erzählt

Donnerstag, 2. Juli 2009

Verspielt (6)

"Ich könnte kotzen!"
Heike war aufgesprungen und hatte dabei ihr Glas umgestoßen. Der Rotwein bildete eine blutige Lache auf den Steinfliesen.
"Du hast schon damals alles kaputt gemacht", fuhr sie Corinna an und schlug mit der Hand auf die Lehne der Ledercouch. "Du hast immer nur getan, was du wolltest. Ohne Rücksicht auf Verluste. Immer nur Ich, Ich, Ich."
Sie schnaufte und holte tief Luft. Die anderen starrten sie sprachlos an.
"Beruhige dich doch, Schatz", murmelte Manfred und verstummte unter Heikes Blick. Dirk studierte betreten das Teppichmuster. Nur Corinna lehnte sich entspannt zurück.
"Endlich kommst du aus dir raus", sagte sie und nippte an ihrem Wein. "Hast du all die Jahre diese Wut auf mich mit dir herum getragen? All die Jahre?" Sie hob die Augenbrauen. "Ich dachte, du hättest mir die Sache mit dem kleinen Bozo verziehen."
"Es geht nicht um Bozo", fauchte Heike. "Nicht nur. Es geht um Verantwortung. Ein Begriff, der anscheinend nicht zu deinem Wortschatz gehört."
Corinnas Augen funkelten.
"Jetzt kommen wir der Sache also näher. Verantwortung."
"Ja, Verantwortung. Du hast immer nur gespielt. Wenn es ernst wurde, hast du gekniffen und bist abgehauen. Wie damals nach dem Abi."
Heike warf einen Blick auf Dirk, der den Schlagabtausch der Frauen inzwischen gespannt beobachtete.
"Ich will dir mal was sagen, Heike." Corinnas Stimme vibrierte dunkel. "Wenn ich gespielt habe, dann mit offenen Karten. Ich habe jedem klar gemacht, dass ich meinen Weg gehen will. Meinen, verstehst du? Jeden Schritt habe ich getan, weil ich das wollte. Nicht, weil es so üblich ist oder weil ich dadurch Ansehen gewinne oder Geld oder ..."
Sie trank ihren Wein aus und stand auf.
"Ich glaube, ich gehe jetzt besser. Manfred, danke dir für die Einladung. Es tut mir leid, dass ich euch den Abend versaut habe."
Manfred reichte ihr die Hand.
"Du hast den Abend nicht versaut, Corinna. Wir haben den Sinn des Spieles anscheinend aus den Augen verloren. Ich zumindest sehe jetzt Ziel und Regeln wieder deutlicher."
Heike drehte sich um und verließ mit steifen Schritten den Raum.



* * E N D E * *

Mittwoch, 1. Juli 2009

Verspielt (5)

"Schon wieder in den Knast!"
Dirk stöhnte und setzte seine grüne Spielfigur in das Monopoly-Gefängnis.
"Bin ich eigentlich der Einzige, dem das passiert? Mir ist es ein Rätsel, warum ihr immer nur zu Besuch vorbei kommt."
Er schaute Trost heischend zu Corinna. Die würfelte gerade, zog sieben Felder weiter und jubelte: "Schlossallee! Schlossallee!"
Blitzschnell zählte sie Geld ab, nahm von Heike die Besitzkarte entgegen und erklärte:
"Ich baue Häuser. Je zwei auf die Parkstraße und die Schlossallee. Und dann werden wir sehen, wer zuerst Miete zahlen muss."
Sie zwinkerte Manfred zu, dessen Spielfigur nur wenige Felder von Corinnas Besitztümern entfernt stand.
"Übernimm dich nicht", zischte Heike, zählte sorgfältig das Geld und warf der früheren Freundin vier kleine, grüne Häuschen hin.
"Hättest doch mitspielen sollen", meinte die, stellte die Klötzchen in eine Reihe und reichte die Würfel an Manfred weiter.
Eine Weile hörte man nur das Klicken der Würfel und das Tippen der Spielfiguren. Ab und zu ein "Ich kaufe" oder "Miete bitte". Dirk wanderte aus dem Gefängnis auf ein Gemeinschaftsfeld, sollte seine Häuser renovieren und lachte, weil er noch keine besaß.
Die Weinflasche leerte sich schnell und Manfred öffnete eine neue.
"Wie lange wollen wir eigentlich spielen?", wollte Heike wissen. "Wir haben gar nichts ausgemacht."
"Bis ich gewonnen habe", kokettierte Corinna. "Oder muss einer von euch morgen früh aus den Federn?"
Dirk und Manfred schüttelten den Kopf. Heike seufzte.
"Sagt mal, hat das immer schon so lange gedauert? Haben wir uns wahrhaftig die Nächte um die Ohren geschlagen für ein albernes Spiel?"
"Haben wir. Früher haben wir dabei von der Zukunft geträumt", sagte Dirk. "Von unseren Karrieren und wie wir die Welt verändern wollen."
"Und dann hat die Welt uns verändert", ergänzte Manfred bitter. "Abschied von all den Träumen und hehren Zielen. Puff, und schon bist du in der Wirklichkeit angekommen."
"Ist aber eine recht komfortable Wirklichkeit, oder?", fragte Corinna und sah sich im Raum um.
Manfred nickte. "Um den Preis von viel Stress, wenig Freizeit und noch weniger Freiheit."
Er sah Corinna direkt in die Augen.
"Ich glaube, du hast das besser gemacht als wir."
Mit einem Klirren zerbarst Heikes Weinglas auf dem Schieferboden.

