche steigen wie Korken, die man unter Wasser loslässt."
"Und?"
"Nichts. Nichts passiert. Sie bleibt stumm. Sag mir, Peter, bin ich schon so abgestumpft, dass ich nicht mal mehr wünschen kann?" Moritz fuhr sich mit einer Hand durch das schütter werdende Haar und schlug sich mit der flachen Hand an die Brust.
"Verdammt, irgendwo da drinnen muss doch noch Leben sein!"
Peter war bei dem Klatschen erschreckt zusammengezuckt. Jetzt stieß er Moritz mit dem Ellenbogen in die Seite.
"Schau mal", versuchte er abzulenken. "Da schwimmt schon wieder Müll im Wasser."
Er zeigte auf etwas Glitzerndes, das sich im Rhythmus mit dem Schwimmer der Angel bewegte.
Moritz blinzelte und fixierte eine Flasche aus blauem Glas, die sich dem Steg mit jedem Auf und Ab näherte.
"Komisch, dass sie schwimmt. Warum läuft sie nicht voll Wasser und sinkt?", dachte er laut nach. "Und eine volle Flasche würde hier sowieso nicht treiben."
"Da ist ja wieder der kühle Analytiker", frotzelte Peter und grinste erleichtert.
Moritz hatte sich aufgerichtet und nach seinem Kescher gegriffen. Wenn schon keine Fische, dann wollte er wenigstens diese seltsame Flasche an Land ziehen.
"Schau mal, da steckt der Korken drin. Deshalb ist sie nicht untergegangen."
Er streckte den Bambusstock aus und versuchte, das Netz des Keschers unter die Flasche zu schieben.
"Lass den Dreck doch", gab Peter unwirsch von sich, aber Moritz reckte sich vor, soweit er konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren und ins Wasser zu rutschen. Nach mehreren Versuchen hob er Kescher und Beute mit einem triumphierenden "Na also!" hoch.
"Da ist ein Zettel in der Flasche, sieh nur." Moritz wurde immer aufgeregter.
"Eine Flaschenpost! Eine richtige Flaschenpost!" Er strahlte wie ein Kind.
"Weißt du, ich habe selber mal eine geschrieben", gestand er seinem Freund. "Ich muss zehn oder elf gewesen sein. Meine Flasche war dunkelgrün und ich habe sie in den Sommerferien ins Meer geworfen. - Ich habe nie eine Antwort bekommen."
Andächtig hielt Moritz die Flasche hoch und ließ das warme Licht der sinkenden Sonne hindurch scheinen. Er nestelte am Korken. Der war durch die Nässe gequollen und ließ sich nicht so einfach herausziehen. Neugierig geworden packte Peter mit an und hielt die Flasche mit beiden Händen fest. Moritz drehte und zerrte am Korken, bis der schließlich mit lautem "Plopp" nachgab.
Dann angelte er mit dem Zeigefinger in der Flasche und zerrte an einer gelblichen Papierrolle. Er hielt kurz inne.
"Das ist wie ein Zeichen. Ich weiß jetzt, was ich will. Ich werde mir Zeit nehmen, einen Jugendtraum zu verwirklichen. Ich verrate noch nichts, du wirst schon sehen." Er rollte das Blatt auseinander, überflog den Text, schluckte und las die Flaschenpost laut vor.
"Lieber Unbekannter! Wenn dich diese Worte erreichen, bin ich nicht mehr. Nach einem erfüllten Leben mit Wünschen und Träumen gehe ich in Frieden. Mein letzter Wunsch für dich: Lass dich von deinen Träumen leiten. Nur so wirst du das Glück finden."
*****
"Klappe, das war's!" rief der Regisseur seiner Mannschaft zu und klatschte in die Hände. "Wir haben die Szene im Kasten. Schluss für heute mit dem Kitsch! Feierabend!"
© U.L., Juli 2006
Uta-Traveller - 22. April, 20:23
Den Becher mit dem dampfenden Gebräu auf einem Silbertablett vor sich her tragend folgte Farald dem Hofmarschall durch die Gänge des Schlosses. Der Wohlgeruch, den sein Trank verbreitete, lockte die Menschen ihm zu folgen. Der Oberkoch und die Unterköche warteten schon vor der Küchentür. Mägde und Knechte, Diener und Zofen schlossen sich dem Zug an. Mit langem Tross erreichten Farald und der Hofmarschall die Gemächer der Prinzessin.
Eila ruhte blass und mit geschlossenen Augen unter einem himmelblauen Baldachin. Als der Hofmarschall zu ihr trat, hob sie kaum die Lider. Sie seufzte. Dann begannen ihre Nasenflügel zu beben. Der märchenhafte Duft hatte sie erreicht. Sie öffnete verwundert die Augen. Farald trat einen Schritt näher und streckte ihr das Tablett mit dem Becher entgegen.
"Ich bitte Euch trinkt, Prinzessin Eila."
Sie wollte den Kopf schütteln, doch der Duft war stärker, überzeugend, unwiderstehlich. Eine Zofe half ihr, sich aufzurichten, stützte ihre Hand, die den Becher an die Lippen führte. Eila nippte. Sie nippte ein zweites Mal, nahm einen großen Schluck und schloss die Augen. Ein neuer Seufzer, diesmal genießerisch und voller Lust, dann packte sie den Becher mit beiden Händen und trank ihn aus bis zur Neige.
Sie öffnete die Augen weit und - lächelte.
Diener und Zofen, Mägde und Knechte und selbst der strenge Hofmarschall lachten und klatschten Beifall.
