kurz und prosaisch

Mittwoch, 13. Oktober 2010

herbstlich



Oktober pinselt
warme Farben auf Blätter
Kampf gegen das Grau

.

Mittwoch, 25. März 2009

Ansichten eines Gartenzwergs (1)

Heute stelle ich einen alten Text ein (der hier aber neu ist), weil er passt. Weil er leider sehr gut passt. Heute Morgen war unsere Welt weiß und bis in den Nachmittag hinein schneite es weiter. Da fiel mir der Gartenzwerg von vor drei Jahren ein. Und hier ist er:

Was soll morgen sein? Frühlingsanfang? Zumindest für die Meteorologen. Dass ich nicht lache! Der Winter hat meinen Garten immer noch fest im Griff. Und das wird sich in den nächsten Tagen wohl auch nicht ändern.
Inzwischen steht mir der Schnee schon bis zum Bart. Bis zur Bartspitze. Wenn die Flocken weiter vom Himmel wirbeln, dann wird es brenzlig. Wenigstens friert es nicht. Nicht, dass mich eisige Temperaturen stören, da bin ich hart im Nehmen. Aber diese weiße Pest sackt jetzt wenigstens genauso schnell zusammen, wie Nachschub von oben kommt.
Die Konifere hinter mir könnte noch zum Problem werden. Kein Wind, der sie schüttelt wie Frau Holle die Kissen. Ihre Säule ist wie eine Tulpenblüte aufgebrochen, auseinandergedrückt von nassen Schneeklumpen. Ein Zweig neigt sich bedenklich über meiner Mütze. Es wird nicht mehr lange dauern, dann lässt er seine Last auf mich Wichtel fallen.
Nein, geh weg, Amsel. Nicht auf dem Zweig landen. - Zu spät. Und ich kann mich nicht schütteln, um dieses pappige Zeug los zu werden.

Diese Vögel! Jetzt, im Winter, sehe ich nur wenige. Zwei, drei Amseln, ab und zu eine Meise, die leisten mir schon mal Gesellschaft. Vor allem die Meise hat immer eine Menge zu erzählen, Tratsch aus den benachbarten Gärten. Und natürlich die Elstern und die Krähen. Halbstarke Rowdys. Sitzen auf dem Hausdach und krächzen ihre unflätigen Witze durch die Luft. Könnten die Menschen sie verstehen, das Abschussverbot hätte wohl die längste Zeit bestanden. Die Stare überwintern - wie viele ihrer Kollegen - irgendwo im Süden. Wenn sie zurückkehren, werden sie wieder angeben mit ihren Erlebnissen: die anstrengende und gefährliche Reise - vor allem über Italien - bis ans Mittelmeer, die gute mediterrane Kost, das milde Klima.
Was soll's, ich bin ein bodenständiger Zwerg. Ich brauche das alles nicht. Und dann fange ich doch an zu träumen. So ein geschützter Platz in einem Garten am Gardasee mit Blick auf Oleander und Zitronenbäume, das hat schon was. In meinem Rücken stünde nicht irgendeine namenlose Kleinkonifere, nein, da stünde eine echte Zypresse, hoch gewachsen und dunkel mit kleinen, kugeligen Zapfen. Neben mir eine alte Steinbank, vorne gebleicht, hinten bemoost, auf der eine junge Dame die Nachmittagssonne genießt, in der Hand ein Glas Bardolino. Dazu Musik von Andrea Bocelli ...

Hört das denn gar nicht mehr auf zu schneien? Diesmal will der Winter überhaupt nicht enden. Drei Monate schon Schnee und Eis, wenig Sonne, statt dessen tief hängendes Grau. Meine Menschen habe ich schon wochenlang nicht zu Gesicht bekommen. Sie verbarrikadieren sich im Haus, verlassen es zur Arbeit und zum Einkaufen, aber im Garten lassen sie sich nicht blicken. Die Wege werden nicht geräumt. Wozu auch? Die Beete verstecken sich unter dicken, weißen Decken, die Bäume sind kahl, die Büsche struppig und unansehnlich. Schlampige Zeiten, kann ich da nur sagen. Wie ich mich dabei fühle, interessiert hier wieder mal niemanden.
Am letzten Wochenende glaubte ich schon an Besserung. Auf der Wiese streckten die ersten winzigen Krokusse zartlila Nasen aus dem Gras. Sie blühten nur einen Tag, dann wurden sie von der neuen Winterwelle erschlagen. Also nichts mit Frühlingsanfang morgen!