Dienstag, 30. Juni 2009

Verspielt (4)

Heike pustete imaginären Staub von der Schachtel, ehe sie den Deckel öffnete.
"Ich übernehme die Bank. Ich mag heute nicht um Grundstücke und Häuser schachern."
Sie klappte den Spielplan auseinander, während die drei zukünftigen Immobiliengroßgrundbesitzer die Gläser auf dem Tisch zur Seite räumten.
"Ich möchte bitte die rote Figur", sagte Corinna und sah die beiden Männer an, ohne wirklichen Widerspruch zu erwarten.
"Grün oder Blau?" Manfred hielt die Holzmännchen in die Höhe.
"Grün ist die Hoffnung, oder?", grinste Dirk und griff zu.
Heike legte die Stapel mit den Ereigniskarten in die Spielfeldmitte und breitete die Geldscheine vor sich aus.
"Du bekommst so ein gieriges Glitzern in die Augen", stichelte Dirk und Heike verzog die Lippen.
"Um was spielen wir?", wollte Corinna wissen und die anderen sahen sie verblüfft an.
"Stimmt", meinte Manfred, "früher hatten wir immer einen Jackpot. Irgendwie hat das den Reiz erhöht."
Heike neigte den Kopf und überlegte kurz.
"Ich hätte da was." Sie verschwand kurz aus dem Zimmer und kam mit einem Briefumschlag zurück.
"Ein Gutschein. Ich verrate euch nicht, wofür und wieviel er wert ist. Aber ich garantiere euch, er ist noch gültig. Ich stifte ihn als Preis für den Sieger dieser Partie Monopoly."
Corinna, Dirk und Manfred starrten sie an, dann griff Corinna zu den Würfeln.
"Lasst uns beginnen!"

Montag, 29. Juni 2009

Verspielt (3)