"Ein Wunder!"
Die Stimme des Königs ließ alle verstummen und sich verbeugen.
"Er hat ein Wunder vollbracht. Die Wangen meiner Tochter sind gerötet und sie lächelt."
Der König winkte Farald zu sich.
"Was ist das für ein Zaubertrank, den Er der Prinzessin verabreicht hat?"
"Kein Zaubertrank. Man nennt es Schokolade. Konzentriert ist sie schwarz wie die Nacht und bitter. Löst man sie in Sahne und Milch, wird die Schokolade mild und süß und belebt Körper und Geist."
"Er ist weit gereist, dass Er solche Geheimnisse kennt, Farald Zuckerbäcker. Will Er nicht an meinem Hofe bleiben? Es wird gewiss sein Schaden nicht sein."
Farald verneigte sich, schüttelte aber den Kopf.
"Verzeiht, Majestät, dass ich Euer großzügiges Angebot nicht annehmen kann. Mein Vater wartet schon lange auf die Rückkehr seines Sohnes aus der Fremde. Aber ich werde gerne Euren Köchen die Zubereitung des Trankes zeigen, damit das Lächeln die Prinzessin nie wieder verlässt."
Uta-Traveller - 7. April, 21:11
Mehr als eine Stunde stand er schon in der großen Halle. Die Schlange derer, die glaubten Rettung für die Prinzessin zu haben, rückte nur langsam vor.
Gerade reichte eine Bäuerin dem Hofmarschall ein dreifarbiges Kätzchen.
"Eine Glückskatze", erklärte die Frau. "Sie wird die Prinzessin erfreuen."
Der Hofmarschall trug das Tier aus dem Raum, kehrte nach wenigen Minuten zurück und schüttelte stumm den Kopf. Die Bäuerin verbeugte sich vor dem König und verließ den Saal.
Ein hoch gewachsener Jüngling in goldbesticktem Wams wirbelte seine Federkappe gekonnt zum Gruß, zog dann ein Kästchen aus der Tasche und übergab es mit siegessicherem Lächeln dem Hofmarschall.
"Perlen und Geschmeide werden die Prinzessin aufheitern."
Der Hofmarschall nahm das Kästchen, ging hinaus, kehrte kopfschüttelnd zurück und der Jüngling war entlassen. Das Gesicht des Königs wurde immer düsterer.
Die Reihe kam an Farald. Er lüpfte den Hut, verneigte sich und sprach zum König:
"Euer Majestät, wenn Ihr mir für eine kurze Weile Eure Küche zur Verfügung stellt, will ich die Prinzessin gerne aufheitern und stärken."
Der König musterte ihn. "Wer ist Er? Woher kommt Er?"
"Mein Name ist Farald, der Zuckerbäcker. Ein Jahr lang bin ich im Süden gewesen, meine Künste zu vervollkommnen. Jetzt kehre ich heim in meines Vaters Stadt, um sein Geschäft zu übernehmen. Vertraut mir Eure Küche an, so will ich mein Bestes geben für Prinzessin Eila."
Der König nickte dem Hofmarschall zu und der führte Farald durch hohe Gänge, über eine Treppe in die Küchengewölbe. Dann scheuchte er auf Faralds Bitten das Personal bis auf eine Küchenmagd aus dem Raum.
"Ich brauche einen kleinen Kupferkessel, einen Löffel und ein großes Holzbrett", wies er die Magd an. In den Kessel goss er Sahne und Milch zu gleichen Teilen und wärmte diese auf dem Herd. Farald öffnete seinen Rucksack, holte ein Messer und ein Päckchen heraus, das in dickes Wachspapier eingeschlagen war. Als er die Kordel löste, die das Papier zusammenhielt, kam eine feste, schwarzbraune Masse zum Vorschein. Die Magd sah staunend zu, wie er mit dem Messer Späne abhobelte und sie vom Brett in die warme Flüssigkeit gleiten ließ.
"Rühre bitte vorsichtig um, bis sich alles gelöst hat. Die Sahne darf nicht kochen."
Die Magd tat, wie ihr geheißen. Sie rührte mit einem großen Holzlöffel, dass braune Schlieren die Sahne marmorierten. Bald stieg ein herb-süßer Duft aus dem Kupfertopf in ihre Nase. Sie lächelte.
Faralds Blick streifte über die Regale neben dem Geschirrschrank, bis er den Honigtopf fand. Er ließ einen goldenen Faden in die Sahne laufen, während die Magd weiter rührte. Dann kramte er wieder in seinem Rucksack und zog eine kleine Büchse mit Schraubverschluss heraus. Mit einem winzigen Hornlöffel maß Farald eine Prise rotbraunen Pulvers ab und stäubte es in die Sahnemilch. Das Aroma von Zimt und Kardamom wehte durch die Küche. Das Lächeln der Magd wurde breiter. Farald stippte seinen Finger in die heiße Masse, leckte ihn ab und nickte.
"Es ist gut, du kannst aufhören zu rühren. Wir brauchen nun einen großen Becher."
(Fortsetzung folgt)
Uta-Traveller - 6. April, 20:28
In ferner Zeit, als es von hier nach da noch ein weiter Weg war, wanderte ein junger Mann über die Straßen des Landes gen Norden. Ein wollener Umhang und ein speckiger Lederhut schützten ihn vor dem Regen, die Sohlen seiner Stiefel hielten dicht, so dass er nicht auf Pfützen achtete. Farald pfiff ein fröhliches Lied und schritt munter einher.