© U.L., 28. Februar 2006

Montag, 23. März 2009

Leergeschrieben

"Kannst du nicht still liegen?"
Diethard ächzte und drehte sich erneut auf die andere Seite.
"Wie willst du schlafen, wenn du im Bett rotierst wie ein Kreisel?"
Keine Reaktion.
"Dann steh doch auf und geh an die frische Luft. Oder schau Fernsehen."
Diethard grunzte, ließ die Beine aus dem Bett rutschen und richtete sich auf. Er tastete mit den Füßen nach seinen Pantoffeln, griff zur Brille, die auf dem Nachttisch lag, und schlurfte im Dunkeln aus dem ehelichen Schlafzimmer.
Im Bad pinkelte er im Stehen, wenigstens das konnte er noch. Er sah in den Spiegel, während er sich die Hände wusch.
War die Falte am rechten Mundwinkel gestern auch schon da gewesen? Langsam entwickelte er Tränensäcke. Er sollte zur Kosmetikerin gehen wie sein Freund Hagen. Der färbte seine Haare und trainierte dreimal in der Woche im Fitness-Studio. Eitler Kerl.

In der Diele nahm er im Vorübergehen eine Strickjacke von der Garderobe und zog sie über den Schlafanzug. Er fröstelte. Im Arbeitszimmer drehte er den Thermostaten am Heizkörper hoch und lauschte dem leisen Rauschen in den Rohren.
Er sank in den Ledersessel, drückte auf den Knopf am Computer und schaute den blinkenden Lämpchen zu, bis ein Sonnenuntergang auf dem Monitor erschien und der Rechner bereit für ihn war. Er legte die Hände auf die Tastatur und wartete.
Nichts.
Er sah sich in dem abgedunkelten Raum um. Sah die Bücherregale, das Sofa, den Schrank, in dem er Gläser und ein paar Flaschen fünfzehn Jahre alten Single-Malt-Whisky verwahrte. Hinter den Fenstern Nachtschwärze, die seine Konturen und den Schein der Schreibtischlampe spiegelte. Er straffte die Schultern und starrte wieder auf den Bildschirm.
Nichts.
So ging das schon seit Wochen.

Wann hatte es angefangen? Diethard schritt in Gedanken zurück. Ende Januar hatte er eine Kurzgeschichte fertiggestellt, hatte ein Exposé verfasst für einen neuen Roman und gleich losgelegt mit Schreiben. Mitten im ersten Kapitel riss plötzlich der Faden und seitdem ...
Nichts.
Zuerst dachte er, er müsse die Story besser durchdenken. Sich einfach mehr Zeit geben. Er fuhr zum Wandern in die Dolomiten und kehrte nach einer Woche körperlich erfrischt zurück.
Nichts.
Vielleicht sollte er - unüblich für ihn - den Plot genau ausarbeiten. Charakterstudien für seine Protagonisten machen. Aus einem anderen Blickwinkel an die Geschichte herangehen.
Nichts.
Irgendwann Anfang März musste er sich eingestehen, dass er eine Schreibblockade hatte. Einen veritablen writer's block. Er doch nicht. Das war ihm in all den Jahren nie passiert. Diethard war schockiert. Verunsichert.
Inzwischen neigte sich der März dem Ende zu und Diethard hatte Angst. Pure, nackte Angst. Existenzangst. Wenn er nun nie mehr schreiben könnte? Nacht für Nacht wälzte er sich im Bett herum, nickte kurz ein, schreckte schweißgebadet aus Alpträumen auf, in denen er wie Sisyphus einen Hang empor kletterte, einen Klumpen Worte vor sich herrollend. Immer wieder kurz vor dem Gipfel entglitten ihm diese Worte und polterten zurück in die Tiefe. Manchmal rissen sie ihn mit sich und er wachte auf und wunderte sich, dass er seine Finger um die Bettdecke statt um Stein gewordene Begriffe krampfte.