"Ich ... ich glaub's nicht!", stammelte Dirk, als Corinna in den Raum rauschte.
Sie war fast 1,80 Meter groß, schlank und trug die schulterlangen Haare offen. Die dunklen Locken wippten bei ihren federnden Bewegungen. Sie streckte die Hand aus, als sie Dirk erreichte.
"Hi, wie geht's dir? Schön euch alle zu treffen."
In ihr Deutsch mischte sich ein englischer Akzent.
Dirk ließ ihre Hand erst los, als Manfred ihn von der Seite anstieß.
"Willkommen, Corinna", sagte er, "setz dich doch. Was möchtest du trinken?"
Er füllte ein Glas mit Wein, ein zweites mit Wasser und reichte beide der früheren Schulfreundin.
Heike brach das Schweigen, das sich nach dem Anstoßen zwischen ihnen ausgebreitet hatte wie zäher Teig.
"Hast du dich schon wieder eingelebt hier? Nach all den Jahren?"
Corinna schüttelte den Kopf.
"So schnell geht das nicht. Es ist schon ein Unterschied, ob du zu Besuch hier bist oder ob du wieder in dieser Stadt leben willst. Ich bin zuerst zu meiner Mutter gezogen, damit ich in Ruhe nach einer Wohnung suchen kann."
"Bei mir im Haus wird demnächst eine frei", sagte Dirk und wurde ein bisschen rot, als Corinna ihn anlächelte.
"Fein, die schaue ich mir gerne mal an."
Dann sah sie Manfred in die Augen.
"Nächsten Monat ist die Abi-Revival-Feier. Ich habe gleich zugesagt, als ich den Brief in den Händen hatte. Ihr geht doch bestimmt auch alle hin, oder?"
"Mal sehen", mischte sich Heike ein. "Wir haben uns noch nicht entschieden."
Manfreds Kopf ruckte erstaunt zur Seite.
"Wäre schon toll, wenn viele kämen", plauderte Corinna unbefangen. "Ich habe bei Mama gestern in unserer alten Abi-Zeitung gestöbert. Sie hat sie wirklich aufgehoben. Diese Fotos damals! Erinnert ihr euch noch an Bozo?"
"War das der Kleine mit den strubbeligen Haaren?", wollte Heike wissen und Dirk musste lachen.
"Strubbelige Haare hat er immer noch, allerdings inzwischen deutlich weniger."
"Die Mutprobe mit dem Seil wäre fast schief gegangen", sagte Manfred nachdenklich. "So eine verrückte Sache, vom Schuldach runterzuklettern. Verdammt, das waren drei Stockwerke. Er hätte sich das Genick brechen können."
Die anderen schwiegen verlegen. Sie alle erinnerten sich, für wen der kleine Bozo damals den Helden spielen wollte.
"Beim Aufräumen habe ich das alte Monopoly wieder gefunden", versuchte Heike einen Themenwechsel.
"Meine Güte, das haben wir gespielt bis zum Umfallen. Ist uns nie langweilig geworden, oder?" Corinna sah von einem zum anderen. "Ich weiß gar nicht, ob ich das heute noch könnte."
"Na los!" Manfred grinste seine Frau an. "Hol die Kiste schon her. Tun wir so, als wären wir wieder achtzehn."

Samstag, 27. Juni 2009

Verspielt (2)

"Habt ihr auch eine Einladung bekommen?"
Dirk räkelte sich im Sessel und schaute von Manfred zu Heike.
"Ja, kam gestern mit der Post", sagte Manfred. "Gehst du hin?"
Dirk zuckte mit den Schultern.
"Weiß ich noch nicht. Irgendwie albern, die alten Schulkollegen zwanzig Jahre nach dem Abi zusammenzutrommeln. Ich glaube nicht, dass man sich da mehr zu sagen hat als: 'Wo wohnst du? Was machst du?' Zwanzig Jahre, da gibt's doch kaum noch Berührungspunkte."
"Ich bin schon neugierig, wie die anderen jetzt wohl sind." Heike reichte Manfred eine Weinflasche und den Korkenzieher. "Und die Klausuren bekommen wir auch ausgehändigt. Erstaunlich, was man damals alles über die deutsche Romantik oder über Exponentialfunktionen wusste."
Manfred zog mit einem leisen Plopp den Korken aus der Flasche und roch daran.
"Keine Ahnung, ob ich davon heute noch irgendetwas könnte. Aber das brauche ich ja auch nicht."
Er schenkte zuerst sich einen kleinen Schluck ein, dann füllte er die anderen Gläser und goss zuletzt sich selber nach. Heike hob ihr Glas und prostete den Männern zu.
"Auf die Schule, und dass wir sie lange hinter uns gelassen haben!"
"Auf die Schule!", antworteten Manfred und Dirk.
Die Türglocke meldete einen weiteren Gast.

Freitag, 26. Juni 2009

Verspielt (1)

Endlich habe ich die Kurzgeschichte angefangen, zu der ihr mir hier die Stichworte gegeben habt. Heute ist noch keins dabei, aber das kommt schon noch ..."