Der Morgen neigte sich dem Mittag zu, als er die Mauern einer Stadt erreichte. Sein Magen meldete mit einem leisen Knurren, dass es angebracht sei, im nächsten Wirtshaus einzukehren.
In den Gassen der Stadt drängten sich die Menschen, denn es war Markttag. Die Bauern aus der Umgebung boten Schweine und Schafe, Getreide, Gemüse und Obst feil. Der Bader rasierte die Männer, zog wohl auch den einen oder anderen Zahn und empfahl den Frauen seine Tinkturen. Weberinnen priesen ihr Tuch an, Spinnerinnen ihre Wolle und der Kupferschmied seine Töpfe.
Farald ließ sich im Menschenstrom treiben und wurde in eine Wirtschaft auf der anderen Seite des Marktplatzes gespült. Er bahnte sich einen Weg durch die Gäste, bestellte ein Bier und eine heiße Suppe und legte ein paar Münzen auf die Theke. Er nahm Glas und Teller, schob sich weiter bis zu einem Tisch neben dem Kamin und setzte sich, wo gerade ein Stuhl frei wurde. Seinen Rucksack und Hut legte er auf den Boden zu seinen Füßen, lockerte den Umhang und begann die Kartoffelsuppe zu löffeln. Hin und wieder trank er einen Schluck Bier und hörte den Männern am Nebentisch zu.
"Überall hängen große Tafeln, hast du gesehen?", fragte der eine.
"Ja, ein Aufruf des Königs. Ein Herold hat ihn verlesen."
Der Mann beugte sich zu seinem Nachbarn und sprach mit gesenkter Stimme weiter.
"'Wer vermag Prinzessin Eila ihr Lächeln zurückzugeben?', steht auf der königlichen Bekanntmachung. Schwermut und Schwäche drücken sie auf ihrem Lager nieder. Ein jeder in Stadt und Land ist aufgerufen, der Prinzessin zu helfen und kann sich der Dankbarkeit des Königs gewiss sein."
"Viele werden es versuchen", vermutete der andere. "Aber wer wird ihr helfen können, wenn Ärzte und weise Frauen das nicht vermochten?"
Farald räusperte sich und fragte die Männer nach dem Weg zum Schloss.
(Fortsetzung folgt)
Uta-Traveller - 5. April, 19:52
Heute war er nicht da. Bevor sie die Tür der kleinen Kate hinter sich schloss, hatte Karin bereits den Deich mit den Augen abgesucht. Schade. Endlich hatte sie sich vorgenommen ihn anzusprechen, da war er fort. Die Deichkrone war leer bis auf ein paar weidende Schafe.
Karin zog ihren Schal enger um den Hals, steckte den Hausschlüssel in die Jackentasche und stapfte in Gummistiefeln zur Treppe.
"Guten Morgen, Schafe", grüßte sie nach beiden Seiten, während sie die brüchigen Betonstufen hinaufstieg. "Ihr habt es gut, ihr dürft immer hier leben." Der Wind riss ihr die Worte von den Lippen.
Karin Lenzen hatte die Kate am Deich für zwei Wochen gemietet.
"Ich muss einfach mal raus", hatte sie zu ihrer Freundin Josi gesagt. "Ich brauche Luftveränderung. Zeit zum Nachdenken, wie es weitergehen soll."
Dann hatte sie einen Koffer mit Pullovern, Jeans und allem Nötigen gepackt, hatte sich in ihren alten Renault gesetzt und war nach Norden gefahren. Im Touristikbüro des kleinen Ortes hatte die freundliche junge Frau genickt. Kein Problem, im November eine ruhige Unterkunft direkt am Meer zu bekommen. Zwei Wochen? Aber gerne doch.
Die zwei Wochen waren fast zu Ende. Ein Tag blieb Karin, morgen würde sie abreisen. Ich werde die täglichen Spaziergänge am Meer vermissen, dachte sie, die Stille im Rauschen der Wellen, die Zärtlichkeit im Brausen des Windes. Zurück in die Stadt, zurück in den Alltag und die Routine. Ein Ausbruch auf Zeit.
Heute ein letzter Rundgang zu all den lieb gewonnenen Wegpunkten. Karin holte tief Luft und marschierte mit kräftigen Schritten los. Vorbei an dem Kassenhäuschen, das in dieser Jahreszeit unbesetzt war. Hinunter zum Strand, der nur noch von vereinzelten Strandkörben bevölkert wurde. Über glitschige Planken den Bootssteg bis ans Ende, um den Blick ein Stück weiter hinter den Horizont zu schieben. Dem Leuchtfeuer die Hände auf den geringelten Leib legen und durch das Dorf im Bogen zurück. Das letzte Stück wieder auf dem Deich entlang, dem Maler ein "Moin" zurufen und ein Nicken als Antwort erhalten.
Ach nein, der Maler saß ja nicht auf dem Deich. Wo er wohl war? Hatte er genug vom Malen? Hatte er sich ein anderes Motiv gesucht? Tag ein, Tag aus das Meer zu malen, das musste doch langweilig werden. So langweilig wie die wiederkehrenden Arbeiten im Büro.
Karin stieg am anderen Ende des Dorfes zum zweiten Mal an diesem Tag eine Treppe am Deich hinauf. Der Wind hatte nachgelassen und sie öffnete den Reißverschluss ihrer Jacke ein kleines Stück. Zweihundert Meter entfernt sah sie ihre Kate in den Schutz einer Weißdornhecke geduckt. Und von hier aus sah sie auch den Maler.