"Wenn ich beten könnte", flüsterte er, "dann würde ich beten, dass die Worte wieder aus meinen Fingern flössen. Uferlos, immer weiter. Ich wollte nicht ruhen, sondern schreiben und schreiben und schreiben. Bis ich am Ende bin."
Diethard schloss die Augen. Seine Finger lagen immer noch auf der Tastatur des Computers. Er spürte ein leises Vibrieren, ein Prickeln, als würde er die Enden von Drähten berühren. Sein Atem wurde tiefer, der Herzschlag beschleunigte, als Worte in ihm aufstiegen. Bilder formten sich, Stimmen erklangen in seinen Ohren, er roch die Geschichte, fühlte sie.
Und dann bewegten sich seine Finger über die Tasten. Erst zögernd, suchend, schließlich schneller und immer schneller. Zeile um Zeile erschien am Bildschirm, Kapitel um Kapitel.
Draußen verblassten die Sterne, das Schwarz der Nacht wich der Dämmerung. Diethard schrieb und schrieb.
Im Haus erklangen Tagesgeräusche, die Dusche, die Kaffeemaschine. Seine Frau schaute ins Arbeitzimmer und rief "Frühstück!". Diethard schrieb und schrieb.
Die Haustür schlug zu, ein Auto startete, seine Frau fuhr zur Arbeit. Die Sonne stieg, zog im Bogen an seinem Fenster vorbei, versank in abendroten Wolken. Diethard schrieb und schrieb.
Um 22.37 Uhr hörte das Klappern der Tastatur auf. Vom Schreibtisch erklang ein sanftes Zischen und das kaum hörbare Geräusch, als wenn ein Blatt auf den Fußboden sinkt.

Um 22.50 Uhr ertönte ein gellender Schrei. Diethards Frau hatte die leergeschriebene Hülle ihres Mannes neben dem Ledersessel gefunden.

Mittwoch, 5. November 2008

Zerrissen

Es fing mit einem Ziehen unter der Kopfhaut an. Jetzt keine Migräne, dachte sie, ich habe keine Zeit für Pausen, ich habe zu tun, muss arbeiten, muss denken, darf nichts vergessen.

Das Ziehen verstärkte sich, wanderte in ihren Nacken, zog von der Nasenwurzel tiefer. Ich kann mich jetzt nicht ins Bett legen, die Kalkulation muss fertig werden, zum Supermarkt muss ich auch noch, der Kleinen bei den Hausaufgaben helfen, Kochen, Wäsche waschen.

Ein stechender Schmerz tastete sich Wirbel für Wirbel abwärts, als ob eine Nadel ihr Rückgrat mit einer Perforation versah wie an den Collegeblocks ihrer großen Tochter. Ich will endlich das Buch zu Ende lesen, das seit einem Monat auf meinem Nachttisch liegt, der Ikebana-Kurs läuft auch schon zwei Wochen und hat mich noch nicht gesehen, ganz zu schweigen von der Walking-Gruppe, ich will, ich soll, ich muss, meine Güte.

Sie spürte, wie der Riss vom Kopf bis zum Unterleib durch ihren Körper lief. Das Geräusch erinnerte sie an den Karton, den sie gestern zerteilt hatte, bevor er im Altpapier landete. Das war das Letzte, was sie wahrnahm, bevor ihre beiden Hälften nach rechts und links auf den Boden sanken.