* * * * * * * * * *

"Du bist doch nicht sauer, oder?"
Manfred sah seiner Frau zu, wie sie Teller aus der Spülmaschine holte und in den Schrank räumte. Das Porzellan klirrte vernehmlich.
"Wie kommst du darauf?"
Heike stellte die Kaffeebecher in eine Reihe, schloss die Schranktür und drehte sich grinsend zu ihrem Mann um.
"Versuch's nicht mit Geschirrpsychologie, Schatz."
Manfred grinste zurück.
"Ist schon ein witziger Zufall, dass ich Corinna heute in der Stadt getroffen habe. Sie ist gerade mal drei Monate aus Glasgow zurück. Fast zwanzig Jahre haben wir sie nicht mehr gesehen, ich musste sie einfach einladen."
"Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen." Heike lehnte mit dem Rücken am Küchenschrank. "Ob wir heute Abend zu dritt oder zu viert sind, ist doch egal."
Sie runzelte die Stirn.
"Sag mal, war Dirk nicht damals wahnsinnig in Corinna verknallt? Der wird Augen machen, wenn er gleich kommt."
Manfred zog die Luft durch die Nase ein.
"Au weia, das hatte ich komplett vergessen. Muss kurz vor dem Abi gewesen sein. Wenn wir nicht in alle Himmelsrichtungen ausgeflogen wären, das hätte noch was gegeben mit den beiden."
"Fast zwanzig Jahre." Heike zupfte an einem grauen Haar und riss es entschlossen aus. "Da besteht bestimmt keine Gefahr mehr. Stell doch schon mal Gläser auf den Couchtisch, ich suche was zum Knabbern."
Der Dreiklang-Gong rief sie stattdessen zur Haustür.

(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 7. April 2009

Hinter Glas (6)

"Liebe Suse!

Wenn Du diesen Brief in Händen hältst, werde ich nicht mehr leben. So ist es für mich einfacher, Dir die ganze Wahrheit zu erzählen, als von Angesicht zu Angesicht.
Ich war nie ein großer Schreiber, aber ich möchte, dass Du auf jeden Fall erfährst, was damals kurz vor und nach dem Tod Deiner Eltern passiert ist und was mich mein Leben lang belastet hat. Hoffentlich kann ich mich klar genug ausdrücken und vergesse nichts Wichtiges.

Dein Vater Peter und ich waren zu unterschiedlich, als dass wir außer Brüdern auch Freunde hätten sein können. Peter war bei weitem der Jüngere, trotzdem fand ich ihn spießig. Statt einen Traum zu leben, wie ich das mit meiner Bootsbauerei gemacht habe, ging er den sicheren Weg in eine Anstellung im öffentlichen Dienst. Wahrscheinlich spielte einfach eine Portion Neid mit, dass ich so dachte. Er konnte sich manches erlauben, was ich mir versagte. Das Geschäft lief oft schleppend und gerade zu dieser Zeit ging es uns schlecht. Aber ich schweife ab.

An jenem seltsamen Freitagabend kam Peter zu mir in die Werkstatt, was er fast nie machte. Er war ganz aufgeregt und sprudelte nur so über. Ausnahmsweise hatte er im Lotto gespielt, und wie das mit Anfängern so ist, er hatte gewonnen. Dreihunderttausend Deutsche Mark - damals gab es die ja noch. Ein kleines Vermögen! Er wedelte mit dem Lottoschein vor meiner Nase herum und lachte. Deiner Mutter hatte er nichts davon erzählt, er wollte sie überraschen.
Er drückte mir den Lottoschein in die Hand und bat mich, den Scheck für ihn abzuholen, gleich am Montag. Drei Tage später hätten Deine Eltern Hochzeitstag gehabt und der Gewinn sollte sein Geschenk für Deine Mutter sein.
Am nächsten Tag fuhren Deine Eltern in den Tod. Sie sind von der Straße abgekommen, den Grund hat die Polizei ja nie herausgefunden.

Jetzt saß ich da mit dem Lottoschein. Ich hätte damals das Geld holen und Dir geben müssen. Es gehörte ja Dir, Peters Tochter, meiner Nichte. Und was tat ich? Ich habe es unterschlagen. Ich habe es einfach behalten. Und als Annie danach fragte, habe ich behauptet, ich selbst hätte im Lotto gewonnen. Keiner hat etwas gemerkt. Keiner hat gemerkt, dass ich gelogen habe, dass ich zum Verbrecher geworden war. Nein, selbst die Schulden in der Firma waren keine Entschuldigung.
Das mindeste, was ich tun konnte, war, Dich bei uns aufzunehmen. Ich wollte Dich wie eine Tochter behandeln, wie eine kleine Schwester von Kirsten, die ja damals schon aus dem Haus war. Aber auch da habe ich versagt. Jedes Mal, wenn Du mich vertrauensvoll ansahst, wandte ich mich vor Scham ab. Dir musste das so vorkommen, als wollte ich Dich nicht um mich haben. Ich habe Dich aus dem Haus getrieben mit meinem Verhalten. Ich hatte nie den Mut, meine Tat einzugestehen. Je länger der Tod Deiner Eltern her war, desto unmöglicher wurde es für mich.