Am Fuß des Deiches hatte er seinen Schemel in den tiefen Sand gedrückt. Eine Tasche lag neben ihm auf dem Boden und auf den Oberschenkeln hielt er seinen Malblock. Keine Staffelei, nur einen Block. Karin tappte rutschend über das feuchte Gras den Deichhang hinunter. Der Maler wandte kurz den Kopf, nickte ihr zu und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.
"Moin", sagte Karin, als sie neben ihm stand. Er tunkte den Pinsel in ein Schraubglas mit Wasser, wischte im Farbkasten über Ultramarin und Grasgrün und zog Wellen auf dem feuchten Aquarellpapier. Erneut tunken, wischen, Wellen ziehen. Ein wenig Blaugrau, ein Hauch Zitronengelb, die Wellen begannen sich zu bewegen, zu leben. Karin staunte. Weiße Wellenkämme spritzten Gischt in die blassblaue Luft. Karin beugte sich vor. Die Gischt - einfach das durchscheinende Papier. Ihr erstauntes "Wow!" entlockte dem Maler ein Lächeln. Mit zügigen Pinselstrichen arbeitet er weiter, bis er nach wenigen Minuten mit dunkler Farbe eine zarte Signatur und die Jahreszahl in eine Ecke seines Werkes hauchte. Er legte den Block auf seine Tasche, spülte den Pinsel im Wasserglas aus und streckte sich.
"Faszinierend", flüsterte Karin. "Ich könnte das nie."
"Doch." Der Maler stand von seinem Schemel auf und sah sie an.
Karin schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin völlig untalentiert. In der Schule hatte ich immer eine Vier in Kunst."
Der Maler schnaubte: "Pah, Schule!" Er löste das Blatt mit dem Meeresaquarell, steckte es in eine Mappe und hielt Karin den Block hin. "Versuchen Sie es."
Karin wich einen Schritt zurück. "Ich kann nicht."
Der Maler zuckte mit den Schultern - "Dann nicht." - und begann, seine Utensilien einzupacken.
"Man weiß nie, was man kann, wenn man es nicht versucht", murmelte er.
Karin räusperte sich.
"Ich - ich - seit Tagen würde ich Sie gerne etwas fragen." Sie stockte und spürte, wie ihre Ohren rot und heiß wurden.
Der Maler schaute sie an und wartete.
"Jeden Tag habe ich Sie hier am Deich sitzen und malen sehen. Jeden Tag das Meer. Immer das gleiche Motiv. Warum tun Sie das?"
"Cézanne hat den Gebirgszug Sainte Victoire bei Aix-en-Provence mindestens 60 Mal gezeichnet und gemalt. Immer wieder entdeckte er Neues in Bekanntem. Er liebte den Berg, er wollte ihm gerecht werden."
"Und Sie lieben das Meer?"
Der Maler nickte.
"Ich möchte das Meer so gut malen, wie ich nur kann. Bei Sonnenschein und dunklen Wolken, bei Flaute und Sturm, im Morgenrot und mit untergehender Sonne."
Karin glaubte zu verstehen.
"Das heißt, entweder tue ich etwas mit Liebe, dann muss ich mich mit Haut und Haar darin verlieren. Oder ich muss es bleiben lassen. Keine halben Sachen."
Der Maler nickte wieder. Karin lächelte, schaute in den Himmel und atmete einen Seufzer in die salzige Luft.
"Danke."
Der Maler schaute sie irritiert an. "Wofür?"
"Weil diese zwei Wochen am Meer nun doch nicht umsonst waren."
© U.L., Februar 2008
Uta-Traveller - 12. Februar, 22:22
Die Füße auf das Balkongeländer gestützt, hatte Jo es sich auf dem Küchenstuhl so bequem wie möglich gemacht. Er nahm eine Pflaume aus der Schale auf dem Fensterbrett, drückte sie zwischen Daumen und Zeigefinger, bis sie an der Naht aufriss und pflückte den Stein aus dem Fruchtfleisch. Nachdem er die Pflaume in den Mund gesteckt hatte, schnippte er den Kern von seiner Hand über die Brüstung und blinzelte in die tief stehende Abendsonne.
Seine Hand wanderte wieder zur Schale, während er lauschte. Aus der Nachbarwohnung tönten Bassrhythmen herüber.
"Bruce Springsteen", nickte Jo anerkennend. "Könnte sie ruhig lauter machen. Aber dann beschwert sich bestimmt der Alte von unten."
Mit der linken Hand klopfte er den Takt auf seinem Oberschenkel und quetschte gleichzeitig mit der rechten eine neue Pflaume. Fruchtfleisch in den Mund, Kern über das Balkongeländer.
Nebenan hörte er schlurfende Schritte und leises Summen. Plötzlich ein Aufschrei:
"Au - verdammt - nein!"
Dann ein dumpfes Krachen drei Meter tiefer. Im nächsten Moment stand Jo an der Brüstung und schaute auf den Hof hinunter. Ein terrakottafarbener Blumenkasten lag zerbrochen auf den Steinplatten. Erde bildete rundum ein Beet, das mit Begonien und gelben Studentenblumen bepflanzt schien.
"Scheiße, das gibt Ärger", fluchte die Nachbarin. Jo sah, wie sie sich weit über das Geländer beugte und nach unten starrte. Dann drehte sie den Kopf und sah Jo direkt in die Augen.
"Der olle Pohlmann wird mich bestimmt wieder beim Hausmeister verpetzen."