Mittwoch, 24. September 2008

Der Knackpunkt im Leben

"Und nun kommen wir zu unserem nächsten Gast."
Die Moderatorin lächelte in die Fernsehkamera mit der roten Aufnahmelampe. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Stichwortkarte (die war ihr lieber als der Teleprompter) und schnurrte ein paar Informationen herunter.
"Viele von Ihnen werden Silvia Settersbach kennen. Seit fünf Jahren stürmt sie regelmäßig die Bestsellerlisten mit ihren heiteren Alltagsromanen. Ihr Erstling 'Kapriolensommer' stand zwölf Wochen auf Platz Eins. Damals feierte die Autorin gerade ihren - ich darf das doch sagen, oder? - ihren neunundvierzigsten Geburtstag."
Die Kamera schwenkte zu Silvia Settersbach, die nickte und ebenfalls lächelte. Sie saß entspannt in einem roten Ledersessel zwischen dem Sänger, der heute mit seinen Bildern ein Vermögen verdiente, und dem Kellner, der nach einem Lottogewinn ein eigenes Restaurant eröffnet hatte. Silvia Settersbach lächelte und kleine Fältchen rahmten ihre Augen. Sie hatte Spaß an diesem Abend und an der Tatsache, dass jetzt wohl die halbe Nation vor den Fernsehern nachrechnete, wie alt sie heute war. Sie strich eine silbergraue Haarsträhne aus dem Gesicht und legte ihre Hand wieder auf die Armlehne.
"Frau Settersbach, ihr neuester Roman 'Siebenschlaf' ist vor kurzem erschienen. Erzählen Sie uns doch bitte, worum es in diesem Buch geht?"
Silvia räusperte sich und sprach dann mit angenehm dunkler Stimme:
"Die Protagonistin ist eine Frau Mitte Vierzig, die sieben Jahre lang sozusagen geschlafen hat. Sie hat das Leben an sich vorbei ziehen lassen in ihrer Alltagsroutine. Und dann passiert etwas, das sie aufwachen lässt. Mehr möchte ich hier nicht verraten."
Die Moderatorin setzte das Wasserglas, an dem sie genippt hatte, wieder auf den Tisch in der Mitte der Talk-Runde.
"Ich finde es beeindruckend", sagte sie, "wie Sie immer wieder Situationen, die jeder von uns so oder ähnlich kennt, neue Wendungen geben. Wie finden Sie Ihre Ideen? Wovon lassen Sie sich inspirieren?"
"Inspiration, das klingt so schwerwiegend. Das klingt nach Eingabe von oben, nach einer Gnade, die dem Schriftsteller zuteil wird. Vielleicht braucht es das von Zeit zu Zeit. Aber am wichtigsten sind meiner Meinung nach offene Augen und Ohren. Sehen und hören, was rundum passiert. Die Kleinigkeiten wahrnehmen, die man sonst übersieht. Und dann weiterdenken, weiterspinnen."
Silvia Settersbachs Hände fuhren bei diesen Worten mit kreisenden Bewegungen in die Luft. Sie hatte sich vorgebeugt, ihre Augen leuchteten.
"Verstehen Sie, was ich meine? Das Leben ist so reich, wir müssen die Dukaten nur von der Straße sammeln." Sie machte eine kurze Pause. "Naja, ein bisschen Fantasie gehört natürlich auch dazu."
"Fantasie kann im Leben wohl nie schaden", mischte sich ein älterer Herr im dunklen Anzug ein. "Ohne Fantasie ist der Alltag doch grau und trüb."