Jetzt spüre ich, dass mein eigener Tod näher rückt. Mein Herz will seit Jahren nicht mehr so, wie ich gerne möchte. Und der Arzt sagt, es wird von Tag zu Tag schwächer. Ich bin über achtzig, was soll ich da erwarten.
Nur eines ist mir noch wichtig. Ich möchte Dich ein wenig entschädigen für den Betrug, den ich an dir begangen habe. In all den Jahren habe ich Monat für Monat einen Betrag zur Seite gelegt. Mit Zinsen und Zinseszinsen ist eine stattliche Summe zusammen gekommen. Vielleicht gibt es ja einen Traum, den Du damit Wirklichkeit werden lassen kannst, so wie ich das mit meiner Bootsbauerei gemacht habe.
Und bitte: mach Dir keine Gedanken um Kirsten, für die ist auch gesorgt.

Ach ja, fast hätte ich das Wichtigste vergessen:
In der Flasche mit dem Buddelschiff findest Du im Schiffsrumpf die Bescheinigung, die Du brauchst, um Dein Geld zu bekommen.

Ich hoffe, Du kannst mir verzeihen.

Dein Onkel Hinrich"


ENDE

Montag, 6. April 2009

Hinter Glas (5)

"Das riecht ja hier wie früher. Nur muffiger."
Suse stand im Flur des Hauses, in dem sie mehr als zwei Jahre gelebt hatte.
"Und die Tapete ist auch noch dieselbe. Oder eine ganz ähnliche."
Braune Ähren auf beigefarbenem Untergrund hatte sie schon damals scheußlich gefunden.
"Na ja, Vater hat zwar hin und wieder renoviert, aber von der Tapete hatten sie so viel eingekauft, dass er immer wieder das gleiche Muster geklebt hat."
Kirsten schüttelte den Kopf.
"Und nach Mutters Tod vor zwei Jahren hat er dann gar nichts mehr verändern wollen. Komm, wir gehen zuerst ins Büro."
Das "Büro" war ein kleiner Raum mit Fenster zum Hof, das Kirsten weit öffnete, um Licht und Luft hereinzulassen. An den Wänden reihten sich Holzregale und graugrüne Aktenschränke auf, ein Schreibtisch mit altem Drehstuhl komplettierte die Ausstattung.
"Ich weiß noch, wie Tante Annie an diesem Tisch die Buchhaltung gemacht hat", erinnerte sich Suse. "Sogar die alte Rechenmaschine ist da. Als wäre hier die Zeit stehen geblieben."
"Das ist sie auch. Genau an dem Tag, an dem Vater das Geschäft geschlossen hat. Er hat zwar seine Unterlagen in diesem Raum aufbewahrt - Rentenbescheide, Bankbelege, Versicherungspolicen -, aber dafür reichten ihm die alten Schätzchen."
Kirsten setzte sich auf den knarrenden Stuhl und zog die Schubladen aus dem Schreibtisch.
"Wenn er Wichtiges aufbewahren wollte, dann steckte er es hier hinein."
Die beiden Frauen sichteten Blatt für Blatt, ohne etwas Auffälliges zu finden. Weder in den Regalen noch in den Schränken entdeckten sie einen Hinweis auf die dringende Angelegenheit, die Hinrich Jakobs kurz von seinem Tod bewegt hatte.
"Sag mal", überlegte Suse laut, "ich sehe hier überhaupt kein Buddelschiff. Im Brief klang es so, als wäre das sein Hobby und er hätte schon viele Schiffe gebaut."
Kirsten warf den Kopf in den Nacken und ächzte.
"Bin ich blöd! Die Werkstatt!"
Sie sprang auf, dass der Stuhl durchs Zimmer rutschte und zerrte Suse hinter sich her.
Die Werkstatt war größer und heller als das Büro. Auf einer riesigen Werkbank lagen Holzreste, Laubsägen, feine Raspeln, Pinzetten und verschiedene Spezialwerkzeuge. Lack- und Leimtöpfe standen in einem Regal neben leeren Glasflaschen.
In einer Vitrine entdeckte Suse mehrere fertige Buddelschiffe in unterschiedlichen Größen. Einfache Jollen, Dreimaster, sogar ein Wikingerschiff war dabei.
"Das sind nur ein paar von seinen Stücken. Im Wohnzimmer hat er noch viel mehr. Er war genial, wenn es um den Schiffsbau ging, egal in welcher Größe."
Kirsten ignorierte Werkbank und Vitrine und öffnete eine alte Seekiste, die in der Ecke neben der Tür stand.
"Wenn er etwas für dich hinterlassen hat, dann in seiner Schatzkiste. Dass ich da nicht gleich dran gedacht habe. - Ha!"
Triumphierend hielt sie Suse einen braunen Briefumschlag entgegen.
"Los, mach schon auf. Steht dein Name drauf."
Suses Hand zitterte leicht, als sie den Brief aufriss und ein Blatt herauszog, das genau so vergilbt war wie das erste bei ihr zu Hause. Sie starrte auf die eckige Schrift und glaubte, die Stimme ihres Onkels zu hören, als sie zu lesen begann.