"Wieder verpetzen?" fragte Jo und seine Ohrmuscheln liefen rot an. Konnte er nichts Gescheiteres von sich geben, als bloß ihre Worte nachzuplappern? Jetzt, wo endlich die Gelegenheit da war für mehr als nur "Guten Tag" oder "Hallo".
"Ja, schon wieder." Die Nachbarin schüttelte entrüstet den Kopf. "Erst vor einer Woche hat er behauptet, ich würde meine Blumen so heftig gießen, dass es auf seine Terrasse tropft. Der spinnt doch."
Sie beugte sich wieder vor und murmelte:
"Verdammter Mist, verdammter. Alles nur wegen der blöden Wespe."
"Kann ich helfen?" Jo hatte allen Mut zusammengenommen für diese Frage und machte weiter. "Ich gehe runter und hole die Reste. Dann denkt Pohlmann, es wäre meine Schuld."
Das Rot hatte sich inzwischen von Jos Ohrmuscheln zu den Wangen und über den Nacken gezogen. Er starrte jetzt ebenfalls auf die Trümmer am Boden.
"Das würdest du tun?" lächelte seine Nachbarin. "Du bist ein Schatz."
Bei den letzten Worten war Jo bereits im Flur. Auf der Treppe verlangsamte er seine Schritte.
"Was tue ich hier eigentlich? Egal, da muss ich jetzt durch."
Er drückte auf den Klingelknopf neben dem Messingschild "Pohlmann" und hoffe, dass der Mann nicht da wäre. Doch die Tür wurde fast augenblicklich aufgerissen. Pohlmann herrschte ihn mit überschlagender Stimme an:
"Sind Sie des Wahnsinns? Ich hätte tot sein können. Wenn mich Ihr Blumenkasten getroffen hätte, läge ich jetzt neben diesen fürchterlichen Blumen auf meiner Terrasse."
Pohlmann holte kurz Luft und Jo nutzte die Pause für eine Entschuldigung.
"Herr Pohlmann, das tut mir fürchterlich Leid. Mir ist der Kasten aus den Händen gerutscht. Ich bin froh, dass Ihnen nichts passiert ist. Darf ich die Reste einsammeln?"
Er versuchte ein klägliches Lächeln, als Pohlmann ihn anfuhr.
"Natürlich sollen Sie den Müll wegräumen. Glauben Sie, ich mache das auch noch für Sie?" Und er schob den verdatterten Jo durch die Diele und das Wohnzimmer auf den Hof.
"Ich dachte schon, es sei Frau Breuer gewesen. Die macht mir immer wieder Ärger. Der hätte ich ja noch ganz etwas anderes erzählt. - Da, nehmen Sie."
Pohlmann drückte Jo Handfeger, Kehrblech und einen Müllbeutel in die Hand und stellte sich mit verschränkten Armen neben ihn.
Als Jo kurz danach mit dem Müllbeutel in den erdigen Händen wieder die Treppe hinaufstieg, stand seine Nachbarin schon in der offenen Tür.
"Komm rein, äh - wie heißt du eigentlich?"
"Ritter, Jo Ritter, also eigentlich Johannes Ritter", stammelte er und seine Ohrmuscheln verfärbten sich wieder wie ein Sonnenuntergang.
"Ich bin die Birgit, der Nachname steht auf dem Klingelschild", grinste sie, weil sie seinen Blick richtig gedeutet hatte. "Komm durch in die Küche."
Jo folgte Birgit mit dem Plastiksack in den Händen.
"Stell einfach da vorne neben den Mülleimer. Ich kümmere mich morgen drum." Birgit wedelte mit einer Hand in die Zimmerecke neben der Tür. "Vielleicht kann man ja noch was davon brauchen."
"Die Erde bestimmt", erwiderte Jo und wischte sich die Hände mit einem Taschentuch ab.
"So, jetzt muss ich mich aber erstmal herzlich bedanken bei dir. Also danke für deine Hilfe, Jo, mein edler Ritter." Birgit lächelte und ergänzte: "Und als Belohnung werde ich dich zum Essen einladen. Magst du?"
Als Jo nickte, schlug Birgit vor: "Gut, dann gibt es Spaghetti all'arrabiata. Dafür müsste ich alles im Haus haben. Setz dich."
Sie drehte ihm den Rücken zu, setzte einen großen Topf mit Wasser auf den Herd und gab mit der Hand reichlich Salz hinein."
"Warum hast du den Kasten eigentlich fallen gelassen?" wollte Jo wissen.
"Eine Wespe hat mich gestochen." Birgit hatte Olivenöl in eine Kasserolle geschüttet und schnitt nun eine Zwiebel. Sie drehte sich um und fuchtelte mit dem Messer in der Luft herum.
"Das Mistvieh hat mich im ungünstigsten Augenblick erwischt. Gerade, als ich den Kasten in die Halterung hängen wollte. Vor Schreck hab ich einfach losgelassen."
Die feinen Zwiebelwürfel wanderten ins heiße Öl und begannen sofort zu zischen und verführerisch zu duften. Birgit ließ Tomaten und schwarze Oliven folgen und griff nach den Gewürzen. "Magst du's scharf?"
Die Frage war eher rhetorisch, die getrockneten Chilis schon in der Soße gelandet.
"So, jetzt können wir ein bisschen schwatzen, bis die Nudeln gar sind."
Birgit ließ sich auf dem zweiten Küchenstuhl nieder.
"Mein Tag war fürchterlich. Heute habe ich im Büro stundenlang am Kopierer gestanden. Was machst du beruflich?"