"Ja, da hat Herr Habermann wohl recht", versuchte die Moderatorin das Ruder wieder zu übernehmen. "Aber zurück zu ihrem Roman. Sieben Jahre Schlaf, hat das autobiographische Züge? Schließlich haben Sie ja erst ziemlich spät mit dem Schreiben begonnen."
"Nein, nein, verschlafen habe ich mein Leben nie. Ich habe gearbeitet, Kinder bekommen, Kinder aufgezogen und dabei gearbeitet. Und ich habe immer versucht, trotz allem Zeit für mich und meine Interessen zu bewahren."
"Sie waren von Beruf Bürokauffrau. Haben Sie denn als Hobby auch früher schon geschrieben?"
Silvia Settersbach schüttelte den Kopf und schob die widerspenstige Haarsträhne wieder hinter ihr Ohr.
"Nein, eigentlich nicht. Briefe an Freunde. Ein wenig Tagebuch, das war jedoch nichts für mich. Ab und zu ein Gedicht zu einem Geburtstag. Nein, regelmäßig geschrieben habe ich vorher nicht. Schon gar nichts, was man als Literatur bezeichnen könnte."
"Dann kommen wir zu dem entscheidenden Punkt. Das Thema unserer Sendung heißt heute 'Der Knackpunkt in meinem Leben'. Was war der Knackpunkt in Ihrem Leben? Was hat Sie zur Autorin gemacht?"
Silvia Settersbach schaute auf ihre Hände und schmunzelte.
"Ein kleines Büchlein."
Sie hob den Kopf und sah geradeaus in die Kamera.
"Ich möchte mich gerne an dieser Stelle bedanken. Eine ältere Dame hat mir damals ein Büchlein geschenkt als kleines Dankeschön, weil ich mich um ihre Katzen und ihre Zimmerpflanzen gekümmert hatte, als sie eine Weile im Krankenhaus lag."
"Das wird ja richtig romantisch", dachte die Moderatorin, sagte jedoch nichts.
"Vielen Dank, Frau Wegener", fuhr Silvia fort. "Sie haben mir die Augen geöffnet."
"Nun sagen sie schon, was für ein geniales Buch das war", unterbrach der Sänger-Maler ungeduldig. "Ein Schreib-Ratgeber? Lyrik oder Prosa?"
Silvia Settersbach sah ihn ruhig an. Dann nahm sie ihre Handtasche und zog ein schmales Buch mit dunkelgrünem Einband heraus. Sie hielt es in die Kamera, die es so groß wie möglich heranzoomte. Die Zuschauer an den Bildschirmen lasen:
"Von hier nach morgen - Texte aus unserer Schreibwerkstatt"
Silvia Settersbach reichte das Buch ihrem Nachbarn, der erstaunt darin blätterte.
"Die kenne ich alle gar nicht", stellte er fest. "Ah, da hinten steht etwas über die Autoren. Aber das sind doch keine Schriftsteller. Ein Beamter, eine Lehrerin, ein Installateur, eine Studentin, eine Rentnerin."
"Genau." Silvia Settersbach strahlte jetzt. "Menschen wie du und ich. Alltagsmenschen. Alle haben sie ihren Beruf und trotzdem schreiben sie. Und sie zeigen das, was sie geschrieben haben, anderen Menschen. Sie trauen sich, sich Autoren zu nennen. Sie haben das nicht gelernt, nicht studiert. Sie schreiben einfach."
Sie atmete tief durch, bevor sie weiter sprach.
"Und das hat mir den Mut gegeben, es ebenfalls zu versuchen. Dieses kleine Geschenk hat mein Leben verändert. Und jetzt sitze ich sogar hier in dieser illustren Runde."