Sonntag, 5. April 2009

Hinter Glas (4)

Suse parkte ihr Auto in der Einfahrt eines Mehrfamilienhauses. Sie hob gerade ihre Reisetasche aus dem Kofferraum, als sich die Haustür öffnete.
"Willkommen", sagte Kirsten und kam ihr entgegen. Sie war etwa so groß wie Suse, trug das graue Haar sportlich kurz geschnitten und lächelte herzlich, dass kleine Fältchen um ihre Augen strahlten. Ohne jede Scheu breitete sie die Arme aus und drückte ihre Cousine an sich. Suse ließ sie verdutzt gewähren.
"Entschuldige, dass ich so aufdringlich bin", grinste Kirsten. "Ich freue mich einfach, dich endlich wiederzusehen. Ein Stück Familie, und davon habe ich nicht mehr viel."
Suse folgte ihr ins Haus und die Treppe hinauf, hängte ihre Jacke an die Flurgarderobe und stellte die Reisetasche in das Arbeitszimmer.
"Ich benutze es auch als Gästezimmer", erklärte Kirsten. "Das Schlafsofa ist recht bequem. Das Bad findest du gleich gegenüber, falls du dich frisch machen möchtest nach der langen Fahrt. Ich gehe in die Küche und mache uns einen Imbiss."

Suse schaute eine Weile aus dem Fenster aufs Meer, das in der Abenddämmerung glitzerte. Der Dunststreifen am Horizont trennte Himmel und Wasser, schimmerte am Rand noch rötlich von der untergegangenen Sonne. Wie oft hatte sie als Kind dieser Sonne zugesehen, wenn sie langsam versank. Wie oft hatte sie bei den letzten Strahlen leise gezischt, als würde ein Feuer verlöschen. Und hatte dann gelacht, weil sie wusste, die Sonne würde am nächsten Tag wiederkommen.
Könnte sie doch nochmal so unbeschwert sein wie damals, als sie pfeifend nach der Schule zum Strand lief, die Finger ins Wasser steckte und prüfte, ob das erste Bad des Sommers schon möglich war. Die Kinderspiele fielen ihr ein, Sandburgen bauen, Quallen sammeln und andere damit erschrecken. Sie dachte an ihren ersten Freund und die langen Spaziergänge am Wasser entlang, Händchen halten und Knutschen in den Dünen.
"Magst du jetzt etwas essen?"
Suse fuhr zusammen, als sie neben sich in der Fensterscheibe Kirstens Spiegelbild wahrnahm.
"Ja, gerne", sagte sie und war ihrer Cousine dankbar, dass sie sie aus dieser melancholischen Stimmung holte.