"Ich bin Automechaniker", konnte Jo gerade noch sagen, bevor Birgit weiter erzählte.
Aber das störte ihn überhaupt nicht.
© U.L., September 2006
wie die Geschichte entstanden ist:
ich habe mir von meinem Holger-Schatz fünf Begriffe aufschreiben lassen, die ich in eine Geschichte einbauen sollte; die Begriffe waren:
Pflaumen
Automechaniker
Blumenkasten
Olivenöl
Kopierer
Uta-Traveller - 27. Januar, 20:11
Die breite Straße mit den Leuchtreklamen der großen Kaufhäuser und Bekleidungsgeschäfte lasse ich links liegen. Ich folge meiner schmalen Gasse, bis sie sich zu einem winzigen Platz weitet. Von einem Brunnen rufen mir bewegliche Bronzefiguren zu: Kümmere dich um uns. Also lasse ich die Magd mit der Rüschenhaube in den Himmel schauen. Ihre Hand reicht sie quietschend einem Burschen, der mit beiden Beinen in der Luft Spagat macht. Der Harlekin winkt ihnen zu und ein Bauer streichelt seinen Hund.
"Lebt wohl, Freunde", flüstere ich und verlasse die bunte Gesellschaft und die schattige Gasse.
Die Häuserschlucht öffnet sich zu einem weiten Karree. Rundum kopfsteingepflasterte Straßen, in der Mitte ein kleiner Park. Eigentlich nur eine kurz gemähte Wiese, ein paar Blumenrabatten und wenige alte Bäume. Vier Bänke, symmetrisch angeordnet und neben jeder ein Mülleimer. Die Fingerblätter einer Kastanie winken mich zu einer der Bänke. Ich setze mich - "Ist hier noch frei?" - neben eine Dame, die mir freundlich zulächelt.
Sie streut Brotkrumen auf den Weg vor ihren Füßen und zwei fette Tauben stürzen sich darauf. Der Spatz kommt zu spät. Die Dame hat ihren Beutel geleert und vertröstet den Kleinen auf morgen.
"Ich komme jeden Tag her", erklärt sie mir. "Ich habe keinen Balkon, wissen Sie."
Ich nicke. Es ist so friedlich. Mitten in der Stadt scheint die Hektik diesen Platz noch nicht gefunden zu haben. Selbst die wenigen Autos fahren hier bedächtiger.
Die Dame verabschiedet sich und trippelt davon. Ihre Handtasche schlenkert an ihrem Unterarm, als wäre sie lebendig.
Ich schließe die Augen. Die Kastanie rauscht eine Begleitung für den Sopran einer Amsel. Ihre Arie erzählt von Liebe und Leid. Sie ist eine Virtuosin in Koloraturen.
Zu einer Stadtexkursion gehört auch ein Museumsbesuch, denke ich mir und mache mich auf zum Museum für moderne Kunst.
Fünf Granitstufen bringen mich vom Bürgersteig vor die Rauchglastür, die sich mit leisem Zischen öffnet. Hinter mir schließt sie sich und sperrt den Alltag aus. Ich bleibe stehen, bis sich meine Augen an die gedämpfte Beleuchtung gewöhnt haben. Mit der Eintrittskarte erhalte ich einen Faltplan des Museums. Bunte Tafeln, exakt 50 mal 50 Zentimeter groß, jede in einer anderen Farbe lackiert, flankieren meinen Weg durch das Treppenhaus. "Empfindung 1 bis 9" sind sie betitelt. Ich empfinde nichts dabei.
Ganz anders im ersten Stock bei den Impressionisten. Ich verträume die Zeit in fernen Landschaften, spüre die Wärme des Südens aus den Bildern strahlen.
Ein zufälliger Blick auf die Armbanduhr sagt mir, dass ich mich trennen muss. Es ist Zeit für den Rückweg.
Das Sonnenlicht blendet, der Straßenlärm scheint überlaut, als ich durch die Glastür trete. Der Berufsverkehr quält sich durch die Straßen. Die Menschen drängen und ziehen aneinander vorbei. Ich lasse mich mitziehen zur Bushaltestelle, erreiche mit dem Bus den Bahnhof und werde in den Zug geschoben. Verteidige einen Stehplatz an einer Haltestange und steige zwei Stationen später wieder aus. Die Treppe hinunter, aus dem Gebäude heraus.
Zehn Minuten zu Fuß, dann ein Gartentor, ein gepflasterter Weg, eine Haustür. Ich krame in der Handtasche, bis ich zwischen Portemonnaie und Notizblock meinen Schlüssel finde.
Im Flur schnuppere ich und tipp: Spaghetti bolognese. Ich lege den Schlüssel auf die Garderobenablage, schlüpfe in die Birkenstocks und schlappe in die Küche. Mein Mann schleckt am Kochlöffel.
"Du kommst genau richtig. Die Nudeln sind gleich gar. Wie war dein freier Tag?"
Ich lasse mich auf einen Stuhl fallen.
"Erstaunlich. Ich habe einen Ausflug gemacht in eine fremde Stadt. Obwohl ich sie schon seit Jahren kenne, habe ich sie heute ganz neu gesehen."
© U.L., August 2007
Uta-Traveller - 15. Januar, 19:04
Mit einem letzten Ruck hält der Zug im Bahnhof an. Eine Berührung des Türöffners, ein Schritt auf den Bahnsteig und ich bin in dieser Stadt. Ich werde keine Namen nennen, denn der Tag könnte in fast jeder Stadt so oder so ähnlich ablaufen.