© U.L., Dezember 2007

Dienstag, 17. Juni 2008

auf der Höhe

Sie lehnte sich auf der Bank zurück, legte den Kopf an die warme Steinmauer in ihrem Rücken. Der Schiefer duftete nach Sommer, auch wenn erst Mai war. In den Fugen wuchsen filigrane Pflanzen mit zartlila Blüten. Eine smaragdfarbene Eidechse huschte unter eine Steinplatte.
Sie schloss die Augen und hörte den Schrei eines Raubvogels. Ein Bussard kreiste über dem Hang. Ihr Puls beruhigte sich.

Der Aufstieg hatte ihr Herz schneller schlagen lassen. Steil war der schmale Pfad, feucht vom Regen der Nacht und rutschig. Sie setzte Fuß vor Fuß, balancierte zwischen Mauern und Weinreben in einem der steilsten Weinberge Europas.
Wie schafften sie es, die Trauben zu pflücken. An dieser Schräge. Sie hätte keinen Fuß zwischen die Reihen setzen können, geschweige denn dort arbeiten. Schon hier, auf diesem Pfad quer zum Hang, schwindelte ihr. Aber sie blieb nicht stehen.

Der Ausblick auf die Mosel war grandios. Tief unter ihr zog der Fluss träge einen graugrünen Streifen zwischen den Straßen. Gegenüber ein Weindorf, die Kirche im Zentrum, rundum die alten Häuschen mit den großen Toreinfahrten. Und an den Hängen wie mit dem Lineal gezogen die Reben.
Sie beugte sich vor. Unscheinbare Blütenansätze versteckten sich zwischen den großen Blättern. Erstaunlich, was im Laufe eines Sommers entstand. Und was dann unter den Händen eines geschickten Winzers mit Wissen und Zeit daraus wurde. Wein - eines der ältesten Getränke der Menschheit. Und eines der schmackhaftesten, fand sie.

Sie öffnete ihren Rucksack, holte eine Flasche und zwei Gläser heraus, zog den Korken gekonnt aus dem Flaschenhals und schenkte den fein perlenden Riesling ein. Ein Glas reichte sie dem Mann an ihrer Seite, hob lächelnd ihres und sagte:
"Schön, dass du da bist."

Mittwoch, 28. Mai 2008

Eibenhecken

Eibenhecken, nichts als Eibenhecken. Mindestens drei Meter hoch.
Dichtes, undurchdringliches Grün auf beiden Seiten.
Exakt beschnittene Scheuklappen. Wäre Winter, ich sähe nicht mehr als jetzt.

Wie kam ich hierher? Wann und warum?
Ich öffnete die Augen und war gefangen. Gefangen zwischen Mauern aus rauen Zweigen und weichen Nadeln. Nadeln mit Wachsstreifen auf der Unterseite. Parallele Streifen wie die lebenden Wände rechts und links des Weges.

Ein schmaler Pfad. Der feine Kies knirscht unter jedem vorsichtigen Schritt.
Vor oder zurück? Wohin die Füße setzen? Gibt es einen Ausgang?
Ich tappe blind meinen Schuhspitzen nach, geradeaus bis zur nächsten Wand. Drehe meinen Kopf zur einen Seite. Zur anderen Seite. Wende mich dem rechten Gang zu.
Ist recht gleich richtig? Richtig wofür? Wogegen?

Ich gehe. Scheinbar ziellos. Dem Weg nach. Die grünen Mauern leiten mich. Verleiten mich. Es ist leicht, dem Weg zu folgen. Wessen Weg?
Ich beschleunige. Will wissen, wohin dieser Weg führt.
Ich sehe niemanden. Höre niemanden. Keine Schritte, keine Stimmen.
Ein Raunen geht durch die Zweige. Ein Wispern wie von Wind. Doch kein Luftzug streift meine Haut.

Ich bleibe stehen, lausche dem Flüstern. Versuche zu verstehen. Versuche Worte zu erhaschen.
Du musst, flüstert es. Du sollst - und - du darfst nicht. Du weißt, was sich ziemt. Sei nicht egoistisch. Denk an die anderen.
Je länger ich horche, desto klarer die Sätze. Eindringlich. Fordernd. Die Stimmen verzerrt. Erkennbar trotz allem. Erinnern an Vater und Mutter, an Lehrer und Pfarrer.

Ein Schrei - laut und schrill. Wer war das? Ich will! Und nochmal ich will!
Will Ich sein. Will frei sein. Will Mauern durchbrechen. Will fliehen aus Enge und Zwang.
Ich breite die Arme, recke den Kopf, die Augen zum blassblauen Himmel.
Ich weite die Brust, atme tief und fühle mich schweben.
Höher und höher, bis ich die Hecken von oben betrachte. Nirgends ein Durchbruch in grünen Mauern. Dicht und geschlossen rundum. Einzig der Weg nach oben möglich.

Eibenhecken, ein Labyrinth aus Eibenhecken. Nicht nur aus Eibenhecken.