Der Freitagabend rauschte an den beiden Frauen vorbei wie ein Schwarm Wildgänse. Sie hatten sofort einen Draht zueinander gefunden und es gab so viel zu erzählen. Auf der Fahrt war Suse ein wenig mulmig gewesen bei dem Gedanken, das Wochenende bei einer fremden Familie zu verbringen. Dann stellte sich heraus, dass Kirsten allein lebte. Die Ehe war vor Jahren schon in die Brüche gegangen, der einzige Sohn studierte in Süddeutschland und kam wegen seiner Diplomarbeit nur selten nach Hause.
Nach dem üblichen Geplänkel - was machst du so? wie lebst du? - waren sie schnell zu dem Thema übergegangen, dass Suse in ihre frühere Heimat geführt hatte.
"Ich kapiere das immer noch nicht. Vater schickt dir ein Buddelschiff, um dich quasi nach Hause zu holen. Worüber will er mit dir reden? Was war so dringend?"
"Ich habe keine Ahnung. All die Jahre hatte ich weder zu ihm noch zu Tante Annie oder zu dir Kontakt. Und dann aus heiterem Himmel dieses Päckchen."
Suse schüttelte den Kopf.
"Ich hatte gehofft, dass du etwas weißt. Wenn er in seinem Brief wenigstens eine Andeutung gemacht hätte. Aber - nichts!"
Kirsten überlegte einen Moment lang.
"Morgen gehen wir zusammen in das alte Haus am Hafen. Ich war seit der Beerdigung noch nicht dort. Ich hatte auch keine Zeit, mich um die Auflösung seines Haushalts zu kümmern. Oder mir zu überlegen, was aus dem Haus werden soll. Es ist alles so wie an seinem Todestag. Vielleicht finden wir ja die Lösung auf seinem Schreibtisch."
"Ist schon ein komisches Gefühl, dass wir in den Sachen eines Toten herumsuchen wollen." Suse schauderte. "Wir haben wohl keine andere Wahl."
"Genau. Und jetzt lass uns ein Glas Wein trinken und über erfreulichere Dinge reden."

Samstag, 4. April 2009

Hinter Glas (3)

Während Suse parallel zum Meer die letzten Kilometer nach T. zurücklegte, ließ sie die letzte Woche Revue passieren.

Von der Auskunft hatte sie die Telefonnummer von Hinrich Jakobs erhalten, ihn aber nicht erreicht. Weder am Tag nach dem Päckchenfund, noch am folgenden. Weder morgens noch abends. Sie wurde unruhig. Sein Brief hatte so dringend geklungen. Vielleicht wusste Kirsten, ihre Cousine, mehr.
Sie grübelte eine Weile über Kirstens Nachnamen. Die Cousine war zehn Jahre älter als Suse und damals schon verheiratet. Sie lebte mit ihrem Mann in der Nähe der Eltern, aber Suse hatte keinen engeren Kontakt zu der jungen Frau. Wie war der Name noch? Schüssel, nein Schüssler, Kirsten Schüssler.
Ein erneuter Anruf bei der Auskunft, dann wählte Suse und am Telefon meldete sich eine warme Stimme. Kirsten war verblüfft so ganz unvermittelt von Suse zu hören. Noch verblüffter war sie allerdings, als Suse ihr von dem Buddelschiff erzählte.
"Wann hast du das Päckchen bekommen? Vor drei Tagen? Da war Vater schon seit einer Woche unter der Erde."
Fast hätte Suse den Hörer fallen gelassen. Seine Prophezeihung - "es kann sein, dass ich nicht mehr lange lebe" - hatte sich früher erfüllt, als er wohl gedacht hatte.
"Bist du noch dran?", fragte Kirsten.
Suse nickte und stammelte dann ein "ja, ja, natürlich". Sie hatte keine Ahnung, was sie nun tun sollte.
"Hast du am Wochenende schon etwas vor?", kam Kirstens Stimme aus dem Telefon. "Wenn du magst, kannst du mich doch besuchen und wir können in Ruhe über alles reden."
Suse sagte ohne Zögern zu. Freitags arbeitete sie nur bis zum Mittag, danach war sie gleich Richtung Meer und Cousine Kirsten aufgebrochen.

Aus dem Navigationsgerät im Auto meldete sich eine freundliche Frauenstimme.
"In fünfhundert Metern links abbiegen. Dann erreichen Sie Ihren Zielort".


(ihr bekommt hier die "Rohfassung" der Geschichte zu lesen; sollte sie fertig werden, muss sie sicher überarbeitet werden; aber das kommt viel später ...)

Auf Travellers Pfaden

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