Ich lasse mich von den Menschen zur Rolltreppe treiben, schwimme mit dem Strom abwärts, Gänge entlang und werde auf den Bahnhofsvorplatz gespieen. Die Sonne scheint, einige Wolken treiben von Hochhaus zu Hochhaus. Ob sie an den Antennen hängen bleiben wie Fetzen dünnen Stoffes? Die Hochhausfenster blinzeln mir zu mit ihren verspiegelten Sonnenbrillen. Ein guter Tag für meine Exkursion in eine fremde Stadt.
Ich schlendere über den Platz, über helle Steinplatten, gesäumt von dunklen Basaltquadraten. Eine Kehrmaschine zieht feuchte Bahnen zwischen den Blumenkübeln. Ich fasse eine der gelben Rosenblüten, stecke meine Nase hinein. Kein Duft. Der Lavendel daneben haucht mir Provence entgegen, ist bei den Bienen beliebt.
Dreispurig umkreisen Autos den Platz. Dicht gedrängt, als wären sie aneinander gekettet. Schaltet eine Ampel auf Rot, hält das Karussell an. Soll ich den Jeep nehmen oder lieber das Feuerwehrauto? Bevor die nächste Fahrt beginnt, kreuzen wir Fußgänger die Bahn.
Nach rechts oder nach links? Ich könnte knobeln. Oder einen Stadtplan suchen. Oder der Menge folgen. Ich entscheide mich für die Menge. Lasse mich führen ein Stück, vorbei an Döner-Imbissen und Asia-Snacks, an klimatisierten Bars und dem in jeder Stadt gleichen Fast-food-Tempel. Jede Tür weht andere Kulturgerüche auf die Straße.
An einer Hausecke biege ich in eine schmale Fußgängerzone ein und schalte einen Gang herunter. Edelboutiquen und Schmuckgeschäfte. Spartanische Auslagen, bei denen ich das Komma vermisse, das Euro und Cent trennt. Kann man auf einer solchen Sandalette wirklich gehen? Kaufe ich ein Halstuch oder sind im Preis Aktien des Unternehmens inbegriffen?
Mein Blick klettert an den Schaufenstern empor zu den Hausfronten darüber. Fassaden in Pastellfarben, Fenster gerahmt von Stuckornamenten, Balkone mit schmiedeeisernen Gittern. Keine Ahnung, was für eine Epoche, einfach nur schön!
Ich werde von einer Frau mit zwei großen Einkaufstaschen angerempelt. Sie brummt etwas, das ich als Entschuldigung verstehe, und huscht weiter. Eine Mutter mit Kinderwagen hetzt auf der anderen Seite an mir vorbei. Drei Schüler überholen mich. Die Hosen hängen in den Kniekehlen, die Shirts müssen von Bodybildern geliehen sein. Hiphop dringt aus den Ohrstöpseln ihrer MP3-Player und sich fuchteln im Takt dazu. "Yo, man."
Keiner schaut nach oben, keiner sieht die alten Häuser an. Traurig müssen die sein, so herausgeputzt und übersehen wie eine alte Jungfer beim Maiball.
(Fortsetzung morgen)
Uta-Traveller - 14. Januar, 20:38
mal wieder eine Geschichte aus dem Fundus
"Guten Tag!"
Der Mann in der Tür zum Analyselabor sah sich um. Kein Mensch da. Auf den Arbeitstischen standen Kolben und Bechergläser, dahinter in Regalen Flaschen und braun getönte Gläser mit flüssigen oder festen Substanzen. Sie erinnerten ihn an den Chemieunterricht in der Schule. Die großen Geräte an der fensterlosen Laborwand waren ihm nicht fremd, hatte er während des Studiums selber Weinanalysen durchführen müssen. Es roch nach Aceton und die Abzüge surrten leise.
"Darf ich mal?" Eine Frau Mitte dreißig in weißem Laborkittel sprach ihn von hinten an. Er drehte sich um und trat einen Schritt zur Seite. Die Chemikerin nickte ein Danke und ging an ihm vorbei zu einem der Arbeitsplätze. Sie stellte den Probenträger ab, den sie mitgebracht hatte, und fragte: "Kann ich Ihnen helfen?"
"Mein Name ist Christian Kellermann", stellte sich der Mann vor und streckte die Hand aus. Er zog sie zurück, als er ihre Latexhandschuhe sah. "Ich bin Winzer", ergänzte er.
"Ich bin hier die Laborratte. Marlies Degner." Die Frau streifte die Handschuhe ab und gab nun ihrerseits Christian die Hand. "Was kann ich für Sie tun?"
"Ich war gerade in der Nähe und dachte, ich könnte nach meiner Weinanalyse fragen."
"Haben Sie die Auftragsnummer?"
Christian schüttelte den Kopf und wurde rot. "Wie gesagt, ich war zufällig in der Stadt und dachte ..."
Marlies wandte sich wieder zur Tür. "Kommen Sie mal mit. Wir fragen oben im Sekretariat vom Alten. Wenn die Analyse fertig ist, dann ist sie dort."
Mit wehenden Kittelschößen marschierte Marlies Degner über den Flur, lief locker die Treppenstufen hinauf und den nächsten Flur entlang. Christian hatte Mühe, ihr zu folgen. Die Tür mit der Aufschrift "Sekretariat" war verschlossen und blieb es auch, als Marlies ihre Hand auf die Klinke legte. Sie sah auf ihre Armbanduhr. "Was, schon Mittag?"
Sie schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. "Kellermann, ja klar!"
Christian schaute verständnislos.