© U.L., Januar 2008

Montag, 24. März 2008

Osterbesuch

Sie saß auf dem beige gemusterten Sofa, die Beine übereinander geschlagen, die Hände verschränkt im Schoß. Der Polsterstoff stach wie feine Nadeln durch ihre Gabardinehose. Trüge sie Jeans, würde sie nichts spüren. Aber Jeans waren unmöglich an Ostern. Sie hockte dort und versuchte, den Gesprächen der älteren Verwandtschaft zu folgen.
"Und weißt du, wer auf der Beerdigung vom Ewald war? Die Hanne. Hab sie ja schon ewig nicht gesehen, ist aber immer noch so schlampig wie früher. Nur grau eben. Die hatte doch glatt eine hellgrüne Hose an. Auf einer Beerdigung. Stell dir mal vor."
Entrüstetes Kopfschütteln, dass die getönten Locken wippten.
"Der ihr Sohn ist jetzt schon wieder arbeitslos. Die Firma hat Pleite gemacht. Kann er ja nichts dafür. Aber bis der mal wieder eine Stelle findet, nee, nee."
"Ist ja auch schwer heutzutage. Überall machen die Firmen zu." Der ältere Herr nickte wissend. "Die Konzerne verdienen sich eine goldene Nase und die Arbeitnehmer sehen nichts davon."
Er setzte an zu einem Monolog über den Kapitalismus und die Frau auf dem Sofa seufzte innerlich. Sie fixierte ihr Wasserglas und beobachtete die Reflexe im geschliffenen Muster, wenn sie den Kopf leicht zur Seite neigte.

Als Kind hatte sie diese Verwandten-Treffen gemocht. Sie hatte sich auf das marokkanischen Sitzkissen neben dem Sofa gekuschelt und still gelauscht, was die Erwachsenen erzählten. Da ging es um Urlaubserlebnisse und Hochzeiten, um die Erinnerung an die erste Liebe und das samstägliche Tanzen kurz nach dem Krieg. Da wurde geschwärmt von süßen Likören und schicken jungen Männern im Anzug.
Und das Kind schloss die Augen und machte sich klein, damit die Großen vergessen sollten, wer da noch zuhörte. Und die Großen vergaßen und erzählten und erinnerten sich und lachten.
Und plötzlich hörte sie die Stimme ihrer Mutter: "Du bist ja noch gar nicht im Bett!" Dann konnte sie bitten und betteln, sie musste ins Bad zum Zähneputzen.

"Du sagst ja gar nichts, Marlies."
Die Frau auf dem Sofa zwinkerte und rückte sich gerade. Waren die Gespräche heute wirklich so anders geworden? So negativ, so bitter? War die Welt so anders oder die Menschen? Oder war sie einfach kein Kind mehr?

Samstag, 15. März 2008

Rahm-Programm

"Und zum Schluss runden wir die Pfifferlinge mit einem großzügigen Schuss süßen Rahms ab."
Die junge Frau hinter dem Herd goss Sahne aus einem Glaskrug in eine dampfende Kasserolle und rührte ein paar Mal mit dem Kochlöffel um. Dann strahlte sie wieder in die Fernsehkamera.
"Wir lassen unsere Rahmpfifferlinge etwas einreduzieren, schmecken mit Salz und Pfeffer ab und streuen etwas frisch gehackten Majoran darüber. Das war's auch schon für heute. Wir sehen uns morgen wieder, wenn Sie mögen. Dann werden wir Pasta in Gorgonzola-Sahnesauce mit Lachs zubereiten. Essen Sie wohl."

"Nie im Leben isst die, was sie da kocht. So schlank kann man bei der ganzen Sahne nicht bleiben", grummelt Maximilian Trockenbrodt und drückt einen Knopf auf der Fernbedienung. Der Receiver schaltet um und auf dem Bildschirm erscheint ein sportlich wirkender Mann um die dreißig in T-Shirt und Baseballkappe.
"Hey Leute, ihr seht, Kochen ist ganz easy. Also, ihr nehmt jetzt den Sauerrahm und rührt ein paar Spritzer Zitronensaft ..."
Maximilian schaltet weiter.
"Nur die besten Zutaten können ein wirklich gutes Gericht entstehen lassen. Daher nehmen wir für unser Rahmgeschnetzeltes den Bio-Rahm mit dem natürlichen Fettgehalt."
Nächster Sender.
"Für unseren Schmantkuchen brauchen wir ..."
"Sprechen die sich eigentlich alle ab?" Maximilian drückt die rote Taste, der Fernseher wird dunkel.

Maximilian stemmt sich ächzend aus dem Ohrensessel hoch und schleppt sich mit schweren Schritten in die Küche. Aus dem Kühlschrank nimmt er Sahne, Schmant, Crème fraîche und watschelt unbeholfen zur Spüle hinüber. Er reißt die Packungen auf, schüttet den Inhalt ins Spülbecken und lässt warmes Wasser darüber laufen, bis die milchige Brühe im Ausguss verschwunden ist.
"Ich bin aufgegangen wie ein Hefekloß mit sahniger Vanillesauce. Über zweihundert Kilo sind zuviel. Viel zuviel. Ich verspreche mir feierlich, dass ich abnehmen werde. Schluss mit Rahmgulasch, Rahmgemüse und Sahnetorte. Es lebe die Möhre!"

© Uta Lösken, Juni 2006

Ich bin über's Wochenende bei Freunden auswärts. Deshalb hab ich mal wieder in meinen Fundus geschaut. Der Text entstand durch eine Schreibanregung: 300 Wörter zum Thema "Gerahmtes".

Montag, 31. Dezember 2007

Zwischen den Jahren

"Na, Weihnachten gut überstanden?"
Manni stand hinter Kurt in der Schlange an der Kantinentheke.
"Mmmh", machte Kurt und nickte. "Ganz ruhig mit Mutter."
"Und was ist mit ..." Manni suchte nach dem Namen, aber Kurt wusste, von wem er sprach.
"Marianne war bei ihren Eltern in Norddeutschland."
"Nun lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Ist sie wieder da? Feiert ihr Silvester zusammen? Was habt ihr vor?"
Kurt brummelte ein leises "später", bestellte Bratkartoffeln und Sülze und schob dann sein Tablett langsam Richtung Kasse. Unterwegs stellte er noch ein Glasschälchen mit undefinierbarem Pudding dazu, bezahlte und suchte einen freien Tisch. Manni stolperte hinter ihm her und versuchte, seinen Eintopf nicht aus der Suppenschüssel schwappen zu lassen.
"Wenn du nicht darüber reden willst", meinte Manni, nachdem er die ersten Löffel Linsensuppe gegessen hatte, "dann sag's einfach. Ich will ja nicht aufdringlich sein."
Kurt schnitt ein Stück Sülze ab, schob es mit ein paar Kartoffelscheiben auf die Gabel und sah grinsend seinen Kollegen und Freund an.
"Nee, ist schon in Ordnung. Müssen nur nicht alle gleich mitkriegen."
Sülze und Bratkartoffeln verschwanden in seinem Mund und Kurt kaute gemächlich.
"Rita-Schatz und ich gehen dieses Jahr wieder auf die Silvesterparty von unserem Kegelclub. Das ist ne nette Runde, gute Musik, leckeres Essen vom Buffet", schwärmte Manni. "Kommt doch mit, das wäre kein Problem."
Kurt schüttelte den Kopf.
"Danke für die Einladung. Nächstes Mal vielleicht. Dieses Jahr sind das zu viele Menschen."
Schweigend aßen beide weiter. Kurt löffelte seinen Pudding - "Soll wohl Pfirsich sein." - schob dann das Tablett zurück und streckte sich.
"Ich habe einen Tisch bei Pietro bestellt", verkündete er.
"Wow! Silvestermenü? Da sind wohl keine Menschen, was?"
"Schon, aber nicht an unserem Tisch. - Entschuldige." Kurt hatte Mannis Blick bemerkt. "Ist nicht böse gemeint."
Manni grinste schon wieder. "Nee, ist klar, Zweisamkeit angesagt."
Kurt wurde rot.
"Ist alles noch ganz frisch. Gibt viel zu reden." Er verstummte.
Manni und Kurt standen auf, nahmen ihre Tabletts und brachten sie zum Geschirrwagen. Auf dem Weg zum Parkplatz blieb Kurt unvermittelt stehen.
"Ich bin froh, dass wir Freunde sind", sagte er. "Und ich wünsche mir, dass wir das bleiben und noch lange zusammen unterwegs sind. Ich wünsche dir und deiner Rita einen guten Rutsch ins neue Jahr."
Dann drehte er sich um und ging mit schnellen Schritten zum Auto.

Auf Travellers Pfaden

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