"Sie sind Bio-Winzer, oder?" Christian nickte.
"Deshalb kam mir vorhin der Name gleich bekannt vor. Ich habe selber die Analyse ihres Weines gemacht. Sie wollten nicht nur die üblichen Werte. Sie wollten wissen, ob der Wein Rückstände von Spritzmitteln enthält." Sie stutzte. "Ich dachte, ihr Öko-Leute spritzt kein Gift."
Christian musste lächeln. "Nein, ich spritze auch keine Pestizide. Aber mein Nachbar im Weinberg baut seinen Wein konventionell an. Beim letzten Spritzen kam plötzlich Wind auf und ich will einfach auf Nummer sicher gehen."
"Sonst wäre Essig mit Bio-Wein?"
"So ungefähr." Christian erklärte kurz die Bestimmungen und Marlies nickte.
"Lassen Sie uns zurück in mein Labor gehen. Wenn ich die Analyse gemacht habe, habe ich eine Kopie in meinen Akten."
Mit dem gleichen Tempo wie vorhin rauschte sie durch die Flure und in ihr Zimmer. Sie verschwand hinter einer Regalwand. "Möchten Sie einen Kaffee? Kommen Sie ruhig, hier explodiert nichts. - Hoffe ich wenigstens."
Christian bog um das Regal und sah Marlies an ihrem Schreibtisch stehen, in der Hand einen giftgrünen Kaffeebecher. Auf dem Tisch standen ein zweiter Becher, Milch und Zucker. Während Christian in seinem Kaffee rührte, blätterte Marlies mit einer Hand in einem Ordner.
"Ich hab sie." Sie sah Christian direkt in die Augen. "Alles in Ordnung. Nichts im Wein, was da nicht hingehört. Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihr Öko-Siegel zu machen."
Christian seufzte erleichtert. "Wäre schade gewesen um den schönen Spätburgunder."
Marlies klappte den Ordner zu und stellte ihn ins Regal zurück.
"Mögen Sie Wein?", fragte Christian.
"Ich weiß nicht. Ich trinke fast nie Alkohol."
"Wein ist mehr als Alkohol." Christian war empört.
"Stimmt. Außer Alkohol und Wasser sind noch Glukose, Fruktose und verschiedene organische Säuren vorhanden", dozierte Marlies. "Außerdem Polyphenole, Vitamine, Mineralstoffe, ..."
"Hören Sie auf", unterbrach Christian sie lachend. "Das klingt so schrecklich chemisch. Aber Wein ist nicht nur Chemie. Wein ist ..." Er sah einen Moment verträumt aus dem Fenster. Dann fragte er plötzlich: "Haben Sie Zeit?"
Marlies schaute irritiert. "Ja, schon. Warum? Wozu?"
"Warten Sie einen Moment auf mich. Ich bin gleich zurück."
Marlies hatte ihren Kaffee kaum ausgetrunken, als Christian schon wieder vor ihr stand. In den Händen hielt er zwei einfache Weingläser und eine Flasche.
"Haben Sie Ihren Spätburgunder immer bei sich?" Marlies grinste.
Christian stellte Gläser und Flasche auf den Schreibtisch. Er holte einen Korkenzieher aus der Hosentasche, schraubte die Spindel zärtlich in den Korken und zog ihn mit einem satten "Plopp" heraus. Er schnupperte daran, nickte zufrieden. Er nahm die Flasche, schenkte beide Gläser ein und reichte eines Marlies.
"Stopp, nicht gleich trinken. Lassen Sie uns zum Fenster gehen." Er hielt sein Glas der Sonne entgegen und schwenkte es. Der Wein bildete Schlieren an der Glaswand. Marlies tat es ihm nach.
"Was für ein leuchtendes Rot. Wie flüssiger Rubin", staunte sie und vergaß völlig, die Anthozyane zu erwähnen, die für die Farbe zuständig waren.
Noch ein sanftes Schwenken, dann hielt Christian seine Nase über das Glas.
"Riechen Sie. Nehmen Sie eine Nase voll Duft und sagen Sie mir, an was Sie dabei denken."
Marlies schloss die Augen, schwenkte und sog die Luft über dem Weinglas tief ein.
"Aaaaah, mmmmh", seufzte sie. "Brombeeren oder Heidelbeeren. Und da ist noch was ..."
Sie atmete wieder über dem Glas. "Ich kenne den Geruch. Das ist ... Bittermandel."
Sie öffnete die Augen und strahlte Christian an wie ein Kind, das etwas Gescheites gesagt hat und nun gelobt werden will.
"Sie haben die Burgundernote genau getroffen mit Ihrer Beschreibung. Braves Mädchen." Er wurde rot. "Entschuldigung." Marlies musste kichern.
"So, und nun dürfen sie endlich einen Schluck trinken."
Marlies schaute ihm zu, wie er den Wein durch die Lippen schlürfte. Er schien auf der Flüssigkeit zu kauen. Sie versuchte es ihm nachzumachen und verschluckte sich fast.
"Ich komme mir lächerlich vor."
"Dann trinken Sie einfach. - Und? Was meinen Sie?"
"Fantastisch. Er schmeckt nach Sonne und nach Urlaub und nach Kaminfeuer und ... und nach mehr."
Marlies hielt ihm lachend das Glas entgegen und Christian füllte nach.
Auf dem Flur blieb der Hausmeister verblüfft stehen. Wann hatte er Frau Degner das letzte Mal so herzhaft und laut lachen gehört?
Uta-Traveller - 8. Januar, 18:41